
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Olav Amende, Schriftsteller _ Leipzig
Lieber Olav, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann gehört zu den ersten Lyrikerinnen, denen ich begegnet bin. In der Schule hatten wir einige Gedichte von ihr behandelt. Jahre später las ich ihre Erzählsammlung „Das dreißigste Jahr“, dann „Malina“. Und einmal hörte ich während einer Autofahrt den Ausschnitt eines Hörspiels, dessen Sprache mich ungemein an sich zog. Daheim suchte ich im Netz nach dem Titel. Es waren „Die Zikaden“ von Ingeborg Bachmann.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ich habe den Eindruck, als oszilliere ihre Sprache zwischen den Zeiten und Räumen. Zuweilen könnte sie in der Antike angesiedelt sein oder im Fin de Siècle; gleich darauf wirkt sie auf mich, als seien die Texte nicht einmal in den 50ern bis 70ern verfasst worden, sondern erst in den 80ern, 2000ern, morgen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Auf jeden Fall „Die Zikaden“. Ihre Gedichte sowieso. „Das dreißigste Jahr“, „Undine geht“. Und nun auch ihre Rede zum Büchner-Preis – dieses herrlich groteske Bild Berlins. Heiner Müllers Rede ist ja schon wild, aber diese hier … Berlin in den 60ern (oder von heute?) mit den Augen Lenz‘ auf den Kopf gestellt!
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie hat es allein schon in „Undine geht“ auf den Punkt gebracht. Sie hat sie treffend beschrieben, diese feigen, großmäuligen Typen in ihren Lederjacken, die sich ihre Frauen nehmen, um das Geld zusammenzulegen, um, wie Bachmann es schreibt, die Zukunft zu erhärten. Die Paarbeziehung als Unternehmerisches Selbst …
Auch muss ich an die Gewalt in „Malina“ denken, gleich zu Beginn, wenn die beiden Jungs den guten Glauben des Mädchens ausnutzen und es schlagen. Das ging mir ins Mark, dieses „Da, du, jetzt hast du es!“. Oder die Gewaltorgien des Vaters. Die Ich-Erzählerin spuckt dem Vater ins Gesicht, aber sie hat keinen Speichel; er ist unberührbar. Das schmerzt! Und letztlich die psychische und intellektuelle Unterdrückung, das Abdrängen bis hin zum Verschwinden in die Wand.
Zugleich formuliert sie, was oder wie sogenannte Männlichkeit sein könnte – wieder in „Undine geht“: „Zu loben sind eure Hände, wenn ihr zerbrechliche Dinge in die Hand nehmt, sie schont und zu erhalten wisst …“
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
In demselben Interview sagt Bachmann, die Krankheit und die Folter in „Malina“ ist die Krankheit unserer Gesellschaft, unserer Zeit. Die gilt es, auszukurieren. In der Interviewsequenz, in der Bachmann zu ihrem männlichen Gegenüber lächelnd sagt: „Die Männer sind unheilbar krank – wussten Sie das nicht?“ wird sie mir sehr sympathisch, weil sie ihm damit auf eine geschickte und charmante Weise auch sagt: Der toxische Mann leidet an seinem eigenen Toxikum. Das einzusehen, wäre ein erster Schritt hin zu einem Lieben.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ja und nein. Ich kann Bachmanns Ausspruch „Ich existiere nicht, wenn ich nicht schreibe“ nachvollziehen und glaube ihr, dass sie es eben so empfunden hat. Oft finde ich aber, dass dieses „Man kann nur wahrhaft kreativ sein, wenn man leidet“ zur hohlen Phrase verkommt. Natürlich ist Schreiben, ist Kunst viel zu häufig mit prekärer Existenz verbunden; heute mehr denn je, wenn ich mir anschaue, wo derzeit als Erstes der Rotstift angesetzt wird. Aber das ist ja kein idealer Zustand; ganz im Gegenteil!
Zugleich hat das künstlerische Schaffen, hat das Schreiben etwas ungemein Erhebendes. Ich kann mit Worten erschaffen und mein Gegenüber – auf welche Weise auch immer – berühren, es zum Nachdenken bringen, oder zum Lachen …
Kurz: Kunst verstehe ich als Leiden-Schaft im doppelten Sinne.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Ein Aspekt, der mich an ihrer Art zu schreiben und auf das Schreiben zu blicken, fasziniert, ist der, dass sie Literatur als einen nicht abgeschlossenen Prozess begreift. „Was wir das Vollendete der Kunst nennen, bringt nur von neuem das Unvollendete in Gang“, sagt sie und betrachtet damit Literatur – und sicherlich die Kunst im Allgemeinen – vielleicht als etwas Zyklisches, jedenfalls nicht in der kapitalistischen Logik einer Linearität. „Es gibt in der Literatur keine Zielbänder“, sagt sie, „kein Überholen und kein Abfallen.“
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Gefragt hätte ich sie gern: Hätten Sie Ihre „Todesarten“ vollenden können, welches Vorhaben hätten Sie als Nächstes im Sinn gehabt?
Gesagt hätte ich ihr gern, dass ihr Schreiben ansteckend wirkt.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Gerade schreibe ich Texte für ein Musiktheaterkollektiv zum Themenkomplex Kernkraft / Kernwaffen / Kernfamilie. Zudem habe ich eine Sammlung kürzerer lyrischer Prosa begonnen und recherchiere für einen neuen, dann wieder längeren lyrischen Text, für ein neues Buch.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Wem es ein Wort nie verschlagen hat, / und ich sage es euch, / wer bloß sich zu helfen weiß / und mit den Worten – // dem ist nicht zu helfen. / Über den kurzen Weg nicht / und nicht über den langen.“ Wahrlich, Ingeborg Bachmann (1964)
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person/über mich: Olav Amende ist Schriftsteller, Regisseur und Performancekünstler. Er hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Leipzig studiert. Er schreibt und inszeniert Theaterstücke und veröffentlichte Texte in diversen Literaturmagazinen. Im Sommer 2022 erschien sein Langgedicht „abwesenheiten“ in der parasitenpresse. Im Sommer 2024 erschien sein Langgedicht „Flurstück 3587/3588. Gedicht auf ein Haus.“ bei hochroth. Im Frühjahr 2025 folgte sein Langgedicht „erosion“ in der parasitenpresse. Im Sommer 2026 erschien sein Buch „Gegengefälle“, das er gemeinsam mit Jascha Riesselmann verfasst hat, bei Trottoir Noir. Das Buch war für die Hotlist 2026 nominiert.
Website: Olav Amende 2.10.26
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Olav Amende _ Krišjānis Zelgis
Walter Pobaschnig, 28.9.2026