„Die menschliche Welt war auch vor der Pandemie eine ungerechte. Man kann immer was ändern.“ Yulia Izmaylova, Schauspielerin, Theaterdirektorin, Klagenfurt 7.5.2020.

Liebe Yulia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich genieße das Zusammensein mit meiner Familie und vermisse mein Publikum. Arbeiten tue ich nach wie vor. Ich bereite eine Lesung mit Texten von Engelbert Obernosterer vor; organisiere die postale Ausstellung „Sie haben Post/dobili ste pošto – Kunstwerke von Branka Jovanović mit Hauszustellung (ab 1.Mai 2020); in Kooperation mit dem UNIKUM entsteht ein online Projekt „FLASCHEN:POST – Nachrichten aus dem Packeis“, der Film „2020 – a Grace Odyssey“ ist in Arbeit, sowie eine neue Folge der Theater-Serie „Sternen Dreck / stari drek“ .

Yulia Izmaylova _ Foto_Leopold Fuchs

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das mit „für uns alle“ ist schwierig… Meinst Du EuropäerInnen? Die Menschheit? Alle Lebewesen? Die menschliche Welt war auch vor der Pandemie eine ungerechte. Man kann immer was ändern. Ein konkreter Schritt in Österreich wäre eine Steuerreform.

 Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst zu?

Für mich ist das kein Neubeginn. Ich werde weiterhin nach neuen künstlerischen Formen suchen. Ich werde Menschen für ihre Umwelt sensibilisieren. Ich werde die Demokratisierung des Theaters vorantreiben. Und ich werde eine klassenlose Gesellschaft propagieren.

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Bücher parallel.

Robert Walser „Der Spaziergänger“ auf Russisch.

Bohumil Hrabal „Wie ich den englischen König bediente“ auf Russisch.

Edward Bernays „Propaganda“ auf Deutsch.

Valerian Albanow „Im Reich des weißen Todes“ auf Deutsch und auf Russisch:)

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Computer: „Der Mensch ist ein großartig astigmatisches Geschöpf. Es heißt, seine Stärke liege in der Fähigkeit des empathischen Empfindens und in seinem „Instinkt des Guten“. Aber wie sieht das sogenannte Mitgefühl in der Praxis aus? Sie empfinden Mitleid für das Opfer eines Unfalls und helfen ihm. Wenn Sie jedoch vor zehn tausend Opfern gleichzeitig stehen, können Sie nicht alle mit Ihrem Mitleid erfassen. Das Mitleid hat ein sehr begrenztes Fassungsvermögen. Es bewährt sich, solange es um einzelne geht, sobald aber die Masse auftaucht, breitet sich Ratlosigkeit aus. Die Aura der ethischen Verantwortung erstreckt sich nur auf die ersten Glieder in der Kette von Ursache und Wirkung. Der Auslöser eines Prozesses fühlt sich für die weiterreichenden Konsequenzen nicht verantwortlich. Die Atombombe ist nur ein Beispiel von tausenden. In eurer Auffassung von Gut und Böse seid ihr Menschen einfach lächerlich“

Aus „Die Verhandlung“ von Stanisław Lem (von VADA für das Stück „iHAL Die Liebe des Computers“ adaptiert)

Vielen Dank für das Interview liebe Yulia, viel Freude und Erfolg für Deine so engagierten Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Yulia Izmaylova, Schauspielerin, Regisseurin

Weitere Infos:

https://vada.cc/

25.4.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Foto_ Leopold Fuchs

 

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