„Jemanden von der Marschkolonne wegführen, ist nicht der schlechteste Ansatz in der Kunst.“ Ute Cohen, Schriftstellerin_Berlin 12.1.2021

Liebe Ute, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mit dem Ausstieg aus meiner Traumwelt beginnt der Tag. Ich habe schon immer sehr intensiv geträumt. Jedes Buch, jeder Film, jedes Gespräch verlangt nach einer Fortsetzung im Traum. Gelegentlich plagt mich auch der Alb, ein Succubus, der sich auf meine Brust setzt und mir die Kehle zuschnürt. Dann ein Erinnern meiner Überlebensstrategien: Disziplin und Schreiben. Ich notiere Ideen und verfasse eine To-Do-Liste. Bang! Morgengrauen!

Ute Cohen, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wer sind wir denn „wir alle“? Diese Frage sollte sich jeder Einzelne stellen. Die Utopie eines „Wir“ birgt Chancen und Gefahren. Eine Gefahr besteht darin, dass wir das „Wir“ auf lauter kleine Mini-Cluster verengen, die sich nicht mit anderen verbinden, sondern abstoßen. Eine Chance erkenne ich in der Überwindung der eigenen Beschränktheit und Vereinzelung. Also: Selbstüberwindung, Grenzüberschreitung und Verschmelzung wagen!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

L’art de la séduction – das ist mein Plädoyer! Wir sollten die Kunst der Verführung auch in der Kunst wieder erlernen. Sich erschöpfen in politischen Parolen, sich einzwängen in Normenkorsette, sich anpassen an Raster und Kataster ist der Untergang der Kunst. Verführung aber ist verpönt, denn sie macht Angst in einer Gesellschaft, die sich Ratio und Regeln auf die Fahne geschrieben hat. „Aliquem ab agmine seducere“, jemanden von der Marschkolonne wegführen, ist nicht der schlechteste Ansatz in der Kunst.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade Gilbert Keith Chesterton „Verteidigung des Unsinns, der Demut, des Schundromas und anderer mißachteter Dinge“. Mit Missachtung strafen wir allzu leichtfertig Dinge und Menschen: Klatschzeitschriften, Bierbäuche und Andersdenkende. Höchste Zeit, der Missachtung eine klare Absage zu erteilen und sich anwehen zu lassen von einer „namenlosen Anarchie“ (Chesterton).

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Einen Song, der mich immer wieder daran erinnert, was ich bin: „In a world gone crazy, everything seems hazy, I’m a wild one
Ooh, yeah, I’m a wild one …“ (Iggy Pop/Real Wild Child)

Vielen Dank für das Interview liebe Ute, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ute Cohen, Schriftstellerin

http://www.septime-verlag.at/autoren/cohen.html

Foto_Lévia Cohen

11.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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