„Ich wünsche mir eine differenzierte und respektvolle Gesprächskultur, ja auch und gerade eine Streitkultur.“ Christiane Spatt, Künstlerin_ Wien 19.2.2021

Liebe Christiane, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich lasse mir mehr Zeit bzw. habe ich gerade mehr Zeit, die ich mir frei einteile. So gibt es nun auch unter der Woche Tage, an denen ich ausschlafen kann, ohne dass der Wecker läutet, was ich sehr genieße! Ich träume zur Zeit intensiv und schreibe mir die Träume auf, während ich meinen Frühstückskaffee trinke, ohne Kaffee geht erst mal gar nix. Dann lese ich online Zeitung (wahrscheinlich wäre es schöner, wieder „analog“ Zeitung zu lesen..mein Vorsatz, das Rascheln und der Geruch des Papieres fehlt am Computer sehr), beantworte mails und schau auch mal einfach nur in die Luft.

Christiane Spatt_ „Wen die Götter lieben“ 2015

Da ich in meinem Homeatelier arbeite, hab ich es nicht weit zum Arbeitsplatz, genau genommen 30 Schritte (ich hab sie gerade gezählt) und ich bleibe durchaus bis Nachmittag ungekämmt und im Pyjama (außer ich hab ein online meeting, da sollte ich zumindest oberhalb der Gürtellinie ansehnlich sein).

Mein Atelier ist auch mein Fotostudio, das ich im 1.Lockdown dank der Förderungen für KünstlerInnen besser ausstatten konnte mit Fotoleuchten und Hintergrundstativen. Profifotografin bin ich dennoch keine, ich verwende die Fotografie als Medium, um meine Inszenierungen festzuhalten und hätte am liebsten eine Kamera, die alles von selber macht. Auch wenn ich sonst gerne Menschen um mich habe, möchte ich bei der Arbeit alleine sein, und so entstehen meine Selbstportraits mit 10 Sekunden Selbstauslöser.

Mein Luxus zur Zeit ist es, nicht nur auf Ausstellungen und Termine hinzuarbeiten, ich habe mehr Zeit und Muse, etwas zu entwickeln, auszuprobieren, zu spinnen, zu spielen und eventuell auch wieder zu verwerfen. Die Kehrseite der Flexibilität ist die Unberechenbarkeit, ob Ausstellungen und Präsentationen stattfinden können. Seit März 2020 lebe ich, wie die meisten,  mit Absagen und Verschiebungen, die Motivation bezüglich Planung sinkt. Dennoch arbeite ich gerade an Ausstellungskonzepten und Einreichungen, daher sitze ich neben dem Fotografieren, Zeichnen, Malen auch viel am Computer.

Christiane Spatt „dear darling“ 2014
Christiane Spatt_“als ob“ 2020

Mein Yogakurs bei Sabine Müller-Funk (eine wunderbare Yogalehrerin und tolle Künstlerin) findet als Höryoga statt. Seit über 4 Jahren singe ich mit dem einzigartigen Wiener Beschwerdechor (unter der Leitung von Oliver Hangl und Stefan Foidl). Zur Zeit proben wir online, d.h. wir schalten uns alle stumm und hören nur unseren Chorleiter, den ein miteinander klingt verzerrt. Aber immerhin proben wir!

Täglich Frischluft und Bewegung verdanke ich meinem Herrn Hund. Im Frühling habe ich das Radfahren wiederentdeckt, aber ich bin eindeutig eine Frühling/Sommer/Herbst Radlerin, den Winter lasse ich aus. Schmerzlich vermisse ich die Kontakte „in echt“, meine FreundInnen, KollegInnen, die Vernissagen, Kaffeehäuser, Bars, Museen..auch die Malgruppen mit Menschen mit psychischen Erkrankungen, die ich leite können nicht stattfinden. Letztens beim Buchteln holen in der Vollpension mit dem fröhlichen Team kamen mir unvermutet die Tränen, zwischen Freude und Traurigkeit.

Grundsätzlich mag ich Menschen um mich, ich arbeite gerne in Teams, Kooperationen, Netzwerken. Umso mehr schätze ich die „kleinen“ Begegnungen im Alltag, trotz Maske – meinen Schneider ums Eck, die italienische Pasticceria, ein kurzer Plausch mit Nachbarinnen.. Und mein Anker ist meine Familie (inklusive Haustiere). Den Rest erlebe ich in meinen Träumen, wenn ich dann weit nach Mitternacht schlafen gehe.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Humor nicht zu verlieren. Und sich nicht vereinnahmen lassen von der Angst, die uns lähmt. Wir sollten es uns möglichst fein machen.

Am meisten bedrückt mich die Spaltung der Gesellschaft und die Abwertung der jeweils anderen Position, das ist an sich keine neue Entwicklung, die aber in Krisen deutlicher wird. Als gäbe es nur schwarz oder weiß und einer hat recht. Ich wünsche mir eine differenzierte und respektvolle Gesprächskultur, ja auch und gerade eine Streitkultur.  Wir bewegen uns in einem Spannungsfeld zwischen Individualismus und Kollektivismus, Selbstbestimmung und sozialem Handeln. Und dieses System scheint gerade aus dem Gleichgewicht.

Christiane Spatt_“alles besser“ 2015

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ich habe keine Ahnung, wie sich die Situation noch weiterentwickeln wird. Viele stehen jetzt schon vor einem Scherbenhaufen, andere blühen auf, da sie nun viel Zeit haben und weniger Druck. Wir leben in Parallelwelten. Ich wünschte, es fände ein breites Umdenken statt – und wir leben umwelt – und ressourcenbewusst, tolerant, inklusiv und sozial. Davon werde ich heute träumen.

Tatsächlich wäre nun der ideale Zeitpunkt, ein bedingungsloses Grundeinkommen zu etablieren.

Die Kunst betreffend ist das der Weg, diese ein Stück zu befreien aus der Abhängigkeit vom Kunstmarkt und Marktwert. Denn Kunst ist der Seismograph und Spiegel einer Gesellschaft. Und wenn ich mir noch etwas wünschen könnte, dann dass wir uns endlich von dem Schönheitsbegriff verabschieden, der immer noch als Kriterium für Kunst herumspukt. In diesem Sinne ist mir auch das Vermitteln von Kunst und Öffnen neuer Räume im weitern Sinne ein Anliegen.

Gerade jetzt, wo wir großteils vereinzelt leben und arbeiten, sehe ich die Notwendigkeit, eine individualistisches Weltbild zu überdenken und Chancen in der Hinwendung zu kollektiven und sozialen Handeln. Das gilt auch und gerade im Bereich der Kunst, die auch hier exemplarisch fungieren kann.

Christiane Spatt_“dies alles“ 2017

Was liest Du derzeit?

Ich gestehe – ich bin eine Sonntags-und Urlaubsleserin. Ich lese ausgesprochen gerne Biografisches und Bücher, die mich in bezug zu meiner künstlerischen Arbeit interessieren.

Zur Zeit lese ich „Sechs Lebensgeschichten von Frauen“, Hg Toni Distelberger. Außerdem und immer wieder lese und blättere ich im „Insektenbuch“ von Maria Sybilla Merian. Zur Erheiterung liegt der Katalog „Viral“ mit Zeichnungen von Aldo Gianotti bereit. Joachim Meyerhoff „Hamster im hinteren Stromgebiet“ ist noch in der Warteschleife.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Gut, dass ich auch etwas tun kann, nicht nur wünschen und träumen.

In diesem Sinne das Zitat von Louise Bourgeois :

I did everything I could every day of my life!

Christiane Spatt, Künstlerin

Vielen Dank für das Interview liebe Christiane, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christiane Spatt, Künstlerin

Christiane Spatt

Foto_Porträt_Alexandra Hager

Kunstobjekte_Fotos_Christiane Spatt

26.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Ein Gedanke zu „„Ich wünsche mir eine differenzierte und respektvolle Gesprächskultur, ja auch und gerade eine Streitkultur.“ Christiane Spatt, Künstlerin_ Wien 19.2.2021

  1. Super, liebe Christiane! Danke für Deine Gedanken zum notwendigen Aufbruch, zum Befreien aus den Abhängigkeiten, zur Hinwendung zum kollektiven und sozialen Handeln! Und Hoffnung machen auch die Fotos Deiner Arbeiten, die diesen Text fröhlich tragen!

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