„Dass errungene Kultur-/Literaturstrukturen nicht verloren gehen“ Monika Littau, Schriftstellerin, Bonn 27.2.2021

Liebe Monika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der Tag beginnt mit einer Tasse Tee und Turnen – moderner würde man wohl Pilates sagen.  Anschließend Frühstück. Es folgt eine Meditation. Dann bin ich klar für den Tag und setze mich an den Schreibtisch. Der Morgen ist mir heilig für die Arbeit. Alles ist noch ganz frisch und offen, auch hoffnungsvoll. Die beste Zeit zum Schreiben.

Es gab mehrere kleine Schreibaufträge, die ich gerade zu erledigen hatte. Beispielsweise habe ich in der vergangenen Woche einen Text über den Alten Friedhof in Bonn verfasst, ebenso einen literarischen Text zum englischen Pop-Art Künstlers Allan Joans. Die Arbeit am letzten Text war quälend. Was Allan Joans macht, gefällt mir nicht, ist provokant und verletzend. Ich wollte böse sein. Das fiel mir aber schwer. Ich bin froh, dass ich diese kleinen Dinge erledigt habe, denn jetzt soll es wieder an ein größeres Werk gehen. Ein Manuskript, das bereits 100 Seiten hat, wird eine vollkommen andere Form finden.

Monika Littau, Schriftstellerin

Durch die Corona-Beschränkungen müssen immer neue Wege gefunden werden, damit die geplanten Veranstaltungen umgesetzt werden können.  Am Samstag wird es beispielsweise eine Premieren-Lesung im Netz mit sieben AutorInnen geben („Die Spuren der Stadt im Text – Bonn…“), die ursprünglich als Live-Veranstaltung für den Herbst vorgesehen war. Wir hatten übrigens bereits im letzten Jahr in anderer Konstellation eine Lesung, die die Corona-Situation thematisierte, mit dem Motto: „Geteilte Einsamkeiten“.

An Stelle einer Lyriktagung, die nicht stattfinden konnte, entstehen gerade Lyrikvideos. Das ist recht aufwändig. Ich stelle auch fest, dass beispielsweise  Filmemacher zurzeit völlig überlastet sind. Sie sollen aufnehmen und ausstrahlungsgerecht gestalten:  Konzerte, Lesungen, Museumsrundgänge, Ausstellungen. Die Zeit für die Lyrikvideos wird knapp.

Spät am Mittag wird schön gekocht, Neues ausprobiert. Und dann muss ich dringend an die frische Luft. Ich lebe sehr naturnah. Wenn das Wetter mitspielt, gehe ich eine Runde oder fahre Rad. Gerade sind die ersten Osterlämmer geboren. Sie sind noch wackelig auf den Beinen. Ich freue mich, wenn ich sehe, wie sie sich weiterentwickeln. Auch den Rhein, der mächtig über die Ufer tritt, besuche ich. Leider ist der Fußweg derzeit in den Fluten versunken.

Wenn ich „gut gelüftet“ zurück bin,  kann ich wieder an den Schreibtisch.

Die Abende finde ich eher schwierig. Manchmal nehme ich an Online-Veranstaltungen teil. Manchmal sehe ich einen Film. Sonst lese ich oder arbeite weiter oder telefoniere und chatte mit Freundinnen und Freunden. Spätabends ist immer Lektüre angesagt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist besonders wichtig, die Spreu vom Weizen zu trennen. Was ist wichtig in meinem Leben? Was ist Sperrmüll? Welche Beziehungen sind tragfähig, auch wenn ich die Menschen nicht treffen kann. Insgesamt geht der Weg von außen nach innen. Und das ist gut so.

Sicher, ich habe keine kleinen Kinder mehr, die nicht in die Kita müssen, und deshalb alle paar Minuten etwas Anderes von mir möchten. Ich habe auch keine Schulkinder, die beim Home-Schooling begleitet werden müssen. Allerdings sitzt mein Mann nebenan in seinem Arbeitszimmer und unterrichtet per Stream. Da bekomme ich so einiges mit, was gut läuft oder eher schwierig ist. Insgesamt habe ich aber das Gefühl, das Online-Arbeiten hat sich im Vergleich zur ersten Lockdown-Phase deutlich verbessert.

Wichtig finde ich, die Lockdown-Situation nicht als Beschränkung, sondern als neue Erfahrung zu betrachten. Wenn der Widerstand weg ist, kann die Entdeckungsfreude kommen.

Zugleich bedeutet die Corona-Zeit, dass wir alle besonders aufmerksam sein müssen, dass errungene Kultur-/Literaturstrukturen nicht verloren gehen, bzw. klammheimlich abgebaut werden (Siehe Vorhaben des WDR).

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Gerade beginnt eine unsägliche Debatte, in der Jung gegen Alt ausgespielt wird. Es wird wesentlich für uns sein, die Achtung vor allen Menschen wiederzugewinnen, zu bewahren, zu stärken und aufeinander aufzupassen. Ich bin vor drei Jahren längere Zeit in China gewesen und habe an der Uni unterrichtet. Weit davon entfernt, China unkritisch zu betrachten, hat mich doch die Achtung vor den Eltern, vor den Lehrern, vor den Alten sehr beeindruckt. Ich glaube, an dieser Stelle können wir alle noch etwas lernen, müssen zuhören, aufgeschlossen sein.

Für mich ist die Literatur naturgemäß besonders wichtig. Einen Tag ohne Lesen zuzubringen, kann ich mir gar nicht vorstellen. Ich bin mit der Literatur ständig in Kontakt mit anderen Menschen, mit anderen Lebensentwürfen und Erfahrungen, mit anderen Ländern und Kulturen. Ist das nicht wunderbar! Ich kann im Kopf verreisen, mir die Welt aufschließen. Ich habe einen ganzen Bücherturm im Arbeitszimmer und im Schlafzimmer liegen. Es ist immer zu wenig Zeit zum Lesen.

In meinem eigenen Schreiben wird das Thema Alt und Jung (s.o.) eine Rolle spielen. Ich hoffe, ich kann ein wenig vermitteln, welche Schätze dort gehoben werden könnten, welche Fülle dort zu finden sein könnte. Selbst wenn der erste Blick Probleme zeigt. Literatur hat also auch eine gesellschaftliche Aufgabe.

Filme spielen für mich eine große Rolle. Auch die Musik ist wichtig. Bei uns gibt es noch viele Cds. Sich hinzusetzen und Musik bewusst zu hören, ist eine Bereicherung, fühlt sich gut an, mache ich aber immer noch zu wenig. Und die bildende Kunst verbindet sich oftmals mit meinem Schreiben (s.o.).

Was liest Du derzeit?

Gerade habe ich die bereits  verstorbene Bonner Autorin Caroline Muhr wiederentdeckt und viel rund um das Thema Bonn und Literatur gelesen.

Beendet habe ich vorgestern die Lektüre von Hans Joachim Schädlichs Roman „Felix und Felka“, ein beeindruckender Text, der in unglaublicher Knappheit das Wesentliche auf den Punkt bringt. Den Roman musste ich mit David Foenkinos „Charlotte“ vergleichen, der ebenfalls von seiner Form her sehr besonders ist.  Kurz davor verschlang ich Ruth Lillegravens „Sichel“ – ein wunderbares Langgedicht , übersetzt aus dem Norwegischen und bei der Edition Rugerup erschienen.

Gerade angefangen habe ich David Wagners „Der vergessliche Riese“, danach kommt  wahrscheinlich Jonathan Franzens Roman „Die Korrekturen“ und auf jeden Fall die Lyrikbände von Ulrike Bail  „wie viele faden tief“ und von Marie T. Martin „Rückruf“. Zwischen Prosa und Lyrik springe ich oft hin und her, weil ich nicht so viele Gedichte nacheinander lesen kann.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt so viele wunderbare Zitate, beispielsweise dieses: „wenn wir uns berühren wachsen birkenschösslinge…“ von Ulrike Bail.  Aber ich wähle heute einen Beuys-Text, weil er so wunderbar als Ermutigung in diese Zeit passt und weil Beuys Geburtstag hat. Herzlichen Glückwunsch Joseph!


Lasse Dich fallen. Lerne Schlangen zu beobachten.
Pflanze unmögliche Gärten.
Lade jemand Gefährlichen zum Tee ein.
Mache kleine Zeichen, die „ja“ sagen und
Verteile sie überall in Deinem Haus.
Werde ein Freund von Freiheit und Unsicherheit.
Freue Dich auf Träume. Weine bei Kinofilmen.
Schaukel so hoch Du kannst
mit einer Schaukel bei Mondlicht.
Pflege verschiedene Stimmungen.
Verweigere Dich „verantwortlich“ zu sein.
Tue es aus Liebe.
Mache eine Menge Nickerchen.
Gib weiter Geld aus. Mache es jetzt. Das Geld wird folgen.
Glaube an Gotti. Lache eine Menge.
Bade im Mondlicht.
Träume wilde, phantastische Träume.
Zeichne auf die Wände. Lies jeden Tag.
Stell Dir vor, Du wärst verzaubert. Kichere mit Kindern.
Höre alten Leuten zu. Öffne Dich. Tauche ein.
Sei frei. Preise Dich selbst.
Lass die Angst fallen.
Spiele mit allem.
Unterhalte das Kind in Dir.
Du bist unschuldig.
Baue eine Burg aus Decken.
Werde nass.
Umarme Bäume.
Schreibe Liebesbriefe.

Joseph Beuys: How to be an Artist

Vielen Dank für das Interview liebe Monika, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Monika Littau, Schriftstellerin

Monika Littau – Lyrik Prosa Schreibwerkstatt Lesungen Moderation (monika-littau.de)

Alle Fotos_privat

2.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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