Liebe Vera, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zur Zeit erlebe ich einen geregelteren Alltag, als wenn ich am Theater arbeite und das genieße ich sehr. Mein Mann und ich frühstücken sogar jeden Tag gemeinsam – was im Theateralltag für uns nicht so regelmäßig möglich ist. Also gewisse Dinge, die für andere Normalität bedeuten, sind für mich gerade möglich und ich erlebe sie als etwas Besonderes. Die Tage verfliegen schnell, mit kleineren und größeren Projekten, die Abende gehören Filmen, die seit einer Ewigkeit in Form von DVDs im Regal standen und jetzt endlich aus der Plastikfolie ausgepackt werden. Ab kommender Woche gehen aber auch endlich die Proben wieder los…
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
So allgemein? Das weiß ich nicht. Diese Situation stellt uns alle vor solch unterschiedliche Herausforderungen, was die Arbeit betrifft, das Einkommen, die Wohnsituation, unser Alter und auch die Lebensumstände. Was ich mir wünsche: dass wir diesen Einschnitt nutzen, um nachhaltiger und sozialer in die Zukunft zu gehen. Mehr Sorge tragen zu unseren Mitmenschen und der Welt. Ich fand es sehr bemerkenswert, wie dieses allgemeine Alltags-Rauschen – so würde ich es beschreiben – sich plötzlich in nichts aufgelöst hat. Und auch, wenn die Rückkehr der Delfine in Venedig eine Medien-Ente war… Wie gut wäre es, wenn dieses langsame Hochfahren dafür genutzt werden würde, nachhaltige Entscheidungen zu treffen und Verbesserungen zu bewirken.
Wir sollten nicht vergessen, dass man gewisse Dinge ändern kann und man nicht so weiter machen muss, wie zuvor.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?
Theater und vielleicht Kunst im Allgemeinen hat für mich unter anderem die Aufgabe, die Phantasie und Vorstellungskraft der Menschen immer aufs Neue zu wecken nicht verkümmern zu lassen. Die Phantasie, Alternativen zu denken. Im Hinblick auf Politik und Gesellschaft, aber auch was Offenheit für ungewohnte Ästhetiken und Sehgewohnheiten betrifft. Theater schafft Inspiration, Ideen und hält wach. Theater inspiriert und provoziert. Im besten Fall bewirkt das etwas bei den Zuschauenden.
Ein weiterer Punkt: Wesentlich ist, dass wir uns endlich wieder direkt begegnen können. Uns irgendwann wieder die Hände schütteln, Küsse auf die Wangen drücken oder uns umarmen. Vielleicht habe ich in der letzten Zeit zu viel Yoga gemacht, aber ich denke, dass das Theater wie eine große Umarmung sein kann. Oder wie das Öffnen einer großen Tür zu einem Raum, in dem alle willkommen sind und in dem man gemeinsam, physisch anwesend einer Geschichte, einem Thema oder einer Idee ein paar gemeinsame Stunden schenkt. Das Physische und Unmittelbare von Theater werden wir alle wieder sehr genießen, da bin ich sicher. Auf der Bühne wie im Zuschauerraum.
Was liest Du derzeit?
Zu Beginn des Lockdowns las ich DIE BAGAGE der österreichischen Autorin Monika Helfer, das mochte ich sehr. Mit Witz und Bodenständigkeit erzählt Monika Helfer die berührende Geschichte einer jungen Frau, die dummerweise in die falsche Gesellschaft hineingeboren wurde.
A-TRAIN von Patty Smith.
HIER BIN ICH von Jonathan Safran Foer habe ich gerade zu lesen begonnen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Die Einbildungskraft vergrößert oft die kleinsten Gegenstände durch eine phantastische Schätzung, so dass sie gar damit unsre Seele füllt und mit vermessenem Uebermuth verkleinert sie die größten bis zu unserm Maß.
(Blaise Pascal)

Vielen Dank für das Interview liebe Vera, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- und Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Vera von Gunten, Schauspielerin, Schauspielhaus Wien
https://www.schauspielhaus.at/team/vera_von_gunten
30.5.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Fotos_
Foto_Szenenfoto_Schlafende Männer_Schauspielhaus _Wien 9.11.18 _ Walter Pobaschnig
Foto_Portrait_Matthias Heschl