„Wissenschaft und Kunst sollten nicht isoliert, sondern vielmehr synergetisch gedacht werden“ Cornelia Caufmann_ Bildende Künstlerin_ Klosterneuburg_1.8.2020

Liebe Cornelia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Augenblick habe ich Zeit zum ungestörten Arbeiten, Denken und Planen. Die sogenannte Alltagshetze fällt gerade weg, weil alles auf Urlaub und Corona programmiert ist. Familiäre Beziehungen stehen im Mittelpunkt. Ich beginne den Tag früh mit langem Frühstück und Lesen oft im Freien, wenn es draußen noch tauig ist und beende ihn meist spät nachts. Ich bereite mich auf bevorstehende Ausstellungen vor und wechsle zwischen Atelier und zu Hause. Nebenbei verbringe ich viel Zeit in unserem Garten, erledige dort die nötige Pflege als tägliches Ritual, beobachte die Veränderungen und genieße es, mich auf Rhythmus und Klang der Natur mehr als sonst einstellen zu können. Im Sommer ist alles etwas reduzierter, stiller, dafür intensiver.

 

109263518_284031319468907_5213926624532286666_n

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mir ist der ehrliche Umgang der Politik mit den Menschen enorm wichtig. Dem gegenüber sollten Künstler*innen Rückgrat zeigen und ihre Freiheit verteidigen, bei sich bleiben und zu sich stehen. Darin liegt Verantwortung, die von jedem Einzelnen von uns gefragt ist, um sich nicht zum Spielball und Handlanger degradieren zu lassen. Als wertvolles Gut darf es Kunst nicht gratis geben und muss genauso ernst genommen werden, wie die Wissenschaft. Beide haben den Anspruch, an Fortschritt und Entwicklung zu arbeiten. Korrespondenzen, Parallelitäten, Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten und Berührungspunkte zwischen Wissenschaft und Kunst sind seit jeher klar zu erkennen. Jene, die etwas zu sagen haben, sagen es meist nur unter sich im elitären Kreis. So sollten Wissenschaftler*innen und Künstler*innen gemeinsam mehr ins Zentrum rücken. Was nützen uns Wissen und Fortschritt, wenn sie nicht entscheidungstragend zum Wohle der Menschheit, sondern nur zur Ausbeutung eingesetzt oder freigegeben werden?

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Wesentlich sind individuelle und kollektive Selbstreflexion zum Schutz unseres Lebensraumes, das Erkennen, dass die Grenze nicht der Nachbarzaun ist oder die auf den Landkarten willkürlich gezogenen Staatsgrenzen, sondern jene der Biosphäre, die unseren Planeten umgibt. Diese Tatsache verbindet uns Menschen und sollte uns endlich zur Vernunft bringen. Wissenschaft und Kunst sollten nicht isoliert, sondern vielmehr synergetisch gedacht werden.

Was Kunst sein soll, ist eine Entscheidungsfrage. Im Idealfall ist Kunst ein Medium, eingefahrene Denkmuster aufzuzeigen und zu verlassen und sich als Gegenentwurf von der gelebten Wirklichkeit abzugrenzen. Künstler*innen zeigen die Befindlichkeit der Welt wie Seismographen und können Begleiter und Transformatoren von Umbruchsprozessen sein. Die großen Lebensthemen des Werdens und Vergehens, Rituale und Abläufe, die allem Lebendigen innewohnen, spiegeln sich in der Kunst und mögen die Seele der Menschen ansprechen und ihren Blick im Sinne des Auf(er)stehens und Erwach(s)ens verändern. „Kunst bildet Menschen“ – insofern ist Kunst für mich ein großer Hoffnungsträger.“

 

 

 

Was liest Du derzeit?

Besonders viel geben mir derzeit die Schriften Gilles Clements, eines französischen Landschaftsarchitekten. Was mein Denken mit ihm verbindet, ist die Idee der freien Entwicklung des Individuums: „Im Laufe seines Lebens findet das Lebewesen, gleichgültig, ob Pflanze, Tier oder Mensch, eine Chance, sich zu ändern und zu verwandeln.“ Er setzt wichtige Impulse zum Erkennen von Zusammenhängen in der Natur und regt an zu neuen Lebensentwürfen. Ich empfehle „Landschaft, Genie, Natur“ und „Die Weisheit des Gärtners“.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Welt, in der wir leben, ist grausam. Um zu überleben, müssen wir uns ständig neue Welten träumen. – Ein Zitat von Claus Peymann trifft den Kern meiner Absichten: „Man kann diese furchtbare Wirklichkeit nicht abbilden, sondern ihr nur den Traum einer anderen Wirklichkeit entgegenhalten.“ – derstandard.at// vom 2.3.2016

 

Vielen Dank für das Interview liebe Cornelia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Cornelia Kaufmann, Bildende Künstlerin

http://www.cornelia-caufmann.com

 

13.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s