„Man geht zurück an den Ursprung, als seine Kunst noch einem selbst gehört hat“ Maja Loewe, Schriftstellerin_Lübeck 23.1.2021

Liebe Maja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich wach werde, checke ich erstmal die Coronazahlen, dann drehe ich mich meistens nochmal um, kuschle meinen Mann an. Ich komme gerade sehr schlecht aus dem Bett. Es fühlt sich an, als wäre ich in einem endlosen Sonntag gefangen, ein bisschen so wie in „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Die Kinder schlafen auch lange, um 11 sitzen wir dann endlich am Frühstückstisch. Es gibt frische Pfannkuchen, selbstgebackene Bretzeln, Smoothiekreationen, alles wofür im normalen Arbeitsalltag sonst keine Zeit bleibt. Dann arbeiten wir uns durch Berge von Hausaufgaben.

Im ersten Monat des Lockdowns in Deutschland, im November, hab ich meinen unvollendeten Roman aus der Schublade geholt, 200 Seiten. Überarbeitet habe ich bis Seite 97, dann hat mich die Motivation verlassen … Ich liebe Lyrik, bin keine Frau der langen Texte, viel zu akribisch, beiße mich andauernd fest und verbreite dann schlechte Laune. Daraufhin habe ich meine Farben und Bastelkram rausgeholt, bepinsele die Küche mit Wüstenmotiven, die Lampe habe ich mit Konservendosen umgestaltet, LED-Leisten verklebt … der Tisch steht noch aus.

Im Vorgarten wachsen seltsame Skulpturen, ich habe ein völlig übertriebenes Meerschweinchengehege aus alten Schränken gebaut. Nachdem meine Mutter nach ihrem letzten Besuch ganz geschockt war, habe ich mir eine neue Beschäftigung gesucht. Mein Mann ist Punkrocker, Eike Rustikal. Der kann ja momentan auch nicht Proben oder Konzerte geben. Wir haben uns Mikros bestellt, einen Laptop, Software und den Podcast „Punk & Poetry“ ins Leben gerufen. Die erste Folge ist schon auf Portalen wie Spotify, Google Podcast, Anchor etc. abrufbar. Jetzt stehen wir in Kontakt zu vielen Lyrikern und Bands, denen wir in den nächsten Folgen eine Plattform bieten. Die Berliner Künstlerin und Poetin Sabine Rahe aus Berlin ist in der nächsten Folge mit dabei  und die Gladbecker Punkband „Der Behörde“, eine Kombo aus Pfleger, Sozialpädagoge und Polizist. Wir erschaffen gerade unsere eigenen Arbeitsroutinen und unsere Kinder können unseren Podcast zum Einschlafen hören. Das bringt gleich etwas Licht ins Corona-Dunkel. Jetzt heißt es „Und täglich grüßt der Podcast“. Das ist doch was.

Maja Loewe, Schriftstellerin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Situation in ihrer Ungewissheit akzeptieren, Ruhe bewahren. Ich hab am liebsten immer tausend Pläne, gerade wenn etwas wackelt, aber jetzt kann man eben nicht wie gewohnt planen. Da muss man Aushalten lernen. Wichtig ist, dass wir solidarisch bleiben, uns nicht gegenseitig zerhacken. Wir können gerade sehen, was Angst mit einer Gesellschaft macht. Die Menschen werden plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen, das ist eine Herausforderung. Jetzt können wir zeigen, dass wir aus Adorno gelernt haben, der konstatierte, dass Zivilisation jederzeit in Barbarei umschlagen kann. Wir müssen unsere Egos ausschalten und lernen, für das große Ganze zu denken.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das Interessante ist, dass man das Gefühl hat, Kultur würde verschwinden, ein Gefühl von Mangel. Aber es gibt keinen Mangel, nur das gewachsene System funktioniert nicht mehr. Auch hier werden die Künste auf sich selbst zurückgeworfen. Ich habe viel reflektiert in letzter Zeit. Nur weil ich keine Lesung machen kann, heißt das nicht, dass das Schreiben keinen Sinn mehr macht. Nur weil ich keine Ausstellungen geben kann, heißt es nicht, dass ich nicht mehr Malen kann. Nur weil es keine Konzerte gibt, verschwindet die Musik nicht. Man geht zurück an den Ursprung, als seine Kunst noch einem selbst gehört hat. Die Frage jetzt ist, wie kann ich meine Gabe gebrauchen, um meine kleine Welt im Hier und Jetzt zu bereichern. Verändert sich meine Kunst, wenn plötzlich kein Markt mehr da ist. Kunst wird ökonomisch entkoppelt. Das kann sie auch befreien. Das heißt nicht, dass ich die Existenzängste der Künstler wegwische. Aber kulturwissenschaftlich betrachtet, ist das ein spannender Prozess.

Was liest Du derzeit?

Das happinez-Magazin für meinen Seelenfrieden und ganz viele Gedichteinsendungen für den Podcast. Wenn es hier Leserinnen und Leser gibt, die Lyrik schreiben, sorgt gerne für meinen neuen Lesestoff unter punk_und_poetry@gmx.de. Mein Mann freut sich über Musikeinsendungen aus dem Punkbereich.

Hier könnt ihr in die erste Folge reinhören:

Anchor:

Spotify:

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Zeile „Am schwärzesten Fluß der Welt lernt man erkennen, welche Menschen leuchten“ von Else Lasker-Schüler begleitet mich sehr intensiv. Jetzt ist es an der Zeit zu leuchten – mit allem was wir haben.

Vielen Dank für das Interview liebe Maja, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Maja Loewe, Schriftstellerin, Künstlerin

Maja Loewe | Autorenwelt

18.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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