„Sie sind die erste Autorin, die versucht, die Jury zu hypnotisieren“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Brigitte Schär, Schriftstellerin _ Zürich 29.10.2026

50 Jahre Bachmannpreis _ 

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt 

Im Interview _ Brigitte Schär, Schriftstellerin _ Zürich

Bachmannpreisnominierte 2021

Liebe Brigitte Schär, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum, teilgenommen. Was sind spontan Deine ersten Erinnerungen?

Ich war 2001 eingeladen. Ein Vierteljahrhundert ist das inzwischen her. Heute, zum 50-Jahr Jubiläum, wird mir bewusst, dass ich genau in der Mitte dieser fünfzig Jahre dabei war.

Thomas Widmer hatte mich eingeladen, Elisabeth Bronfen war die zweite Schweizer Jurorin. Schon auf dem Flug nach Klagenfurt sagte sie mir, wie begeistert sie von meiner Geschichte war. Das war ein schöner Auftakt. In meinem Text spielte eine tote Frau eine wichtige Rolle. Das passte gut zu einem ihrer großen Themen in Kunst und Literatur. Dann kam ihr Koffer nicht an. 

Aus der Schweiz war neben mir auch Philippe Tingler eingeladen.

Ich hatte eine neue Geschichte dabei, eine Parabel über das Schreiben. Mein Hanser-Lektor Wolfgang Matz saß im Publikum. Die Jurydiskussion verlief überwiegend positiv. Mehrere Juror:innen setzten sich engagiert für den Text ein, zwei lehnten ihn deutlich ab. Denis

Scheck sagte: «Sie sind die erste Autorin, die versucht, die Jury zu hypnotisieren.» Andere Juror:innen hoben die Suggestivkraft des Textes hervor.

Der Wettbewerb kam mir damals vor wie ein Länderspiel. Im Hintergrund wurden Allianzen geschmiedet. Ich selbst hielt mich aus all dem heraus und zog mich bis zur Preisverleihung

eher zurück. Im Ausstich um den 3sat-Preis verlor ich knapp. Schade. Ein Preis hätte damals wohl manches verändert.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Die Aufmerksamkeit. Schon Wochen vor Beginn berichten Zeitungen über die eingeladenen Autorinnen und Autoren. Die Lesungen und Jurydiskussionen werden live übertragen und anschließend in den Feuilletons besprochen. Schulklassen sitzen im Deutschunterricht vor den Screens. Für ein paar Tage wird Literatur zum öffentlichen Ereignis. Das ist etwas Besonderes.

Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?

Die Lesung war für mich wichtig. Mein kunstvoll gebauter Text war nicht einfach vorzutragen, und ich hatte mich intensiv darauf vorbereitet. Die anschließende Jurydiskussion empfand ich als eher schwierig. Ich hatte gerade einen Text gelesen, der höchste Konzentration verlangte. Wenige Minuten später kam ich mir vor wie in einem Tribunal, und der Text wurde öffentlich seziert. Diesen unmittelbaren Rollenwechsel empfand ich als sehr anspruchsvoll. Am Ende wurde mir das Wort erteilt. Was hätte ich sagen sollen? Der Text hatte für sich gesprochen. 

Das Besondere an der Preisverleihung war, dass plötzlich mein Name ins Spiel kam. Und natürlich, dass ich den 3sat-Preis im Ausstich nur knapp verpasste.

Wie hat sich der Bachmannpreis auf Deinen weiteren literarischen und künstlerischen Weg ausgewirkt?

Weniger, als ich damals gehofft hatte. Ein Preis hätte sicher zusätzliche Türen geöffnet. Trotzdem möchte ich die Teilnahme nicht missen. Sie gehört zu meiner literarischen Biografie. Seither sind viele weitere Bücher erschienen, und ich durfte mit meinen Literatur-Performances in vielen Ländern weltweit auftreten.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Wie immer: Gute Texte. Publikumswirksame Lesungen. Gute Jurymitglieder. Ein literaturaffines, lesefreudiges Publikum. Und die Offenheit für ganz unterschiedliche literarische Stimmen.

Was möchtest Du den aktuellen Teilnehmern, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zu 50 Jahren Bachmannpreis. Und Ingeborg Bachmann zum 100. Geburtstag.

Den Teilnehmenden wünsche ich Gelassenheit. Der Zufall spielt mit. Man kann nur das Beste geben und dem eigenen Text vertrauen. Der Jury wünsche ich Neugier und Offenheit. Dem Publikum die Freude an literarischen Entdeckungen. Und dem Bachmannpreis wünsche ich, dass er auch in Zukunft überraschenden und eigenwilligen Stimmen Raum gibt.

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Brigitte Schär, Schriftstellerin

Zur Person: Brigitte Schär lebt in Zürich und schreibt für Erwachsene und Kinder. Ihr literarisches Debüt gab sie mit 30 Jahren. Seitdem ist sie als freischaffende Schriftstellerin und Performerin tätig. Für ihr literarisches Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Ihre Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt. Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit entwickelt und präsentiert sie eigene Literaturperformances. Mit Konzertlesungen und literarischen Bühnenprogrammen war sie auf fünf Kontinenten unterwegs. 2001 nahm sie am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil.

Website der Autorin: Brigitte Schär | homepage

Großes Publikumsinteresse bei den Lesungen _
Jubiläumsbachmannpreis 2026

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ulrike Fink, Gattin von Humbert Fink, bei der Eröffnung zum 50.Bachmannpreis/ORF Kärnten
Heinz Bachmann (Bruder von Ingeborg Bachmann) mit Gattin Sheela und dem langjährigen Bachmannpreisorganisator Horst L-Ebner (ORF Kärnten) bei der Eröffnung zum 50.Bachmannpreis/ORF Kärnten _ 24.6.2026

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Klagenfurt/Wörthersee

Foto: Brigitte Schär _ privat.

Alle Fotos: Bachmannpreis_Klagenfurt/Wörthersee _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 29.6.26

https://literaturoutdoors.com

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