„Die Bereitschaft das zu ändern, was sich jetzt ändern lässt, ist notwendig“ Marie Blum, Performance- und Sprachkünstlerin_Wien 24.1.2021

Liebe Marie, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag ist anders – insofern ist eigentlich alles wie immer. Kunstwerke und Bücher sind von jeher enge Vertraute für mich, das hat sich auch in der Pandemie nicht geändert. Aber es gibt sehr viele Menschen, die ich vermisse. Als Künstlerin fehlen mir die Besuche in den Ateliers von Freund*innen und Kolleg*innen am meisten. Ein Atelier ist für mich der privateste Raum, den es gibt. Es ist als wäre man eingeladen durch die Seele eines Menschen zu spazieren. Neben allem, was mir fehlt, überwiegt aber die Dankbarkeit darüber, dass es meiner Familie und meinen Freund*innen im Großen und Ganzen gut geht.

Marie Blum_ Performance- und Sprachkünstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich persönlich versuche mich im Moment mit dem Naheliegenden vertraut zu machen: globale Solidarität. Das bedeutet auch darüber nachzudenken was man aufzugeben bereit ist. Ich habe sehr großen Respekt vor Menschen, die das besser können als ich. Ich hoffe, dass ich mir in der Kunst Räume öffnen kann, in der ich mich als solidarischen Teil einer globalen Gemeinschaft erlebe – auch wenn der Kunstbetrieb selbst strukturell sehr stark durch Konkurrenz geprägt ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir leben in einer ökonomistischen Gesellschaft, die uns ständig signalisiert, dass es keine Alternative zu dem gäbe, wie unser Zusammenleben heute funktioniert – nämlich global betrachtet zum Nachteil der meisten Menschen. Die Freiheit der Kunst lädt uns ein in ihr alles zu denken und manches zu tun, was außerhalb dieses Feldes immer schwieriger wird. Die Aufgabe von Künstler*innen besteht für mich darin, diese Freiheit zu nutzen um poetische Alternativen zu entwickeln und mit anderen zu teilen. Die Möglichkeiten der Kunst sind in mancherlei Hinsicht begrenzt. Aber sie hält uns beweglich.

Gleichzeitig darf über die Freiheit der Kunst die Freiheit der Künstler*innen nicht vergessen werden. So frei und wendig viele von uns in ihrem Werk sind, so unfrei sind sie in ihrem Leben. Die Arbeitsbedingungen sind für die meisten Künstler*innen so schlecht, dass sie ein hohes persönliches Risiko auf sich nehmen müssen, um ihre Arbeit machen zu können. Konkret bedeutet das für viele ein Leben unter der Armutsgefährdungsgrenze – die lag in Österreich im Jahr 2019 bei einem Monatseinkommen von 1286,0 Euro für einen 1-Personen-Haushalt. Ich kenne sehr viele Künstler*innen, die mit weit weniger leben müssen.

Alle, die in der Kunst und Kultur arbeiten, müssen sich überlegen, ob sie ihre Veranstaltungen weiter durch die strukturelle Ausbeutung von Künstler*innen finanzieren wollen oder ob Solidarität und Mut für andere Lösungen da sind. In der Bildenden Kunst würde das zum Beispiel bedeuten, dass Veranstalter*innen Ausstellungshonorare zahlen, obwohl das gesetzlich noch nicht vorgeschrieben ist. Es gibt auch in Österreich Veranstalter*innen, die das bereits freiwillig tun, zum Beispiel die Galerie 5020 in Salzburg. Natürlich muss überlegt werden, wie Veranstalter*innen dabei unterstützt werden können diese Transformation in Zeiten knapper Budgets zu schaffen – es braucht eine Lösung, die für alle machbar ist. Dieser Lösung muss aber der Konsens vorausgehen, dass die Situation so wie sie jetzt ist für alle Beteiligten nicht länger tragbar ist. Die Bereitschaft das zu ändern, was sich jetzt ändern lässt, ist notwendig. Das wäre für mich ein wichtiger Schritt, der zeigt, dass Kapitalismuskritik nicht nur ausgestellt, sondern auch gelebt wird.

Was liest du derzeit?

„Formen des Vergessens“ von Aleida Assman, „Dora Bruder“ von Patrick Modiano und „Roma und Sinti im Gau Tirol-Vorarlberg“ von Oliver Seifert.

Welches Zitat, welchen Textimpuls, möchtest du uns mitgeben?

„Das Kunstwerk ist die Umwandlung einer Erschütterung, die der Künstler weitergibt. Das Publikum verfügt darüber, doch Liebe ist nötig.“ Odilon Redon

Vielen Dank für das Interview liebe Marie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marie Blum, Performance-Sprachkünstlerin

Marie Blum – Kunst von Esther Strauß (estherstrauss.info)

Foto_©MArie Blum 2021

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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