„Es ist wichtig, den Menschen die Angst vor Theateraufführungen zu nehmen“ Peta Klotzberg, Schauspielerin_Wien 9.7.2020

Liebe Peta, wie sieht Dein Tagesablauf jetzt aus?

langsam wieder offener nach aussen. bis vor kurzem noch fokussierter, natürlich einsamer, allerdings auch unabgelenkt von organisatorischen, produktionstechnischen angelegenheiten und erledigungen. da bleibt mehr energie für kreatives werken. eine atempause, auch. irgendwo zwischen annäherungen an melodien, texte, langsam auch wieder sport, schwimmen und erste lese- und konzeptproben. umarmungen – das ist mir wichtig und hat mir gefehlt. und immer wieder austausch mit freunden: wie geht es Dir?

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Was ist für uns jetzt besonders wichtig?

zusammenhalt. echter zusammenhalt. endlich die verflachung von hierachien. glaube an die sache, also das theater, die resonanz, an die magie zwischen publikum und darsteller. liebe, hoffnung, freude am tun und freude am dasein. eigentlich wie immer, nur vielleicht mit stärkerem impuls im herzen. erschaffen wollen. aber das ist ja normal. zum glück.

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Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst zu?

als erstes muss ich sagen, dass ich auf diesen neubeginn sehr hoffe und mit neugierde hinschaue. dass wir was tun müssen, wir alle, das ist klar, sonst geht das gerade ein bisschen ein alles was die menschen aufgebaut haben. wobei auch dies nichts neues ist, im grunde. der zusammenbruch und der neuaufbau. geschichtlich betrachtet sind die zeiten des neubaus ja meist die „glücklicheren“. was ich etwas befürchte bzw. mit besorgnis beobachte, dass doch eine menge menschen gar nicht so sehr auf einen neubeginn hinarbeiten sondern lieber ein „reloaded“ angehen möchten. eine rückkehr zu dem, was war. was natürlich illusorisch und nicht zweckmäßig ist. und leider kristallisiert sich ja nicht unbedingt eine wertverschiebung heraus, also ein direkter lernfaktor: „systemrelevante“ berufe wie supermarktangestellte oder pflegekräfte wurden benannt, es wird applaudiert – aber was verändert das, was wird das diesen menschen konkret in den nächsten monaten, jahren bringen? meine befürchtung ist, dass dieses bewusstsein für so wichtige personengruppen, auch lehrer_innen, gleich wieder im alltagstrott untergeht. eine gehaltsrochade wär eigentlich jetzt eine logische konsequenz. aufwertung dieser berufsgruppen, auch finanziell.

und ich bin auch überzeugt, dass kunst absolut relevant ist war und immer sein wird. das aufgedrehte radio mit der musik an, der zehnte klingelton, kabarett sowieso, aber natürlich auch gerade für mit zeitgemäßer, moderner literatur arbeitende ist das erfassen der gegenwart und des prozesses essentiell, soll nicht heißen, dass ich mich auf eine flut von „corona-stücken“ freue. obwohl ich ja scherzhaft den „corona-theater-style“ mit masken und mindestabstand als erfassens- und pseudo-historisch dokumentierbar halte. es ist wichtig, den menschen die angst vor theateraufführungen zu nehmen. also das bewusstsein der menschen für gruppenerlebnisse wieder zu wecken. momentan erlebe ich da eine große scheu und verunsicherung. das wird sich sicher wieder ändern. und ja, das ist doch die aufgabe des theaters: zeitzeuge sein. erfassen, beobachten, und in kreativer form widergeben, festhalten, dazu addieren, meinung und standpunkt zeigen. natürlich ist das systemrelevant. brotbacken auch. es trennt sich auch ein wenig die spreu vom weizen gerade: die künstler, die schaffen müssen, weil es nicht anders geht, aus diesem inneren bedürfnis heraus, und die eher finanziell interessierten. wobei ich das nicht werten möchte in irgendeiner form. es ist einfach beobachtbar. tatsache ist, dass wir alle perspektiven brauchen. das prekariat ist noch größer, wackeliger, und auftritte und zusagen unplanbarer geworden.

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Was liest Du derzeit? 

sonnentage – das neue theaterstück von mona may der argeLeute.com

recherchen zur odyssee und zu ulysses

 

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Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

wir könnten erstarren, verstummem

wir können neue chancen suchen, summen

singen, kreieren, neu bauen was zerfiel

war vielleicht gut so – auf, neues spiel

(letzte strophe von „Gischt“, 05_2020)

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Peta, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater-, Schauspiel- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Peta Klotzberg, Schauspielerin, Künstlerin

https://petaklotzberg.jimdofree.com/kontakt/

Fotos_Peta Klotzberg

 

28.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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