„Menschen brauchen Menschen!“ Tamara Stern, Schauspielerin_Wien 7.7.2020

Liebe Tamara, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich muss gestehen, dass ich schon immer eine Nachteule bin. Aber durch die letzten zweieinhalb Monate hat sich meine innere Uhr noch mehr verschoben. Ich schlafe also lang! Was aber nicht weiter schlimm ist, denn die Vorproben in denen ich gerade stecke, beginnen gnädigerweise erst um 12 Uhr. Wir proben momentan noch über Zoom. Aber im August geht’s dann richtig los. Ich freue mich schon sehr auf die Produktion. Quartett von Heiner Müller. In einer Coproduktion vom Off Theater und Sterne*reissen- dem Verein den ich und Ernst Kurt Weigel vor 4 Jahren gegründet haben. Und mit dem wir zum Beispiel „Kein Groschen Brecht“ oder „Lola Blau“ coproduziert haben. Regie macht Luca Palyi, eine tolle junge Regisseurin und spielen werde ich mit meinem großartigen Bernhard-Ensemble Kollegen Gerald Walsberger. Ansonsten lese ich viel, koche noch mehr und esse am meisten!

Tamara Stern_

(Szenenfoto_„Kein Groschen Brecht“)

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, das ist schwer zu sagen. Generell ist es so, dass die meisten ein großes Bedürfnis danach haben wieder unter Menschen zu gehen, Freunde zu treffen und zu vergessen, dass es Corona und die Maßnahmen je gab. Ich finde das auch absolut verständlich. Menschen brauchen Menschen! Aber es fällt mir sehr schwer diesen Reiz zu verstehen, aus Grant gegenüber der Regierung (kann ich absolut nachvollziehen!) und aus einem Unwohlsein in dieser seltsamen Situation (kann ich auch nachvollziehen!) , als rebellische Reaktion zu sagen: Ich mach da nicht mit, ich will meine Mitmenschen nicht schützen, denn es ist unbequem für mich. Masken schützen nicht uns, sondern unsere Mitmenschen! Das zu verweigern heißt: Ihr seid mir eigentlich egal und ich entscheide, dass von mir keine Gefahr ausgeht. Das macht mich traurig. Wir gehen zu Zehntausenden gemeinsam gegen Rassismus und Hass auf die Straße. Das ist fantastisch! Aber wenn ich dort den hustenden Typen neben mir bitte, seine Maske über Mund und Nase zu ziehen, bekomme ich ein herablassendes „ du stirbst auch irgendwann“ als Antwort. Das ist doch vollkommen gaga!

 

Tamara Stern _oi

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu? 

Das ist eine Frage, die so komplex ist, dass ich gar nicht wüsste wie ich da anfangen oder enden sollte. Da das Theater aber das Zentrum meines Lebens, meine Mitte sozusagen, ist und auch immer war, wird sich an meiner Arbeit auf der Bühne, an der Energie, die ich in sie hineinstecke, wohl nichts ändern. Die Rahmenbedingungen allerdings werden uns in einen Strudel der Ungewissheiten und permanent neuen Veränderungen werfen. Sich diesen anzupassen verlangen von einem kleinen Haus wie zum Beispiel dem Off Theater eine finanzielle Flexibilität die es einfach nicht hat! Es wird hart werden. Sehr hart!

 

Was liest Du derzeit?

„Eine Ehe in Wien“ von David Vogel. Und ein Buch über Lillith, die erste Frau Adams.

 

Welches Zitat möchtest Du uns mitgeben?

„… und so saß er da. Allein in der Nacht. Stumm, ohne Sinn vor sich. Hektisch kauend, als verschlingt er die trockene Welt mitsamt dem Fett ihrer Menschen.“

Ernst K. Weigel, aus „Kein Groschen Brecht“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Tamara, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Tamara Stern, Schauspielerin

https://www.off-theater.at/

 

5.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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