„Ich erkenne Freunde wieder, weil ich vorher Fotos von ihnen anschaue“ Caroline Mercedes Hochfelner, Schauspielerin_ Tirol 21.6.2021

Liebe Caroline, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe zeitig um halb auf und nehme was zu mir – meist Frühstück. Das tat ich aber vorher auch.

Ich Text im Theater und lerne probe – nein umverdreht, vor lauter lange her, weiß ich gar nicht mehr wie rum – zum Glück aber nicht über Zoom, es hat zwar Vorteile, aber diese waren aufs Theater bezogen dann relativ schnell an einer Hand abgezählt. Wir proben für die neue Sommerproduktion „Halbe Wahrheiten“ von Alan Ayckbourn im Innsbrucker Kellertheater und das ist nicht gelogen.

Die Produktion hätten wir schon letztes Jahr gespielt, sie hatte dann aber keine Lust auf uns virenverseuchte Schauspieler, wer kanns ihr verübeln. Darum hat sie uns auf heuer verschoben. Wir danken ihr dafür.

Am Beginn der Pandemie zog bei uns eine Hündin namens Ilvy ein – halb Aussie, halb Pudel, kurz Doodle… (und sieht aus wie ein Strudel). Wir meinten sie solle es sich vorher gut überlegen mit dem Einzug. Sie wohnt noch immer bei uns.

Und die will auch jeden Tag mindestens 15 mal raus mit meinem Freund und mir. Sie besteht geradezu darauf. Nun bleibt uns nichts anderes übrig, als uns von ihr spazieren führen zu lassen. Auch das Hölzchen wirft sie uns gern und oft.

Die tägliche Natur ist somit seit 2020 ein wichtiger Teil in meinem Tagesablauf geworden. Und auch die Zecken auf Ilvys Schnäuzchen. Iiiiiiiiii

Langsam sehe ich auch wieder öfters Freunde. Ich erkenne sie wieder, weil ich vorher Fotos von ihnen anschaue. Weil wir alle so brav waren, dürfen wir nun den Mindestabstand auf 5 Meter reduzieren, aber nur draußen. Drinnen sieht man’s nicht.

Ich surfe viel, schlecht auf den Wellen, aber gut im Internet und recherchiere massig für meine Schauspiel-, Regie- und Sprecherprojekte.

Aber im Moment lese und schaue ich wenig Nachrichten. Über das Wichtigste informiert mich mein Umfeld und mein Hund ungefragt ohnehin.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eine Freundin sagt immer das Wichtigste ist „Ruhig bleiben“ – da stimme ich ihr voll und ganz zu und das Zweitwichtigste sagt sie ist… äh… das darf ich hier nicht schreiben, das ist nicht jugendfrei.

Und das Drittwichtigste ist, sich treu zu bleiben und trotz allem der Mensch zu sein, der man vorher war. Mit all seinen Ideen und Wünschen.

Außer man war ein Serienkiller, dann könnte man seinen Charakterzug vielleicht nochmal überdenken.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Da ich nie eine große Planerin war und meine Projekte meist recht kurzfristig entstehen, tu ich mich nicht so schwer mit Neubeginn undsoweiter. Jedes meiner zahlreichen Projekte ist ohnehin ein Aufbruch und ein Neubeginn. Ich mache Regie-Konzepte, bereite mich auf  meine Rollen, Proben oder Drehs vor – das habe ich auch im Jahr 2020 so gemacht. Der kreative Kopf hört nicht einfach auf zu denken, da gibt‘s kein Stopp im Kopp. Darum denke ich im Moment gar nicht an 2020 zurück oder gar vor. Und wenn die Projekte nicht sofort verwirklicht werden können, dann werden sie eben danach verwirklicht. Irgendwann findet alles wieder für jeden statt.

Die meisten Menschen, die ich treffe, haben so große Lust auf Kunst und Kultur. Und diese werden wir auch alle antreffen an den Orten wo Kunst passiert. Und das ist gut zu wissen.

Die Angst wird weniger werden.

90 Minuten in einem (wenn auch nur zur Hälfte bestuhlten) Theater zu sitzen und in eine ganz andere Welt einzutauchen lässt einen für eine kurze Zeit vergessen was vor der Türe los ist und kann befreiend sein und dem Zuschauer ein bisschen Frieden und Ruhe geben, in einer Welt der Strenge, der Maßnahmen und der Regeln.

Was liest Du derzeit?

„Sagen aus aller Welt“ und Werke von alten bekannten Dichten… äh Dichtern… ach diese Autokorrektur.

Ich recherchiere für unser Projekt „Latrinenpoesie – Humoristisches zum Anhören, wenns mal schnell gehen muss“. Es ist nicht das, wonach es sich anhört. Oder doch. Es ist das, wonach es sich anhört. Es ist ein nonkommerzieller literarischer Podcast. Wir veröffentlichen regelmäßig kurze Audiobeiträge – unbekanntes Literarisches von bekannten Dichtern, die mein Kollege Peter Wolf und ich unsinniger vortragen als sie sind.

Latrinenpoesie ersetzt die Zeitung, die wir am Klo lesen. Da ohnehin jederfrau und jedermann sein Handy überall und natürlich auch am Kloset dabei hat, versüßen wir diese kurzen Minuten am Örtchen mit unsinnigem Schwachsinn.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ganz spontan fällt mir als erstes ein Gedicht ein – eine Kleinigkeit damit das Herz lacht:

Ick sitze hier und esse Klops

Uff eenmal kloppt’s

Ick kieke, staune, wundre mir,

Uff eenmal jeht se uff, die Tier.

Nanu, denk ick, ick denk, nanu

Jetzt isse uff, erscht war se zu.

Ick jehe raus und blicke,

Und wer steht draußen? – Icke!

[- nur nicht allzu paranoid werden 😉

– Sagt wer?

– Ich.

– Wer bist du und wo kommst du plötzlich her??]

Caroline Mercedes Hochfelner, Schauspielerin, Regisseurin

Vielen Dank für das Interview liebe Caroline, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Caroline Mercedes Hochfelner, Schauspielerin, Regisseurin

carolinemhochfelner.com

latrinenpoesie.at

Alle Fotos_Andrea Weber.

19.5.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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