„In einem selbst kann’s sehr leise werden“ Valerie Fritsch_Schriftstellerin_Fotografin, Interview_3_20

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Liebe Valerie Fritsch,

 in Ihrem neuen Roman „Herzklappen von Johnson&Johnson“ steht das Werden und Vergehen menschlichen Lebens um die dunkle Mitte des Krieges als traumatische bestimmende Erinnerung im Mittelpunkt. Wie gelingt es einer Generation gut mit dem Krieg der Großeltern „als unfreiwilliges Erbe“ umzugehen oder zertrümmert der Krieg alles und jeden über Zeit und Ort hinweg?

Valerie Fritsch: Ich denke, man muss eine Ahnung davon haben, was einem da vermacht wird, was man antritt, in erster Linie wohl die Tatsache, dass Familien hochkomplizierte Systeme und Gebilde sind, die durch die Autobiographien, die großen Schmerzen, Verluste, Sehnsüchte ihrer einzelnen Mitglieder geprägt sind. In denen unbewusst weitergegeben wird, was man kennt. Ein Krieg ist eine Kultur der Vernichtung, eine existentielle Erfahrung, er beschädigt die Menschen, manche ein bisschen, manche irreparabel. Wunden einerseits anzuerkennen, andererseits zu wissen, für manche gibt es keinen Trost. Und ich glaube, sich auszusöhnen mit der Unvermeidlichkeit von Herkunft, eine Idee davon zu haben, woher man kommt, kann frei machen, auch in alle anderen Richtungen weiterzugehen. Zum Beispiel vorwärts.

 

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Die junge Alma greift nach dem Leben und muss sich während der Erzählungen des Großvaters unter dem Tisch verstecken, weil es sie gleichsam erdrückt in übermächtiger Schwere und Dunkelheit. Erinnerungen weitergeben und Leben stärken – wie kann dies in jeder Generation neu gelingen?

Valerie Fritsch: Vielleicht in Form von Gesprächen, in denen man einander auch etwas zumutet. Mit einer Art Durchlässigkeit für die Welt, für andere, fremde, alte, neue Geschichten, ohne erhobenen Zeigerfinger, aber mit dem Brennglas der offenen Augen, und mit einem Zuhören, das ergebnisoffen ist, und nicht denkt, dass es schon alles weiß.

 

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Welche Rolle kommt heute in diesem Generationenprozess der Aufarbeitung und Erinnerung der Kunst zu?

Valerie Fritsch: Da sie ausgelagert ist, nicht mitten in einer Familie steht, nicht einen alleine höchstpersönlich betrifft, kann Kunst einen unverbindlicheren Weg anbieten, sich diese Themen anzuschauen.

 

Koffer_Straße _ Motiv Walter Pobaschnig

 

Den Erzählungen des Krieges steht die Sprachlosigkeit im Alltag gegenüber. Was braucht es, um eine neue Sprache nach dem Krieg zueinander zu finden?

Valerie Fritsch: Vielleicht Zeit, Zufall, und Glück, dass man über ein paar Worte stolpert, die die richtigen sind.

 

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Das Leben um Sie nimmt Alma als Inszenierung wahr. Ist dies grundsätzlich ein Spiegelbild unserer Zeit – gesteigerte soziale Inszenierung und verkümmerndes authentisches Leben?

Valerie Fritsch: Ich weiß nicht, ob man so streng sein muss mit Authentizität, wo fängt sie an, und wo hört sie auf, und wer bewertet das. Es ist jedenfalls zweifelsohne so, dass viele Menschen eine ernsthafte Freude an skurrilen Theaterstücken ihrer selbst haben, und gerne ihre Hintern, oder ihre Fruchtsäfte, oder worauf man sonst noch stolz ist, für alle Welt in die Kamera halten. Und auch wenn der Hintern falsch wäre, die Lust an der Aufmerksamkeit, die Bereitschaft für diesen Wahnsinn ist echt, authentisch sozusagen.

 

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Die verlorene Stille – wie und wo ist diese heute (noch) zu finden?

Valerie Fritsch: In einem selbst kann’s sehr leise werden, und in großen, weiten Landschaften auch.

 

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Sie sind Autorin und Fotografin. Wie verbinden Sie dies im Kunstprozess?

Valerie Fritsch: Aus der Kamera kommen Bilder, und aus mir kommen Sprachbilder heraus.

 

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Valerie Fritsch_vor der Lesung_Bachmannpreis 2015.

 

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Foto_Valerie Fritsch _ Wintermeer

 

Liebe Valerie Fritsch, vielen Dank für das Interview und viel Freude und Erfolg für Ihren neuen Roman wie Ihre Fotoprojekte!

„Herzklappen von Johnson&Johnson“ Valerie Fritsch. Roman. Suhrkamp Verlag

Besprechung : https://literaturoutdoors.com/2020/02/27/herzklappen-von-johnsonjohnson-valerie-fritsch-roman-suhrkamp-verlag/

 

 

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Bachmannpreis 2015_Motive  _ Model_Barbara Dibon_

https://literaturoutdoors.com/

 

 

 

 

 

 

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