„Literatur als Aufschrei der Menschlichkeit und als Kampfarena für Gedanken der Gegenwart“ Mladen Savic, Schriftsteller_Wien 1.12.2020

Lieber Mladen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Obwohl eigentlich keine Lerche, stehe ich seit geraumer Zeit in aller Frühe auf, geweckt von den ersten Sonnenstrahlen oder etwa im Sommer/Herbst von Rasenmähern und Laubbläsern des zuständigen Magistrats, lese dann, nach rituell gegessener Banane, bei mehreren Tassen Löskaffee mit Milch, was und wie viel an Weltgeschehen denn heute, soweit es eben in die Zeitungen passt oder darin fehlt, angeblich geschehen sei, und der Rest des Tages, den ich meist alleine verbringe, bleibt vom Ablauf her weitgehend offen, denn er besteht aus einer Reihe von existenziellen Strampeleien, kleinen Aufträgen, biologischen Notwendigkeiten, privaten Sorgen sowie musikalischen und literarischen Freuden, ein bisschen Gitarre zu spielen, tagsüber zu schmökern und abends selber zu schreiben, wobei ich ab und zu auch einen Spaziergang im angrenzenden Naherholungsgebiet um den Wienerbergsee herum wage, wenn auch viel zu selten.

Mladen Savic, Schriftsteller, Philosoph

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Wichtigste für uns alle, was wörtlich heißt: für alle zusammen, besonders wichtig also für die Allgemeinheit, und zwar nicht als vager Begriff und falsche Abstraktion, sondern als eine praktische, ins Fühlen, Denken und Handeln einfließende Kategorie, ist meiner Meinung nach jetzt, in diesem konkreten geschichtlichen Moment, der notwendige und gefühlt vermisste Kampf um den Intellekt, um das Faktische und Logische im Leben aller, um ein rationaleres, autonomeres, höheres Bewusstsein der Massen, um eine gesamtgesellschaftliche Schärfung der Sinne und Urteile, kurz, um den Primat der Intelligenz, welcher der Gesellschaft, bis in ihre feinsten Poren hinein, nunmehr scheinbar abhandengekommen ist, nämlich, weil er ihr in ihrer bestehenden Form letztlich schadet und daher weiterhin strukturell unterbunden und abgewürgt wird. Die Summe der Situationen, die kollektive Erfahrung, die Geschichte lehrt, um es einmal so zu formulieren, dass nur intelligente Individuen für sensible Kollektive und Humanität bürgen – und das Gegenteil höchstens für Katastrophen. Diesen durchwegs humanen Gedanken zu verbreiten, ist für das Überleben der Gattung und auch für individuelles Glück in einer hoffentlich anderen Zukunft wichtig und für mich sowieso am wichtigsten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Von Aufbruch zu reden, wenn es in Krisenzeiten wie diesen, die seit Jahren immer permanenter und immer absurder werden, eindeutig um Niedergang geht, von einem Aufbrechen irgendeiner Art, von einem Neubeginn und dergleichen, finde ich angesichts der beunruhigenden politischen Geografie weltweit, weg von Freiheit und Logos und hin zu Machtbündelung und Diktat, nicht nur kontraintuitiv und suggestiv in die falsche Richtung, sondern schlichtweg unverantwortlich. Es geht bergab, materiell ebenso wie menschlich – leider ohne Gegenstrategien. Von den schönen Künsten, den unzähligen Künstlerinnen und Künstlern erwarte ich mir aus emanzipatorischer Sicht insgesamt eher wenig. Anschaulich und ausreichend haben sie unter Beweis gestellt, wie groß, sogar im Rahmen politischen Protests als meist zahnloser Kritik, mittlerweile ihr Wunsch ist nach Arrangement mit dem Bestehenden, und sei es noch so sehr Falsche. Aber auch sie müssen, sofern nicht schon privilegiert geboren, dem berühmten stummen Zwang folgen, Rechnungen zahlen und ihre Kunst verkaufen, ihre Musikstücke, ihre Gemälde, ihre Romane und Texte aller Art.

Manchmal wünscht man sich, von wehmütiger Ironie erfasst, glatt die Zensoren von einst zurück, die wenigstens wussten, wo genau und warum sie bei Künstlern und Literaten repressiv tätig wurden, wenngleich so etwas wie Zensur weiterhin existiert, allerdings unter ökonomischem Deckmäntelchen: als gewährte oder verwehrte Subvention, als staatliche und private Sponsorenkultur, als mögliche öffentliche Gratifikation bei entsprechender Themenwahl usw. Der Kunstkonsum, wie auch immer er ausfällt, spiegelt natürlich die gesellschaftliche Bewusstheit bzw. Bewusstlosigkeit wider und gibt so Aufschluss darüber, ob in der Gesellschaft ein kultureller Aufstieg oder vielmehr Verfall vorliegt. Ich behaupte: Letzteres. Unter derartigen Bedingungen der Krise und Desorientierung sollte der Literatur demnach die engagierte Rolle eines intellektuellen Korrektivs zukommen, nicht als künstlerische Besserwisserei und nicht als mystisches Orakel, sondern als authentischer Spiegel der Verhältnisse, subjektiv vermittelt, nicht objektiv verzerrt, als Aufschrei der Menschlichkeit und als Kampfarena für Gedanken der Gegenwart, sprich, als Ort des Nachdenkens und Nachspürens. Wäre die Literatur ein solcher Ort ohne Örtlichkeit, ein Umschlagplatz neuartiger Gedanken und Entwürfe, könnte sie unter Umständen zur Praxis eines wahren Neuanfang führen, zur praktischen Neugestaltung der Existenz, zum Umbau der Welt – nach menschlichen Maßstäben anstatt nach kapitalistischen, wie bislang. Ich zweifle, ehrlich gesagt, daran. Die Literatur erscheint mir trotz aller Menge des Geschriebenen oder vielleicht gerade deshalb machtloser denn je.

Was liest Du derzeit?

„Leben und Schicksal“ von Vasilij Semjonovič Grossman … wahrlich ein Wälzer, wenn auch beiweitem besser als Tolstojs „Krieg und Frieden“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Nichts ist leichter, als sich irgendeinen Namen zuzulegen, den eines Kommunisten, Demokraten, Republikaners oder Christen, ohne deren Eigenschaften und Charakter zu haben.“ – Étienne Cabet (1788-1856)

Vielen Dank für das Interview lieber Mladen, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Essay-, Textprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Mladen Savic, Schriftsteller, Philosoph

Foto_privat.

28.9.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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