„Wir können die Welt nicht verfügbar machen“ Lola Lindenbaum_ Künstlerin_ Wien 3.7.2020

Liebe Lola, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein objektiv ersichtlicher Tagesablauf hat sich kaum verändert, die Aufgaben in meinem „Brotberuf“ haben sich durch die äußeren Umstände erweitert, somit war ich gerade am Beginn des Shutdowns bezüglich meiner künstlerischen Impulse in der Umsetzung gehemmter als erwartet, widmete mich daher der Beobachtung, um in der „Lücke“ die Saat für spätere Arbeiten zu säen. Ich zitiere hier Robert Pfaller aus seinem Buch „Die blitzenden Waffen. Über die Macht der Form“, auf das ich später noch zu sprechen komme mit folgendem Satz: „DORT, WO MAN DIE ABWESENHEIT VON DARSTELLUNG HÄTTE VERMUTEN KÖNNEN, FINDET IMMER NOCH DARSTELLUNG STATT-EBEN DARSTELLUNG VON ABWESENHEIT.“

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Subjektiv habe ich die Zeit, in der die äußeren Rahmenbedinungen für mehr Introvertiertheit und Reflexion optimal gegeben waren, durchaus genossen, vor allem der Wegfall des Zwangs zu Gesellschaft war wohltuend, zumal mir allzuviele menschliche Kontakte im Laufe der Jahre mehr und mehr Energie kosten. Ich brauche stets viel Raum und in diesem meine Energie für mich.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich bin gegen menschliches Implizieren dessen, was dem anderen bzw. was für andere besonders wichtig ist, das wäre eine Bevormundung, gegen die ich mich ausspreche.

Wichtig für mich finde ich die Bestätigung der Erkenntnis, dass „Weltreichweitenvergrösserung“ – der Terminus stammt vom Soziologen Hartmut Rosa aus dessen Buch „Unverfügbarkeit“, das lange vor Corona geschrieben wurde, jedoch an Aktualität kaum zu übertreffen ist- nicht mehr Freiheit bringt, sondern im Gegenteil wir dadurch in neue Abhängigkeiten schlittern, die jener objektiver „Unfreiheit“ um nichts nachstehen.

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Die Expansionstendenz in allen Lebensbereichen taugt weder als Erlösungsversprechen noch macht es die Welt „verfügbarer“- wie man jetzt auch bei Corona sieht- und sie bringt natürlich auch die Sehnsucht nach dem Gegenteil hervor, nämlich die „Reichweitenminimierung“, diese wird ja in Rückzugsseminaren in Klöstern, simplify-your –Life-Retreats usw. offensiv und kostspielig gesucht und „zurückgekauft“ bzw der Versuch dazu unternommen. Corona stellte uns nicht vor die Wahl.  Der Weltausschnitt war zwangsläufig reduziert und die Erkenntnis da, dass Dinge über die wir Jahrzehnte  lang sicher verfügen konnten, plötzlich außer Reichweite geraten waren.

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Die Möglichkeit, jedes Wochenende, ans andere Ende der Welt jetten zu können, war plötzlich undenkbar. Jedoch stellte sich die Frage- will ich das überhaupt, macht mich das glücklich. Sind diese Verschwendung und die Möglichkeit, jederzeit überall sein zu können, denn nicht auch eine Belastung? Wie BLAISE PASCAL vermeinte: „DAS GANZE UNGLÜCK DER MENSCHEN RÜHRT AUS EINEM EINZIGE UMSTAND HER, NÄMLICH, DASS SIE NICHT RUHIG IN EINEM ZIMMER SITZEN BLEIBEN KÖNNEN.“

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Möglicherweise bot uns Corona eine flüchtige Gelegenheit einen Blick auf das zu werfen, was wir schon zu kennen meinen – da es in ständiger Präsenz ist- und es doch nicht tun.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei  der Kunst zu?

Die Kunst hatte stets eine Wirkung auf uns Menschen. Sie ermöglichte es dem Betrachter  den Blick zu öffnen und sehen und wahrnehmen zu lernen, scheinbar banale Dinge ins Reich der Ästhetik zu heben und so einen anderen Blick- ausgehend vom Kunstwerk- auf die ganze Welt zu werfen und diese so erträglicher zu machen. Ja, es wohnte der Kunst stets eine therapeutische Lesart inne.

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Wenn ein Kunstwerk einen Betrachter tangiert, hat es mit seinem Leben zu tun und kann dieses komplementieren.

Die früher sehr beliebten Vanitas-Stillleben beispielsweise symbolisierten Vergänglichkeit und  erinnerten die Menschen stets an die Endlichkeit des Lebens, an die Sicherheit der Unsicherheit.

Ein Schulterschluss auch zu Corona. Wir können die Welt nicht verfügbar machen und unser Leben kann jeden Tag zu Ende gehen, ohne dass wir es im Endeffekt beeinflussen können, somit sollen wir es uns gut überlegen, ob wir Dinge aufschieben- in der Annahme sie später wiederholen zu können- oder die Gunst der Stunde nutzen.

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Ich habe diesbezüglich – vor Corona- eine mehrjährige Vanitas – Reihe gemalt unter dem Titel „DER TOD ALS GRADMESSER FÜR ENTSCHEIDUNGEN“.

Interessant und bestätigend war jetzt in der Corona- Zeit die Evidenz, wie wenig Verständnis oder Ahnung über die Bedeutung von Kunst in der sogenannten „Kulturpolitik“ vorhanden ist-und dies politisch vollkommen colourübergreifend- und es bestätigte sich meine Auffassung, dass Kunst und Politik einfach unvereinbare Amplituden darstellen und bereits der Terminus „Kulturpolitik“ ein Paradoxon per se darstellt.

 

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Was liest Du derzeit?

Derzeit lese ich „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke“ – Susan Sontag, Tagebücher 1964-1980.

Davor habe ich die Bücher „Die blitzenden Waffen:Über die Macht der Form“ von Robert Pfaller, die Biographie „Susan Sontag-Geist und Glamour“ von Daniel Schreiber und „Berlin-Linz. Wie mein Vater sein Glück verbrauchte“ von Tarek Leitner gelesen.

 

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Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Susan Sontag schreibt ihn ihren Tagebüchern am 20.8.1964:

„Kritiken zu lesen verstopft Kanäle, durch die man neue Ideen bekommt: kulturelles Cholesterin“

 

Vielen Dank für das Interview liebe Lola, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine vielfältigen spannenden Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lola Lindenbaum, Künstlerin

http://www.lolalindenbaum.com/de/

Alle Bilder_Lola Londenbaum

Foto_Porträts_Station bei Doderer_Romanschauplatz_Wien_Walter Pobaschnig

20.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

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