„Wir sollten unsere Ängste auf den Tisch legen und offen reden“ Isabel Folie, Schriftstellerin_Wien 30.4.2021

Liebe Isabel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich arbeite als selbstständige Werbetexterin – ich kenne das Arbeiten im Home Office also nur zu gut. Darum hat sich meine Tagesstruktur auf den ersten Blick gar nicht einmal so stark verändert: Einige Stunden am Tag texte ich, andere widme ich dem literarischen Schreiben und dem Lesen. Neu ist, dass ich seit Kurzem an der Gestaltung eines intermedial angelegten Kunstmagazins arbeite. Am Wochenende bringt dann der Prosecco Schwung ins Leben.

Auch wenn die Tage mit all diesen Aktivitäten gut gefüllt sind, fehlt mir der persönliche Austausch mit anderen Künstlern, das Schreiben im Kaffeehaus oder das Beisammensein im Beisl sehr. Das wirkt sich auch auf mein Schreiben aus: Es ist in diesem ständigen Lockdown sehr viel mühsamer und kräftezehrender für mich, Inspiration zu erhalten und beim Schreiben den ersehnten Elan zu erlangen.

Isabel Folie, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Man sollte sich bewusst sein, dass es gerade für niemanden leicht ist. Wir alle wünschen uns, dass sich rasch etwas zum Besseren ändert. Deswegen ist es besonders wichtig, dass wir zusammenhalten und uns nicht gegenseitig anfeinden und diffamieren. Wir sollten nicht nur die eigenen Ängste, sondern auch die Ängste der anderen ernst nehmen. Und wir sollten darüber ganz offen reden. Denn nur über das, was auf dem Tisch liegt, kann man einen Konsens finden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke die Kunst steht gerade an einem Punkt, an dem sie sich die Frage stellen sollte, wie sie anerkannter und politisch einflussreicher werden kann. Für mich ist es nun an uns Künstlern, die Menschen dermaßen mitzureißen, dass die Kunst gar nicht mehr anders als systemrelevant sein kann.
Es gibt viele Wege, wie die Kunst das erreichen kann und immer wieder hat sie in der Vergangenheit bereits bewiesen, dass sie in der Lage ist, in schwierigen Zeiten eine gewichtige Position einzunehmen. So kann sie zum Beispiel in ihren Werken hoffnungsvoll in die Zukunft blicken und den Menschen einen möglichen Weg dorthin weisen. Oder sie kann schonungslos den Finger in die Wunde legen und aktuelle Missstände aufdecken.
Ich für meinen Teil arbeite zurzeit – neben meinem sozialkritischen Romanprojekt – auf meiner Website (www.grauergreif.at) an einer Plattform, die das Ziel hat, Künstler intermedial zu vernetzen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese meist mehrere Bücher gleichzeitig.
Robert Pfaller – Mit blitzenden Waffen
Anton Tschechow – Die Dame mit dem Hündchen. Erzählungen 1896 – 1903
Martin Buber – Ich und Du
Annie Ernaux – Die Jahre

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat von Robert Pfaller: Haltet eure Empörung über Kleinigkeiten möglichst klein. Denn nur dann werdet ihr imstande sein, euch über das zu empören, was euch klein hält.

Vielen Dank für das Interview liebe Isabel, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Textprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabel Folie, Schriftstellerin

www.grauergreif.at

Fotos_privat.

2.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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