„Uns nicht raushalten und glauben, dass uns niemand zuhört“ _ 5 Fragen _ Christian Maurer, Schriftsteller _ Berlin 4.11.26

5 Fragen an Künstler:innen

Christian Maurer, Schriftsteller _ Berlin

Christian Maurer, Schriftsteller

Lieber Christian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mindestens viermal pro Woche ins Museum zur Arbeit gehen. Jeden Tag glauben und hoffen, dass ich mein Buch endlich fertigbringe. Gelingt fast nie. Es muss alles passen. Gegessen muss nämlich auch werden, Kaffee getrunken auch.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht aufgeben. An allem dranbleiben, was uns wichtig ist. Uns nicht raushalten und glauben, dass uns niemand zuhört. Den Ärger durch Ventile ablassen und aus dem Druck Energie erzeugen. Es gibt so viel unnützen Ramsch, der uns täglich im Weg steht. Wir leiden darunter und bemerken nicht, dass der Ramsch unser Arbeitsmaterial ist. Ich glaube, jeder kann seinen Beitrag zu einem Etwas leisten, das wir gar nicht kennen. Künstler haben den Vorteil, dass sie ein Kommunikationsmedium haben, das nicht nur im Werk von Relevanz ist. Ich tue alles, um nicht zum Eigenbrötler zu werden. Es ist nicht leicht, sicher. Ein Beispiel zum Verständnis: Einem ehemaligen Arbeitskollegen, der vor zehn Jahren aus dem Tschad gekommen ist, der für 15 Euro Stundenlohn jeden Tag von Cottbus drei Stunden zur Arbeit fährt, hat irgendjemand durchs Fenster in die Wohnung geschossen. Es waren mehrere Schüsse, ins Kinderzimmer. Von der Polizei wird (noch) nicht ermittelt. Es ist Monate her. Ich arbeite neuerdings im Bode Museum. Vor kurzem wurden an den „Bruder“ liebe Grüße ausgerichtet, nicht dem Kollegen, dem Freund vielleicht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Ehrlich gesagt, Walter, sehe ich keinen Aufbruch, keinen Neubeginn. Seit Jahren sehe ich Aufbrüche und Neubeginne, die mir völlig ausreichen, um jeden Tag fast zu resignieren. Fast! Ich weiß, wir Künstler sollten wissen, dass die Menschen, für die wir arbeiten, unsere Bücher und sonstigen Werke nie lesen, nie sehen werden. Wir haben die verdammte Pflicht, das, was wir gerne unsere Begabungen nennen, nicht achtlos versickern lassen sollen, sie nicht einpacken und mit „nach Hause“ nehmen dürfen. Das ist kein pathetisches Geschwafel. Ich würde auch gern von dieser, meiner „wirklichen“ Arbeit, leben können. Wichtig, oder besser wünschenswert, ist für mich in Wirklichkeit aber nur und ausschließlich, gelesen zu werden. Wir müssen die Leute rausreißen aus dem Alltäglichen, das ist Sinn der Kunst, der wirkliche Zweck unserer Arbeit. Viele wollen auch nicht rausgerissen werden, verstehe ich. Dann sollten sie aber auch nicht jammern.

Was liest Du derzeit?

„Natur und Gender“ von Christoph Türcke. Der Untertitel: Kritik eines Machbarkeitswahns.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Töten – das tun auch die Tiere, gelegentlich auch ihresgleichen. Aber rituell töten, in feierlicher Versammlung an einem bestimmten Ort nach einem festgelegten Schema: das ist ein exklusives Merkmal des Menschen“.

Vielen Dank!

Zur Person/über mich/Website: https://christianmaurer-autor.de/der-autor/ 15.9.2026

Foto: Christian Maurer _ Peter Zach

Walter Pobaschnig 15.9.2026

https://literaturoutdoors.com

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