„In der Kunst fällt die Illusion des Getrennt-Seins“ Isabella Minichmair, Bildende Künstlerin, OÖ 8.4.2021

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich grundlegend verändert. Ich gehe zeitig schlafen. Das liegt wohl daran, dass ich mir allgemein mit meinem Leben mehr Zeit lasse und auch versuche anderen diesen Raum zu geben. Ich wache dementsprechend früh auf und genieße den heraufziehenden Morgen. Noch bevor ich irgendetwas anderes angehe, schreibe ich. Manchmal entsteht eine Ideenskizze. Wenn möglich gleich noch im Bett. Vormittags arbeite ich dann in meiner kleinen Werkstatt oder ab und zu in der Glasmalerei Stift Schlierbach. Hin und wieder sind nun auch Termine auswärts möglich. Mittags oder am frühen Nachmittag, je nach Auftrag oder Arbeitsvorhaben, koche ich für mich und meine Familie. Am späten Nachmittag schreibe ich wieder, beantworte Mails, spanne Leinwände auf und grundiere sie oder kümmere mich um anfallende Arbeiten im Haus und Garten. Den Tag schließe ich mit Yoga oder kugle einfach auf der Matte herum und lasse den Tag an mir vorbeiziehen.

Isabella Minichmair_Bildende Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Respekt, Wertschätzung und Achtung gegenüber dem scheinbar anderen. Menschen stehen in verschiedenen Lebensrealitäten und erleben unterschiedliche Herausforderungen. Was dem einen logisch und klar erscheint, ist dem anderen unverständlich. Was dem einen große Kraft abverlangt, bedeutet für den anderen Entspannung. Zuversicht trifft auf Angst, Lebensfreude auf Trauer, Besonnenheit auf Wut, Stärke auf Verletzlichkeit. Zuhören, den anderen in seiner Lebensrealität annehmen und über die eigene Klarheit erlangen, sind Punkte, die uns stärken können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die systematische Abwicklung des Ausbildungs- und Arbeitslebens, sowie die planmäßige Gestaltung des privaten Bereichs haben in den vergangenen Jahrzehnten (eigentlich sind es mehr als zwei Jahrhunderte) an Fahrt zugelegt. Das Aufrechterhalten des hohen Tempos verlangt derzeit viel ab und stößt aufgrund der fehlenden Anbindung an ein lebendiges Miteinander an seine Grenzen. Trotz technischem Brückenschlag werden nun grundlegende Systemfehler sichtbar. Insofern die Planmäßigkeit und Kontrollierbarkeit in der Abwicklung, Lösung oder Vermittlung eines Inhalts bedeutender geworden sind als der Inhalt selbst. Diese Sichtbarkeit sehe ich als große Chance. Sie rückt das Leben an sich und die Werte, die wir davon ableiten, in den Fokus.

Die Kunst birgt ja das Element der Vergegenwärtigung. Sie holt den Menschen sowohl beim Schaffen als auch beim Rezipieren zu sich selbst zurück und lässt ihn das andere als Teil des eigenen erkennen. Die Illusion des Getrennt-Seins fällt. Das halte ich noch immer für eine ihrer wesentlichen Aufgaben.

Was liest Du derzeit?

Erneut Erich Fromm „Haben oder Sein“ und „Wege aus einer kranken Gesellschaft“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Rainer Maria Rilke in einem Brief an Franz Xaver Kappus

Worpswede bei Bremen, am 16. Juli 1903

Über die Geduld

Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, alles ist austragen – und dann gebären…

Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte. Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben.

Mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Minichmair, Bildende Künstlerin

malerei – www.farbebekennen.at

www.farbebekennen.blog

Foto_Martin Eder

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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