„Theater ist ein Ort, der mir erzählt, dass auch meine Geschichte noch nicht geschrieben ist“ Julia Maria Ransmayr, Festivalleiterin_Linz 31.3.2021

Liebe Julia Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nichts und alles hat sich geändert. Nichts, weil ich auch davor schon von zu Hause arbeiten konnte, und alles, weil ich nicht mehr unterwegs bin, um Theaterstücke und Kunst zu sichten, und meine Tage und Abende nicht mehr in Theatern verbringe. Ich vermisse es sehr Publikum zu sein. Mit Körpern.

Ich versuche früher aufzustehen, als vor einem Jahr. Was absurd klingt, weil sich die Gegenwart wie ein Wartezimmer ins Ungewisse streckt, aber mir hilft der Morgen und die damit verbundene Routine und Ruhe des Häferlkaffees. Von Kaffee und Zeitung kommend, steige ich dann über Stufen empor in mein Raumschiff. Manche würden es Schreibtisch nennen. Ich beame mich also konzentriert und so gut es geht in eine Kapsel aus blinkenden Bildschirmen, tönenden Telefonen und freue mich täglich über das Sitzkissen, das mir meine Mutter vor langer Zeit geschenkt hat. Aus dieser Kommandozentrale schicke ich dann Botschaften ins pandemische Universum und hoffe, dass ich meinen Körper nicht ganz verliere.

Ein internationales Theaterfestival (SCHÄXPIR in OÖ) in einer Pandemie zu konzipieren und zu gestalten ist durchaus eine komplexe Aufgabe. Täglich gibt es mehrmals Gespräche über Situationen, Umdenken, Adaptieren, Weiterdenken mit unserem großartigen Team und vielen Künstler*innen, Gruppen, Theaterhäusern. All diese Verschiedenheit findet über einen Bildschirm statt. Gesichter, die dort auftauchen und wechseln. Es ist immer ein merkwürdiges Gefühl nach diesen Terminen den Computer wieder im Ruhezustand zu sehen. Man ist ins Private zurückgeworfen, obwohl noch immer am selben Platz, und sich manchmal nicht sicher, ob all das gerade wirklich stattgefunden hat, oder wir uns lediglich in einer Zeitschleife verfangen haben. Diese Zeit ist geprägt von ständiger Arbeit und Kommunikation. Wir laden uns alle auf— nur findet nie eine Entladung statt. Kein Applaus. Kein Gemeinsam. Kein Dazwischen. Ich will keine Texte mehr beginnen müssen mit: „Dieser Text hätte eigentlich ein anderer werden sollen. (…)“ Seit einem Jahr hagelt es Konjunktive.

Neben dem hohen Maß an Kommunikation, schreibe ich derzeit tippend an Theatertexten und meiner Masterarbeit.

Julia Maria Ransmayr, Festivalleiterin, Regisseurin, Autorin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Perspektive. Das Zufällige. Der Optimismus. Die Flexibilität. Das Spontane. Das Vertrauen. Das Zutrauen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater,  der Kunst an sich zu?

Theater, Kunst – Kultur generell, wird eine wesentliche Rolle spielen, wenn es darum geht, wieder in Bewegung— und zu Begegnung zu kommen. Wieder miteinander Utopien zu verhandeln und kollektive Imagination zu suchen. Durch das Spiel und den Möglichkeitsraum, den Theater aufwirft, kann ich mir überhaupt erst vorstellen, dass die Welt eine änderbare ist. Alles kann. Nichts muss. Theater ist ein Ort, der mir erzählt, dass auch meine Geschichte noch nicht geschrieben ist. Und das ist nicht nur ein sehr befreiendes Gefühl, sondern auch wegweisend, für das Theater, weil es aufzeigt, was wichtig ist und sein wird. Gesellschaftliche und kollektive Phantasie, die so im Theater passieren kann, oder auch erst kreiert wird. Dazu soll das Theater sich und uns weiter befragen, was neben all der Realität, der sich auch das Theater nicht entziehen kann, an Formen, Ästhetik, und Positionen mit der Zukunft noch möglich ist.

Theater, Kunst sollte uns alle herausfordern, aber nicht so, wie das gerade jetzt der Fall ist.

Was liest Du derzeit?

Why Theatre? publiziert vom NT Gent

Zorn und Stille von Sandra Gugić

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„We accept reality so readily – perhaps because we sense that nothing is real.” Jorge Luis Borges, The Aleph

Vielen Dank für das Interview liebe Julia Maria, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Danke auch und Grüße nach Wien!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Maria Ransmayr, Festivalleiterin, Regisseurin, Autorin

www.schaexpir.at

Foto__Florian Voggeneder

3.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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