„Die Kunst schenkt uns Assoziationen mit unserem eigenen Leben“ Beata Beck, Sopranistin, Wien_ 22.6.2021

Liebe Beata, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich über meinen derzeitigen Alltag nachdenke und dabei automatisch zurückblicke, habe ich eigentlich jahrelang in einem Hamsterrad gelebt – viel studiert – zunächst Klavier, parallel ein paar Jahre Architektur bis zum Sudienabbruch und danach Gesang. Ich war zielstrebig dabei, mein Leben mehr und mehr aufzubauen und nach meinen Wünschen zu gestalten. Und auf einmal war sie da, die ungewohnte Stille im bewegten Leben der Künstler. Die Ruhe, die doch oft so ersehnt wird, wenn sie sich in weiter Ferne befindet.

Man glaubt es kaum: aber auch während des Stillstandes hatte mein Tag immer noch zu wenig Stunden. 

Als menschliche Wesen bedienen wir uns der hedonistischen Anpassung. Das Leben bietet immer wieder Veränderungen im Positiven wie im Negativen, man passt sich schnell an und gewöhnt sich an die neue Situation, wodurch sich der Alltag natürlich verändern kann oder neue Prioritäten bekommt. Mit anderen Worten: das Leben muss irgendwie weiter gehen. Andernfalls wäre es ja auch ziemlich eintönig.

Ich bin der Typ Mensch, der aus jeder Situation versucht, das Beste heraus zu holen und habe – da es meiner Natur immer schon widerstrebte, faul zu sein, ohne dabei ein zermarternd schlechtes Gewissen zu haben – auch die Zeit der Pandemie sehr gut genutzt, um mich in erster Linie meiner Stimme zu widmen, also Technik und Repertoire zu fokussieren. Erweiterung im Klavierrepertoire stand auch am Tagesplan – ich habe alle Werke, die für entfallene Konzerte geplant waren, einstudiert und hoffe auf eine Verwirklichung der aufgeschobenen Konzerte. 

Natürlich ist es insgesamt nicht immer einfach, sich zum Üben zu motivieren – ich hatte auch genug Tage zwischendurch, an denen gar nichts ging und die Motivation im Keller war. Das Üben ohne Ziel im Sinne von Druck beziehungsweise Auftritten, ist bekanntlich nicht so einfach. Insofern muss man sich die Ziele eben selbst setzen.

Inzwischen überrollt es mich im Alltag ohnehin bereits wieder, zwar noch ohne Aufrittsroutine, aber auf einmal ist der Stress wieder da. Die Zeit, alles in Ruhe zu erledigen, viel zu lesen und sich für alles einfach mehr Zeit zu nehmen, nimmt wieder drastisch ab. Nach so langer Zeit wiederum eine Umstellung, aber ich liebe es und fühle mich sehr energiegeladen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mir persönlich wäre es ein Herzensanliegen, wenn unsere Gesellschaft an sich wieder zu einer Menschlichkeit und einem gegenseitigen Verständnis zurückkehren würde. Einer Menschlichkeit, die mit Werten von Toleranz und Akzeptanz konform geht und sich nicht am Hass orientiert, somit also erfolgreich spalten lässt. Seinen eigenen Verstand einsetzt und sich auch nicht wie eine Computerseele am geschürten und eingetrichterten Wortschatz unsrer Zeit bedient. Ich persönlich kann so manch modischen Wortgebrauch im respektlosen Gegeneinander eigentlich nicht mehr hören.

Jedes Individuum in unserer Gesellschaft befindet sich in seiner eigenen Auseinandersetzung und seinem eigenen Konflikt mit dieser Situation – manche mehr bis existenzbedrohend, manche weniger. Die einen sind von der Krise stark eingeschränkt und machen verschiedene Maßnahmen schwer zu Schaffen, die anderen bemerken einige Einschnitte in unsere Freiheit nicht einmal, weil sie gar nicht in Berührung kommen oder auch gar nicht realisieren, dass eventuell sogar gewisse Maßnahmen nicht unbedingt gesundheitsfördernd sein müssen.

Jeder hat aber auch mit seiner Lebensgeschichte verschiedene Ängste und Sorgen. Mensch sein bedeutet, den anderen „sein“ zu lassen und wahrzunehmen. Wie er ist, wie er fühlt – denn all dies hängt mit den eigenen Erfahrungen zusammen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens macht. Diese Erfahrungen sind Teil seiner Seele und tragen dazu bei, wie ein Mensch denkt und was er für sich und sein Umfeld als richtig oder falsch empfindet. Dieses Gefühl, diese Intuition kann einem niemand nehmen. Mensch sein heisst nicht, sein „Ich“ und seinen Willen auf andere zu projizieren.

Deshalb ist es so wichtig, immer wieder in die Selbstreflexion zu gehen. Sich die Frage zu stellen: Was will ich und was will ich vor allem nicht? Menschen immer so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte. Mit Respekt, Meinungstoleranz und Empathie. Oder gibt es tatsächlich Menschen, die selbst nicht mit diesen Werten geschätzt werden möchten?

Mehr denn je ist es heute wichtig, eine gefestigte Persönlichkeit zu haben und zu sich zu stehen, auch wenn man mitunter dabei aus der Reihe tanzen muss. Ist nicht gerade dies auch reizvoll? Anders und authentisch zu sein und dabei die eigene, innere Wahrhaftigkeit anzustreben? Dazu fällt mir folgendes Zitat ein, über das ich im Netz gestolpert bin: „Die einzige Wahrheit, die du geben kannst, ist jene dir selbst gegenüber. Und das ist die einzig wahre Befreiung. Dir selbst am Abend im Spiegel in die Augen zu sehen und zu sagen: Ich bin mir selbst treu geblieben.“ 

Es ist also meinem Empfinden nach auch besonders wichtig, sich selbst und seinen Körper zu spüren. Auf den Körper, die innere Stimme, die Intuition zu hören und dabei seinem Herzen in richtiger Balance mit dem Verstand zu folgen. Der Kreislauf der Natur und der Lebenszyklus zeigen vor, wie es funktioniert, man muss nur aufmerksam wahrnehmen lernen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist wohl die Entwicklung des Exhibitionismus von Sachverhalten, die bisher eigentlich unter „Privatleben“ eingestuft wurden: der Trend scheint immer mehr Richtung „gläserner Mensch“ zu gehen. Wenn man rückblickend genau hinsieht, wurde dies mit Social Media eigentlich seit Jahren aufgebaut und zwar in die Richtung gehend, sich sogar selbst dazu zu erziehen. Natürlich jeder in seinem Raum und jedem überlassen, wie weit er dabei gehen möchte, was ja auch völlig in Ordnung ist, solange man sich frei dazu entscheidet. Natürlich aber wird durch diesen jahrelangen Aufbau auch die Hemmschwelle kleiner, sich hedonistisch und reflektionslos anzupassen und widerstandslos zu befolgen, was unter dem Deckmantel des Gemeinwohls beschlossen wird, um so immer mehr dem Zeitalter der Digitalisierung entgegen zu schlittern.  

Nun zur Kunst – als Künstler muss, oder besser gesagt kann man (denn müssen soll man gar nichts) ja auch eine gewisse Offenheit im Leben mitbringen, die ich persönlich auch sehr schön, reizvoll und sogar berufsbezogen spannend finde. Authentische Musiker musizieren meist auch so, wie sie leben. Man kommuniziert auf unausgesprochener Ebene, mit dem Ausdruck der Gefühlswelt in Farben und Nuancen. Beim Musizieren und bei der Art des Interpretierens lernt man also oft einen großen Teil der Seele kennen – das ist wohl auch ein Grund, wieso sich Musiker untereinander sehr schnell in zwischenmenschlicher Beziehung finden können. Manchmal sogar quasi von heute auf morgen. Vor allem, wenn die Seelen ein Ganzes ergeben, auf der gleichen Ebene schwingen, was sich auch durch Gemeinsamkeiten spezieller Musikliebe bemerkbar macht. Dasselbe trifft natürlich ähnlich auch in anderen Kunstsparten zu…

Die Rolle der Musik und der Kunst an sich sollte also immer eine verbindende sein. Ein festes, überirdisches Band, das zwei Menschen bis eine ganze Gesellschaft verbinden kann. Jeder von uns kennt es wohl: man hört bestimmte Musik und ist unmittelbar mit einer Erinnerung oder Menschen verbunden, mit denen man diese Musik gemeinsam erlebt hat und eben durch diese immer verbunden sein wird. Genauso wecken auch visualisierte Kunst wie Architektur – Gebäude oder Plätze – besondere Lebensbegebenheiten. Oder verschiedenste Bücher, die ja auch inspiriert aus dem Leben entstanden sind. 

Die Kunst als Ganzes schenkt uns Assoziationen mit unserem eigenen Leben, was ich ganz besonders wichtig finde, auch als heilenden Prozess und als Festhalten von besonderen Erinnerungen und Lebenserfahrungen. Die Kunstform, die uns in den letzten Monaten vermutlich am stärksten blieb, ist das Buch. Dank diesem können wir uns auf Reise begeben, auch oft unvermutet in die eigene Vergangenheit und sogar in nicht erlebte Zeitepochen.

Mein Wunsch wäre abschließend, dass jeder Mensch seinen Weg gehen kann, so wie er/sie es für richtig empfindet und zwar frei, in Eigenverantwortung, frei von Ängsten, frei vom Gefühl, sich genötigt zu fühlen zu etwas, dass er/sie nicht will. Frei vor allem, seine Berufung ausüben zu können.

Was liest Du derzeit?

Ich lese eigentlich alles, was mir in die Hände fällt und anspricht. Von alten Meistern bis zur modernen und zeitgenössischen Literatur und weiterbildenden Lektüren rund um Psychologie, Gesellschaft und natürlich auch musikgeschichtlichem und künstlerbiografischem Inhalt, wie im letzten Herbst die neu erschienenen Bücher von Franz Welser-Möst und Philippe Jordan über die Stille aus unterschiedlichen Perspektiven, musik – als auch lebensbezogen.

Da ich schon seit Kindheit, gefördert durch meine Eltern und meiner Deutschprofessorin am Akademischen Gymnasium begeisterte Leserin bin, schaffe ich mir immer wieder Büchertürme an, die leider im indirekt proportionalen Verhältnis zur tatsächlichen Lesezeit stehen. 

Zuletzt habe ich „Stiller“ von Max Frisch gelesen und nun lese ich „Orangen für Dostojewkij“ von Michael Dangl. Seit einiger Zeit habe ich auch Hanns-Josef Ortheil für mich entdeckt, den ich jedem Musiker/Künstler und Kunstgesinnten, der ihn nicht kennt, ans Herz legen möchte. Er schreibt nicht nur wunderschön und lebensnah, sondern auch sehr kunstreich – Musik und Kunst darf in seinen Romanen nicht fehlen. Denn als zunächst angehender Konzertpianist kommt er von der Musik und erzählt auch viel autobiografisch. Seine Bücher sind also immer ein lebensnahes Erlebnis.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Bei so vielen Lieblingsschriftstellern wie Hugo von Hofmannsthal, Thomas Bernhard, Stefan Zweig u.a. war es nicht so einfach, sich zu entscheiden – ich habe Paulo Coelho ausgesucht und möchte Euch gleich ein paar Textimpulse aus seinem neuesten Büchlein „Und die Liebe hört niemals auf“ mitgeben:

„Das Leben ist kein langer Urlaub, sondern eine Zeit unablässigen Lebens. Und die wichtigste Lektion ist: lieben zu lernen. Jedes Mal besser zu lieben. Was macht einen Menschen zu einem großen Künstler, einem großen Schriftsteller, einem großen Musiker? Die Übung. Was macht einen Menschen zu einem großen Menschen? Übung. Nichts anderes.“

Da der Tod vielfach Thema der letzten Zeit war und in Gedenken an meinen eigenen, vor drei Jahren verschiedenen Vater, möchte ich abschließend auch folgende Textstelle von Paulo Coelho zitieren:

„Und die einzigen Dinge, die unsterblich sind, sind ‚Glaube, Hoffnung und Liebe’. Man könnte natürlich einwenden, dass zwei davon doch vergänglich sind: der Glaube, wenn wir die Gegenwart Gottes spüren und erleben, und die Hoffnung, wenn sie erfüllt wird. Aber die Liebe wird ganz gewiss bleiben. Gott, der ewige Gott, ist Liebe. Sucht also die Liebe – diesen ewigen Augenblick, das Einzige, das Bestand haben wird, wenn die Menschheit am Ende ihrer Tage angelangt ist. Die Liebe wird immer die einzige im Universum gültige Währung sein, wenn alle anderen Währungen aller Nationen ihren Wert verloren haben. Wenn ihr euch etwas hingeben wollt, gebt euch der Liebe hin – und alles Weitere wird euch hinzugegeben.“ … „Ich musste alleine herausfinden … Dass in Wahrheit alle, die Gott vertrauen – das heißt, dass jene, die ihn lieben, denn das Vertrauen ist der einzige Weg hin zur Liebe – ein ewiges Leben haben würden.“

Dimitri Schostakowitsch vertonte das „ewige Leben“ 1975 im Finale seiner letzten Komposition – der Sonate für Bratsche und Klavier – wenige Wochen, bevor er verstarb. Ein Abschiedsgesang (mit zitierten Elementen aus der Mondscheinsonate), mit dem ich meinen Vater musikalisch verabschiedete und somit seine Seele in Gottes Hände legte. So viel zurückkehrend zur Rolle der Musik: eine unbändige Kraft, ein verbindendes Band zwischen Menschen und gegenüber Gott – in jeder Lebenslage, die uns fernab vom Musikerberuf an sich auch im Alltag begleitet.

Vielen Dank für das Interview liebe Beata, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Beata Beck, Lyrische Koloratursopranistin und Pianistin

Beata Beck – Musikerin, Sopranistin, Pianistin

Foto_Marcus Freisem (aufgenommen im Künstlerhaus München)

31.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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