
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Michael Kleinherne, Schriftsteller _ Eichstätt im Altmühltal/D
Lieber Michael, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ihre Lyrik, aber auch Prosatexte, etwa aus den Erzählbänden wie „Das dreißigste Jahr“, haben schon lange eine starke Wirkung auf mich ausgeübt. Der aktuell in den Kinos laufende Film mit Sandra Hüller war dann noch einmal ein ganz anderer Zugang zu ihr, auch durch die Original-Interviews mit ihr darin, die ich noch nicht kannte.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Diese unfassbare Sensibilität beeindruckt mich am meisten.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich möchte einmal, wie schon oben erwähnt, eine Erzählung hervorheben, die vielleicht nicht so bekannt ist: „Jugend in einer österreichischen Stadt“. Ich hatte mal eine Lesungsreihe im Stadttheater Ingolstadt und wählte diesen Text aus, der dann von einer Schauspielerin auf eindrucksvolle Weise vorgelesen wurde.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Da muss man ja nicht weit schauen, ein Blick nach Russland, Iran, USA und nach anderswo zeigt uns, wo das hinführt.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Gute Frage, der ich seit Jahrzehnten nachgehe … bisher eher erfolglos.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Das kann es sein, muss aber es nicht sein. Für sie gehörte es leider wohl dazu.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Da wiederhole ich mich und nenne ihre unfassbare Sensibilität.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
„Was wollten Sie noch schreiben, Frau Bachmann?“
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich schreibe einen Roman über eine Freundschaft zweier Frauen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Nie hat er gedacht, dass von tausendundeiner Möglichkeit vielleicht schon tausend Möglichkeiten vertan und versäumt waren – oder dass er sie hatte versäumen müssen, weil nur eine für ihn galt.“ (aus „Das dreißigste Jahr“)
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person/über mich: Michael Kleinherne, 1964 in Westfalen geboren, lebt seit dem Studium in Eichstätt. Er arbeitet dort als freier Autor, Journalist und Dozent für Kreatives Schreiben, Schreibberatung und Englisch. An der Universität Eichstätt initiierte und leitete er zehn Jahre lang das jährliche Festival LiteraPur. 2002 erhielt er den Reportagepreis der Akademie der Bayerischen Presse. 2015 war er auf Einladung der University of Dallas Gastautor am Dallas Goethe Center.
2012 erschien sein Kurzgeschichtenband Drehpause, danach die Romane Daniel, Die Aktion, Der Mann auf dem Foto, Absinth und Lea. Sein aktueller Roman Nike erschien im vergangenen Herbst. Er ist Beisitzer im Vorstand des Verbandes deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller München-Oberbayern.
Homepage: michaelkleinherne.wordpress.com.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Foto: Michael Kleinherne _ privat
Walter Pobaschnig, 6.9.2026