Die schönste Aufgabe der Literatur ist es, den Menschen die Köpfe zu öffnen, den Panzer zu knacken“ Tim Krohn, Schriftsteller_Santa Maria Val Müstair _Schweiz_ 4.8.2020

Lieber Tim, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Na schön, du willst das so: Kurz nach sechs Uhr raus, duschen, Frühstück machen für sieben Mäuler, an Kindern anziehen, was Micha, meine Frau, bis dahin nicht geschafft hat, füttern, Post holen, dringendste Post und Telefonate erledigen. Dann ist es neun, und ich hänge mir das Baby um, behalte entweder noch zwei bis drei andere Kinder im Auge oder spaziere, wenn mir das jemand abnimmt, mit dem Baby bis halb elf, dabei erledige ich wieder Telefonate oder löse im Kopf Probleme – wir hecken ja immer ein, zwei Projekte aus. Kurz vor Mittag Baby abgeben, noch schnell in unserer Schreibpension Chasa Parli nach dem Rechten sehen, Kinder füttern. Küche machen. Inzwischen ist es halb zwei. Zehn Minuten dösen, danach beginnt der Free-Style-Part: Je nachdem schreibe ich, gehe Handwerkern zur Hand, mache Zimmer in der Chasa Parli, flicke, was die Kleinen zerstört haben, helfe Micha im Gemüsegarten oder Obsthain, spiele mit den Kindern, erledige Besorgungen, beantworte Mails, bespreche mich mit dem Verlag in tausend Kleinigkeiten … Dann irgendwann nach sechs wird wieder gegessen, die Küche gemacht, Teig für das Brot vom nächsten Tag angerührt, Porridge fürs Frühstück vorbereitet, Müll rausgebracht, in der Chasa Parli nach dem Rechten gesehen, werden Interviews beantwortet, so geht’s bis halb zehn, zehn. Dann noch kurz mit Micha besprechen, was längst hätte besprochen werden sollen, den Bub in den Schlaf geküsst, der bleibt immer so lange wach, dabei ist er auch erst erst sieben, und selber schlafen gehen. Nachts vielleicht noch ein-, zweimal ein Kind trösten, vielleicht nochmal runter, weil eines Hunger bekommt, einen lärmenden Marder verscheuchen, dann ist’s wieder sechs.

TIM_KROHN_by_NINA MANN_20190409_1212_BWa4

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nichts anderes als sonst auch: Sich auf das Wesentliche konzentrieren. Dran bleiben. Großzügig sein. Freude am Verzicht.

 

 Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, die schönste Aufgabe der Literatur ist es, den Menschen die Köpfe zu öffnen, den Panzer zu knacken, mit dem man sich im Alltag so gern schützt, jede Nacht von neuem, so lange, bis er sich erübrigt hat. Aus Einzelkämpfern Liebende zu machen, Menschen, die es wagen, ungeschützt dem Leben zu begegnen. Denn nur solche Menschen werden flexibel und stark genug sein, um wirklich neue Lösungen zu denken, durchzuführen und auch das kurzzeitige Unbehagen auszuhalten, das die meisten Veränderungen nun mal mit sich bringen – nicht weil sie schlecht wären, nur weil da etwas Neues ist. Corona hat gezeigt, dass wir uns vieles zutrauen können. Aber der Alltag ist so schnell zurück. Das Buch auf dem Kopfkissen holt die Menschen jede Nacht in ihre schöne existentielle Weichheit, oder besser Geschmeidigkeit, zurück.

 

Was liest Du derzeit?

Wann soll ich lesen? Aber das kommt wieder.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Auf der Fassade unserer Schreibpension, zur Straße hin, prangte bis vor etwa hundert Jahren ein Verkehrsgebot, das wir jetzt wieder ans Tageslicht holen: „Schritt oder 3 Fr. Busse.“

 

Vielen Dank für das Interview lieber Tim, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schreibprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke auch.

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tim Krohn, Schriftsteller 

Tim Krohn

Foto: Nina Mann

 

15.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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