„Für mich ist Bachmanns Schreiben wie ein mystischer See“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Peter Uhl, Regisseur _ Wien 5.11.2026

Ingeborg Bachmann _ Peter Uhl

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Peter Uhl, Regisseur, Schauspieltrainer und Autor _ Wien

Lieber Peter, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Als gebürtigen Kärntner war für mich Bachmann schon recht früh gegenwärtig, wobei mich anfangs vor allem ihre Lyrik und sie als Person interessierten und in den Bann zogen.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Für mich ist Bachmanns Schreiben wie ein mystischer See: beim ersten Blick auf die Oberfläche begegnet man einem wunderbaren Sprachwerk, das einen verführt, in eine lyrisch-romantische Richtung zu denken. Doch je länger man in das Wasser schaut, desto mehr Turbulenzen sind zu bemerken – und ehe man sich versieht, ist man auch schon in die Tiefe gezogen. 

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ja, vielleicht ein Gedicht (Im Gewitter der Rosen, 1953):
Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen,
ist die Nacht von Dornen erhellt, und der Donner
des Laubs, das so leise war in den Büschen,
folgt uns jetzt auf den Fuß.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ich denke Bachmanns Kritik ist nach wie vor hoch aktuell, da sie nicht aus einzelnen Forderungen besteht, sondern ein System beschreibt, das besonders durch aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen (wieder) starrer und bedrohlicher geworden ist. Wenn also Gewalt als solches dadurch entsteht, dass Unmenschliches als „normal“ angesehen wird, bleibt die Frage, wie viel Zerstörung man akzeptiert, solange die Ordnung, die ein System hervorbringt, für einen selbst (noch) funktioniert? Oder anders gedacht: es geht um die Reflektion darüber, ob eine Handlung eine Notwendigkeit, ein Akt der Toleranz oder reine Bequemlichkeit ist und ob dadurch der schmale Grad zur Unmenschlichkeit (anderen und mir selbst gegenüber) überschritten wird – und ob ich gegebenenfalls diese Überschreitung vor mir selbst glaubhaft rechtfertigen kann oder nicht. Dieser Gedankenprozess ist den machtbesessenen und egomanischen Lenkern des (derzeitigen) Systems selbstverständlich nicht zu unterstellen. Aber in der Allgemeinheit könnte es doch dazu führen, dass solchen Personen die Unterstützung entzogen wird bzw. sie nicht mehr gewählt werden – um an dieser Stelle etwas träumen zu dürfen …

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Das Zitat sehe ich eher im Zusammenhang mit der vorhergegangenen Frage – und das Widerspiegeln des Systems in Beziehungen und der Liebe ist ein Symptom davon. Ob wir mit/nach Bachmann anders lieben, kann ich ehrlich gesagt nicht beantworten. Für mich persönlich mag ihr Schaffen einer von vielen Einflüssen gewesen sein, der vielleicht zu etwas mehr Achtsamkeit geführt hat.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Es wäre blauäugig zu glauben, dass der Beruf des*der Künstler*in nur ein freies, sorgloses Kanalisieren der Urkraft „Kreativität“ sei. Natürlich gibt es da auch Verzicht, Selbstzweifel, Blockaden, Phasen der Vereinsamung etc. – also eine gewisse Form des Martyriums. Und natürlich kann auch aus diesem Martyrium heraus effektive Kunst entstehen – ich persönlich sehe es aber nicht als notwendige Quelle sondern als eine (mögliche) Nebenwirkung.
In dem Zusammenhang muss ich immer an eine Situation denken, die angeblich zwischen Dustin Hoffman und Laurence Olivier während der Dreharbeiten zu „Marathon Man” stattgefunden haben soll: Hoffman kam verschwitzt und vollkommen erschöpft ans Set und meinte, er hätte seit Tagen nicht geschlafen, um sich vollkommen in den Zustand der Rolle in der Folter-Szene zu versetzen. Und Oliver erwiderte darauf: „My dear boy, why don’t you just try acting? It´s much easier!“  Zwar hat Hoffman später ergänzt, dass er „The Method“ nur als Ausrede für seinen Zustand wegen vorangegangener Partynächte benutzte, aber um auf den Punkt zurück zukommen:
Nach meinem Verständnis hat Kunstschaffende*r zu sein auch viel damit zu tun, den kreativen Prozess durch erlerntes Handwerk zu stabilisieren, um eben nicht aus dem Martyrium schöpfen zu müssen – denn das führt in weiterer Folge sehr wahrscheinlich zur Selbstzerfleischung und das kann in meinen Augen nicht Ziel von Kunst sein.   

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Ich denke, dass der Umgang mit der Sprache an sich in Bachmanns Werk besonders ist. Beziehungsweise das Paradoxon, dem sie sich selbst im Schreiben ausgesetzt hat: eine neue Sprache aus bestehenden Mitteln zu schaffen – wissend, wie Sprache funktionalisiert wird und genau das unterfüttert, was sie kritisiert.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Danke!

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Zur Zeit laufen die Vorbereitungen und ersten Proben für ein Projekt, wie ich es in der Form noch nie gemacht habe und deswegen besonders spannend für mich ist: ich habe zwei Theaterstücke geschrieben, die zwar von der Grundstruktur ident, aber mit unterschiedlichen Protagonist*innen besetzt sind (und natürlich auch mit anderen Darsteller*innen). Was also schon während des Schreibens ein „schielender“ Prozess war, darf sich nun mindestens genauso „schielend“ in meiner Regiearbeitet mit wundervollen Menschen fortsetzen. Die Endprodukte erleben dann Ende Februar 2027 ihre Premieren.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

„Aufhören können, das ist nicht eine Schwäche, das ist eine Stärke.“

Herzlichen Dank für das Interview!

Peter Uhl, Regisseur, Schauspieltrainer und Autor

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Peter Uhl _ privat.

Walter Pobaschnig, 9.10.2026

https://literaturoutdoors.com

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