„Station bei Bachmann“ Gespräch und Fotoporträt mit Sarah Wipauer, Bachmannpreisteilnehmerin 2019, 21.6.2019

Die Entscheidung für den Treffpunkt ist für Sarah Wipauer schnell getroffen, „der 9.Bezirk ist ein sehr spannender Stadtbereich“. Schon in ihrer Terminzusage lässt die Autorin anklingen, dass auch das „Alsergrundland“ viel an Überraschung und Geheimnis in sich trägt. Ich bin neugierig.

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Wir treffen uns vor dem ersten Wohnhaus von Ingeborg Bachmann in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Rothschild Spitals am Währinger Gürtel. Bachmann zieht hier 1946 ein. Als wir uns vor der schwerem holzgetäfelten Eingangstüre begegnen, ist gerade ein Umzug im Gange. Kartons, Lampen und Bücher werden bei sengender Hitze in den Transporter gehoben.

Umgezogen ist die Bachmannpreisteilnehmerin 2019, Sarah Wipauer, selbst nicht oft. „Wien ist mein Lebensmittelpunkt“, sagt die junge Schriftstellerin „ich bin hier geboren und auch aufgewachsen.“ In ihrer langjährigen Tätigkeit an der Universität Wien im administrativen Studienorganisationsbereich spielt die Topographie hier vor Ort ebenso eine wichtige Rolle – „ich bin fast jeden Tag hier, viele Institute, an denen ich zu tun habe und hatte sind hier angesiedelt.“ Wipauer erzählt auch, dass sie im Alten AKH, dem zentralen Krankenhaus der Stadt Wien in diesem Bezirk, geboren ist. Nach dem Neubau des Krankenhauses und dem Umbau des traditionsreichen Stadtareals ist ihre Geburtsadresse jetzt ein Restaurant geworden, lächelt sie. Es ist auch jetzt noch viel an baulicher Bewegung vor Ort „man kann sich vorstellen wie es hier vor 200 Jahren war aber auch wie es in 100 Jahren sein wird“, viel an Zeit, an alter Welt und an Schnittflächen zu neuen Entwürfen von Stadt und Stil seien hier lesbar, erzählt Wipauer.

Die Neugierde und das Schreibinteresse der Autorin für Lebensorte und ihre Entwicklungen und Hintergründe wird deutlich, „Historisches ist dabei sehr oft der Ausgangspunkt.“ Thematisch war bei Schreibprojekten im vergangenen Jahr „Pest und Barock in Wien im 17. und Anfang des 18.Jahrhunderts“ bedeutsam. Topographien spielen aber grundsätzlich eine besondere literarische Rolle – „manche meiner Texte sind relativ genau verortet“. Es sind urbane Landschaften, die „nicht so im Mittelpunkt stehen aber auch eine Geschichte haben.“ Die Freiheit von Sprache und Erzählkonstruktion ist dabei ebenso wesentlich.

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Im Inneren des Jahrhundertwende Hauses erzählt Wipauer, dass sie mit siebzehn Jahren Bachmann gelesen hat und dann „in den Zwanzigern wieder“. Eine Einladung nach Klagenfurt ist immer auch ein Grund diese wesentliche österreichische Autorin wieder zu entdecken. Wie etwa beim Literaturkurs im Musil Haus/Museum in Klagenfurt 2011, an dem die Autorin teilnahm, „ich las in den Nächten immer Bachmann. Es waren die Erzählungen.“ Im romantisch wuchernden Innengarten frage ich die Autorin nach ihren Schreibanfängen, „ich schreibe Texte, seit ich schreiben lernte. Der Schwerpunkt ist Prosa.“ In der Frage nach literarischen Vorbildern ist die Schriftstellerin zurückhaltend, „es gibt Schwerpunkte und Phasen“, in denen sich AutorInnen abwechseln. „Kurzgeschichten, die ins Surreale gehen“, liest sie derzeit.

„Ich habe die Handelsakademie in Wien-Hetzendorf besucht und mich dann für das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaft und der Sinologie entschieden“, umreißt die Autorin ihren Bildungs- und Berufsweg, „ich bin froh über alle Einblicke dieser Wissenschaften. Die Zugänge zu Literatur etwa, die noch nicht übersetzt ist – bis ich sterbe kann ich hier weiterlernen.“

 

 

Als wir das Haus verlassen, schlägt Wipauer den Weg in Richtung Altes AKH ein, „wohin wohl diese Straße führt?“, fragt die Autorin. Es ist offensichtlich, dass das „Alsergrundland“ für die Schriftstellerin ein Entdeckungsland ist und es hier noch sehr viel zu erzählen gibt.

Bevor es jedoch weiter geht, machen wir Station in der “Taverna Gyros“ in der Währinger Straße. Der Besitzer Fokianos Konstantinos, aus Thessaloniki gebürtig, freut sich der Wiener Bachmannpreisteilnehmerin einen Gutschein für ein Abendessen für zwei Personen überreichen zu dürfen. Herzlichen Dank für diese freundliche Überraschung!

Das Gutscheinkuvert ist eingepackt und wir spazieren zur Statue eines Röntgen Wissenschaftlers im Anne-Carlsson Park. Am Weg umschreibt Wipauer die Gedanken zum in wenigen Tagen beginnenden Literatur- und Fernsehereignis in Klagenfurt, „ich freue mich auf Klagenfurt, die Stadt, die anderen Autorinnen und Autoren wie auch das Rundherum, hoffe aber auch, dass ich wieder heil zurückkomme.“ Ihr Text sei ein neues Schreibprojekt, mehr könne, dürfe sie dazu jetzt noch nicht sagen.

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Jetzt sind wir bei der ausdrucksstarken Büste im Park angelangt. Guido Holzknecht, dem österreichischen Mediziner und Pionier der modernen Radiologie, wurde hier 1932 ein Denkmal gesetzt. Dabei wurden auch die schweren Verletzungen und Amputationen an der Hand des Wissenschaftlers abgebildet. Holzknecht hatte diese bei seinen Bemühungen zur Fortentwicklung der Röntgenwissenschaft erlitten. Er hatte bis zu seinem frühen Tod trotz vieler Operationen weitergearbeitet. An seinem Sterbebett war auch Sigmund Freud. Holzknecht war einer seiner Klienten, aber auch ein persönlicher Freund, der diesen wiederum in seiner Krebserkrankung behandelte. Ebenso war Holzknecht Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Im Krieg wurde die Statue nun vermutlich zerstört. In jedem Fall kam es danach zu einer Neuaufstellung, in welcher Holzknecht alle Finger zurückgegeben wurden. Ein Leben für die Wissenschaft im schonungslosen Einsatz und schließlich dem Preis verbrannter Hände und dem frühen Tod.

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Eine ganz besondere Geschichte, auf welche die Autorin hier aufmerksam macht und die für mich jetzt auch auf Ingeborg Bachmann zurückverweist. „Mit meiner verbrannten Hand schreibe ich über die Natur des Feuers“, formulierte Ingeborg Bachmann über Schreiben und Leben. Eine erstaunliche Analogie von Wissenschaft und Literatur im Anspruch von Erkenntnis und Ausdruck wie dessen Konsequenzen hier im Wiener Park und dessen Nachbarn Ingeborg Bachmann und Guido Holzknecht. Der Kreis schließt sich – auch hier in Bachmanns  „Alsergrundland“.

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Danke für diese sympathische Begegnung und diesen spannenden Nachmittag, liebe Sarah Wipauer, und alles Gute für Klagenfurt!

 

Walter Pobaschnig, 21.6.2019

https://literaturoutdoors

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