„Plötzliches und entschiedenes Handeln und generationenübergreifende Solidarität sind möglich“ Theodora Bauer, Schriftstellerin_5 Fragen_Wien 23.3.2020

Liebe Theodora, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Paradoxerweise gar nicht so anders als sonst – bzw. gar nicht so anders als in Schreibphasen. Ich hatte großes Glück – ich habe diese Saison kein Buch heraußen und hatte ohnehin geplant, mich wieder zum Schreiben zurückzuziehen. Ich habe mir deshalb auch nicht viele Termine gelegt, weshalb mich deren Ausfall auch nicht so stark trifft. Ich fühle aber dennoch sehr mit denjenigen KollegInnen, denen jetzt wertvolle Einnahmen entgehen und vor allem mit denen, die jetzt ein neues Werk am Start hätten.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, man soll die jetzige Situation – also zu Hause sitzen zu müssen – nicht zu schwer nehmen. Wir werden nicht aufgefordert, in den Krieg zu ziehen, es hat keine Erdbeben, Buschfeuer, Überschwemmungen gegeben – im Gegenteil: die vorliegende ist eine Situation, die wir im Gegensatz zu Naturkatastrophen und Schicksalsschlägen selbst kontrollieren können… wenn wir uns richtig verhalten.

 

In Deinem aktuellen Roman „Chikago“ geht es um Aufbrüche zu neuen Lebensorten und Lebenswegen. Es geht um Neubeginn mit allen Herausforderungen. Auch jetzt wird es ein Neubeginn sein, von dem wir gesellschaftlich und persönlich stehen bzw stehen werden. Was ist dabei wesentlich?

Mich persönlich interessiert neben der konkreten Ausgestaltung der Hilfsmaßnahmen, etc. auch der gesellschaftliche Nachhall, den die jetzige Zeit haben wird. Wir gehen immer davon aus, dass die Ereignisse, die wir gerade durchmachen, monumentaler sind als sie meist im Rückblick wirken, und ich bin gespannt, ob es diesmal auch so sein wird. Das heißt: Werden die Leute in einem Jahr diese Zeit vergessen haben und genauso weitermachen wie zuvor? Wird eine neoliberale Politik herrschen, die den Sozialstaat so weit wie möglich herunterkürzen will, die Solidarität nahezu unmöglich macht und die Menschen unnötig entzweit? Wird die Umwelt weiter zerstört werden? Oder werden wir uns an diese Zeit des Innehaltens erinnern und die akute Erkenntnis, die wir dieser Tage hatten, behalten: Dass nämlich gerade das, was in den letzten Jahren fast weggespart worden wäre, uns jetzt sprichwörtlich am Leben hält, dass oft die Menschen, die am wenigsten Geld bekommen, die meiste Last – gerade auch in Krisen – tragen, dass die Sozialpartnerschaft eine wichtige und gute Einrichtung ist, die wir nicht begraben, sondern stärken sollten? Und werden wir vielleicht auch merken – jetzt, wo die Delfine wieder vor Venedig springen und die Luftverschmutzung über den globalen Ballungsräumen massiv zurückgeht – dass ein bisschen weniger überschießende Betriebsamkeit auch der Natur guttäte? (Das heißt selbstverständlich nicht, dass der Schock, dem unser Wirtschaftssystem jetzt ausgesetzt ist, wiederholt werden sollte, beileibe nicht; aber es heißt, dass wir vielleicht einige Veränderungen, die zugunsten der Umwelt nötig wären und die ihr auch guttäten, evolutionär bewerkstelligen könnten anstatt durch brutale Abbrüche… Denn auch das sehen wir jetzt: Plötzliches und entschiedenes Handeln und generationenübergreifende Solidarität sind möglich, wenn es nur alle wollen.)

 

Was liest Du derzeit?

Ich werde mich in den nächsten Wochen mit denjenigen Büchern und Buchempfehlungen beschäftigen, die wir in den nächsten Sendungen von „literaTOUR“ auf ServusTV bringen werden – selbstverständlich kann erst wieder gedreht werden, wenn sich die Situation in Sachen Corona entspannt hat. Bis dahin habe ich ja auch so genug Zeit, mich mit guter Literatur zu beschäftigen. 😉

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Roman möchtest Du uns mitgeben?

Folgendes Zitat scheint mir momentan irgendwie passend – Ana sitzt im Jahr 1921 gerade in einem Zug, der sie quer durch Europa zum Hafen nach Hamburg bringt, von wo aus das Schiff nach Amerika ablegen wird:

Die Ana hat ihren Blick abgewendet, hat durchs Fenster in die Landschaft hineingeschaut, die blau gewesen ist vom frühen Morgen. Sie hat die Weite unter sich gespürt. Die Zeit und das Ruckeln vom Zug und die Länder, die sie durchkreuzt haben, sind zu einer Einheit verschmolzen, die unter ihnen weggerollt ist, die sie hinübergeschoben hat in ein anderes Leben. Die Ana hat gemerkt, dass sie traurig gewesen ist. Nicht aus einem einzigen, einfachen Grund, den sie benennen hätte können. Es hat schlicht so viel gegeben, das man nicht ändern hat können, das so sein hat müssen, wie es gewesen ist, und das hat sie traurig gemacht.

 

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Vielen Dank für das Interview liebe Theodora, viel Freude und Erfolg für Deine Literaturprojekte in Buch und TV und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Theodora Bauer, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Theodora Bauer: Chikago, Picus Verlag

 

21.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Alle Fotos_Walter Pobaschnig 1_2020.

 

https://literaturoutdoors.com

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