„Kritisch bleiben, selbstbestimmt, feministisch, neue Wege denken und an der Umsetzung arbeiten“ Alexandra Streit Weinrich, Künstlerin _ Wien 27.7.2020

Liebe Alexandra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der hat sich nicht wesentlich geändert.

Ich bin Frühaufsteherin, der Tag beginnt meistens schon um 5:00 Uhr mit Kaffee im Bett und so einer Art morgendlichem Kreativ Tagebuch, da schreibe ich 3 A4 Seiten unzensuriert, was immer mir in den Sinn kommt – eine Technik aus dem Buch „Der Weg des Künstlers“ von Julia Cameron, die sich für mich sehr bewährt hat. Danach mache ich Sport. Dann geht es entweder ins Atelier oder ich arbeite von zu Hause an Skizzen und Konzepten. Bin da eher Marke Beamtenkünstlerin. Ich habe für mich herausgefunden, dass es eine feste Struktur und viel Disziplin braucht, um dem Ideenrausch Form zu verleihen. Verspreche aber, dass ich mich, sobald mein Kleiderschrank von weißen Blusen und Faltenröcken überquillt und sich nervöses Hüsteln oder eine ähnliche Macke bemerkbar macht, erwartungsgemäß wilden Orgien hingebe und meine Gin Flasche beim Vornamen nenne. 😉

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ein längst anstehender Paradigmenwechsel, Aufklärung und Transparenz als Voraussetzung

Ich habe ganz zu Beginn der Krise einen Text verfasst, den ich nie veröffentlicht habe. Ich denke es ist jetzt der richtige Zeitpunkt :

#Paradigmenwechsel

So meine Lieben, nach etlichen Tagen Klopapier, niedlichen Kinderfotos, Kettenbriefen also jeder Menge light entertainment –  sicher in diesen Tagen auch berechtigt – beschleicht mich das vage Gefühl, wir könnten uns in Brot und Spielen grad selbst einlullen.

Also jetzt mal ehrlich – auch ich habe Angst. Es gibt Menschen, die ich mehr liebe als mein Leben, die zu Risikogruppen  zählen. Das kann was. Nun sitze ich hier und denke: ANGST, ANGST, ANGST….der Titel meiner letzten Ausstellung war Sex und Angst. Eine der Fragen dahinter: wann verschwindet der Einzelne in der Masse, hat das Gefühl nichts mehr bewirken zu können und wie geschieht das? Wie werden Massen bewegt bis hin zu Kriegsparolen wie “ Es lebe der Tod“?! Ich bin auf 2 wesentliche Zutaten gestoßen: Etwas, das  uns Alle betrifft (bei meinem Thema Sündenfall war es Sex) und – Angst. Heute haben wir Corona und Angst. Und ich behaupte nicht, dass diese unberechtigt ist, die Bilder aus Bergamo sind bedauerlicherweise kein Fake. Ich bin auch für die Quarantänemaßnahmen und durchaus froh im Moment in Österreich zu leben. Aber: es gibt auch Ungereimtheiten. Und wir befinden uns in der Situation auch, weil unser Gesundheitssystem (nicht nur das unsere btw!) systematisch an die Wand gefahren wurde und nun blüht uns das Gleiche mit unserer Wirtschaft. Klar Gesundheit steht an 1. Stelle – ein AHA Erlebnis…

Weitere könnten folgen. Was mich stutzig macht:

  • die allerersten Bilder aus Hubei , die gehen mir nicht aus dem Kopf– da sind die Menschen auf offener Straße wie Schachfiguren umgefallen, das war wie aus einem billigen Science Fiction Roman, könnt ihr euch erinnern? Ich glaube an die Gefahr der Erkrankung, allerdings ist das Bild, dass sich heute hier abzeichnet doch ein Anderes.
  • Warum wird nicht vermehrt auf jene geachtet, welche die Krankheit bereits überstanden haben? Wenn diese tatsächlich immun sind, wieder in´s gesellschaftliche Geschehen zurückkehren und helfend eingreifen sieht es mit der Isolation doch weitaus weniger drastisch aus. Warum wird nicht mehr getestet?Also aktuell sind die Zahlen der Registrierten bei rund 4000, die meisten milde Verläufe.
  • Der Satz: dafür ist jetzt nicht die Zeit!!! Der lässt die Alarmglocken so richtig bimmeln: und – wir machen mit! Schicken uns Klopapierrollen in allen Varianten anstatt uns die Frage zu stellen, die längst ansteht: wie geht das mit uns weiter? Ein Corona Bonus für alle, die jetzt unser System am Laufen halten und dann Business as usual? Oder generell eine Umverteilung und ein Überdenken unseres Wertesystems? Warum ist jetzt nicht die Zeit über bedingungsloses Grundeinkommen nachzudenken? Gibt es tatsächlich keine Überlegungen, wie es mit der Wirtschaft nach Corona weitergeht? Banken, Währung, Digitalisierung des Geldes Europa, Grenzen – dafür ist keine Zeit, ich kann das nicht wirklich glauben. Verpflichtende geteilte Karenz? Was tun mit leerstehenden Nutzflächen? Darüber ob und warum ein Mädchen mit Zöpfen vor kurzem noch unser größtes Feindbild war (dabei haben wir Orbans, Trumps,…)? Was bedeuten Kunst und Kultur für die Gesellschaft, was würde das Verschwinden derselben bedeuten? Flüchtlingskrise, wir schaffen das…ja unbedingt, aber WIE? Jetzt ist nicht die Zeit sich über anderes Gedanken zu machen….ja, aber warum? Und wie steht es mit uns? Wie sieht es nun aus mit dem Einzelnen und der Masse? Zeigt uns die Zeit, dass der Einzelne wichtig ist oder nicht? Wenn die Verantwortlichen jetzt nicht die Zeit haben – wir haben sie! Was machen wir damit? Die Witzchen sind ja nett, aber die kleine Schwester von nett kennen wir auch und die gesellt sich langsam dazu. Und Angst haben viele von uns, aber die große Schwester von Angst ist Mut. Wollen wir die Corona Klobrille abnehmen und gemeinsam überlegen wohin die Reise nach Corona gehen soll, welche Gesellschaft wir uns wünschen? Ich würde das sehr gerne – also meine Frage an euch: wie wäre es mit einem Gedankenaustausch unter #Paradigmenwechsel ?

 

Mama

 

„Die Künstlerin und Ihr Über Ich“, Fotoarbeit zu einer Plexiglasmasken Artist Edition in Kooperation mit Maria Magdalena Ianchis 

 

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„Vulva Cantata“ , Installation aus der Ausstellung Sex & Angst

 

 

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„Ich habe heute leider keinen Apfel für dich“, Acryl auf Leinwand aus der Ausstellung Sex & Angst

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Kritisch bleiben, selbstbestimmt, feministisch, neue Wege denken und an der Umsetzung arbeiten – nicht anders als zuvor, allerdings mit einer neuen Dringlichkeit. Wachsam bleiben, ganz besonders in Bezug auf Digitalisierung und Algorithmen, die den derzeitigen Bewusstseinszustand einzementieren. Der Kunst sollte mehr Bedeutung zukommen und nicht weniger – die derzeitige Entwicklung stimmt mich bedenklich.  Diese Wertigkeit beginnt in einem Schulsystem, das einer radikalen Reformation bedarf. Ich sehe die Kunst als den Atem der Gesellschaft und sie sollte als Spiegel der Zeit einen unumstrittenen Stellenwert haben. Ich selbst widme mich, als ehemalige Studentin der Meisterklasse bei Prof.A.Frohner, vermehrt Medien wie Fotografie und Performance, die mich nicht nur aufgrund Ihrer Formsprache und Ausdruckskraft ergänzend zur Malerei faszinieren, sondern auch die Möglichkeit bieten in einer schnelllebigen Zeit schneller zu reagieren.

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„another day in paradise“

 

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„another day in paradise“

 

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Performance zur Ausstellung „Sex & Angst“

 

 

Was liest Du derzeit?

„Unsichtbare Frauen“  Caroline Criado -Perez

„Duell“ Joost Zwagermann

„Wie frei ist die Kunst?“ Hanno Rauterberg

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Lerne die Regeln gut, damit du weißt WIE du sie (bei Bedarf) ändern kannst.

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Alexandra, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexandra Streit Weinrich: Künstlerin

Fotos_Alexandra Streit Weinrich

 

12.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

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