
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Francisca Ricinski, Schriftstellerin und Journalistin _ Bad Neuenahr/Ahrweiler/D
Liebe Francisca, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Es gibt mehrere Zugänge oder, anders gesagt, mehrere Stufen und Phasen meines Zugangs zu ihrem Werk. Aufgrund einer unfreien Kulturpolitik meines Heimatlandes in der langen Zeit als ich dort lebte und schrieb, zeigte sich noch kein Verlag bereit, ein ganzes Buch von Ingeborg Bachmann zu veröffentlichen. Und nicht nur von ihr. Während die Bibliotheken ungehindert über viele Bücher der deutschen Klassiker in rumänischer Übersetzung verfügten, sah sich die moderne Autorschaft – abgesehen von einer etwas liberaleren Phase – mit den ideologischen Zwängen des dortigen politischen Systems konfrontiert. Ingeborg Bachmanns Texte erschienen dort lange Zeit nur in Zeitschriften, Anthologien, Almanachen usw. Also hatte ich damals nicht die Chance einer breit ausgelegten Lektüre ihrer Werke.
Ich schrieb schon seit der Schulzeit Gedichte. Und ich hatte bereits begonnen, sie zu veröffentlichen, als ich in der bedeutenden Zeitschrift für Weltliteratur und Kunst „Secolul 20“, die in Bukarest erschien, Übersetzungen von Lyrik und Kurzprosa dieser einzigartigen österreichischen Autorin entdeckte. Ich wusste damals nicht – und weiß es bis heute nicht –, ob die Übersetzer ihrer Texte irgendwie einen direkten Zugang zu den deutschsprachigen Originalbänden hatten oder lediglich über einzelne Rohübersetzungen verfügten.
Und ein weiterer Zugang, sozusagen, bot sich an, während ich an der Uni im Studiumfach Weltliteratur näheres über sie und ihre Lyrik erfuhr und eine mir vertraut Affinität und Option für surreale Wortbilder feststellte.
Und noch einer, als Paul Celan seine Tätigkeit in Bukarest als Redakteur und Übersetzer beendete und anschließend sich für eine Weile in Wien aufhielt, wo er Ingeborg traf. Sie liebten sich, widmeten sich gegenseitig Gedichte. Aus einer Ferne zur anderen schrieben sich aufhellende Briefe, aber auch über Sehnsucht und verhängnisvolle Wunden der Seele. Und es gab einen krönenden, hoch emotionalen Zugang zu diesen Briefen in Buchform und zu anderen Werken von ihr in der Originalfassung, nachdem ich mein Leben in Deutschland fortsetzte und über entsprechende Deutschsprachkenntnisse verfügte.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ich las ihre Gedichte weder mit dem Skalpell in der Hand noch mit einer scharfen Lupenbrille. Als wäre ihr wegweisender Aufruf nicht nur an die Worte, sondern auch an Personen gerichtet, folgte ich ihr nach. Ihren nichtlinearen Gedankengängen. So wie sie kamen, geschwind oder schwankend, widersprüchlich. Den daraus entsprungenen Zeilen und Übergängen aus reißenden Lichtfäden. Ihr eigenes Ich – wie bei Rimbaud – ist ein anderes/ *je est un autre*. Vielleicht schätzen andere einen sich brav abrollenden Faden, ich aber mag die unerwarteten Sprünge, Wendungen, flexible Strukturen, wechselnde Metrik, kühne Metapher, aber auch den Einsatz der Stille. Insbesondere dies spricht mich an.
Mich beeindruckte ihr beharrlicher Wunsch – ungeachtet der Skepsis und der Sprachkrise der Nachkriegszeit –, die Mitte des Seins und ihren rechtmäßigen Platz in Worten aufzuspüren und zu finden: In Worten, frei von Gitterstäben und unbelastet von Silbenblöcken, die ins Leere stürzten; und diesen Worten zu helfen, durch die Kraft der Wahrheit neu geboren zu werden. Erstaunlich, wie ein einziger Satz: „Alles ist eine Frage der Sprache“ (aus „Das dreißigste Jahr“) reichte m. E. aus, um die Verantwortung für das, was man ausdrückt, zu unterstreichen. Ich staunte, wie es ihr gelang, aus ihrem in tempi forti gelebten Leben mit den schicksalhaften Wendungen solche magische Substanz zu filtern. „Jeder Leser ist, wenn er liest, nur ein Leser seiner selbst“. Ja, so glaube ich es auch, denn ich konnte mich gut hineinfühlen, mir selbst mal begegnen.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Ja! „Herzenszeit“. Der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan Durch eine intensive Zuneigung vereint und eine Freundschaft, die viele Jahre, auch wenn unstetig, standhielt, führten diese zwei einzigartigen Dichter einen Briefwechsel, dessen Ehrlichkeit und Achtung vor der Wahrheit des Anderen nicht außen vor blieben. Sie begannen sich zu schreiben, um der trennenden Weite die Schärfe zu nehmen. Und vielleicht den unausgesprochen gebliebenen Sätzen und Worten neuen Resonanzraum zu schaffen, damit ihre Lebensbahnen nicht ganz entzweigen. Fast in jedem Zeitabschnitt, der darauf folgte, tauchten neue Inhalte und Hintergründe auf, in unterschiedlichem Tonfall und Schwung oder durch bedrückendes Schweigen. Verwundete Worte und Stille wie eingesetzte Pinselstriche für das einzelne Selbstbildnis, das später zu einer Spiegelung des Einen in den Anderen wurde.
Vielleicht wirken diese Briefe so überzeugend und tiefgreifend, da ihre persönlichen Züge und Lagen des Menschseins nicht ausgeblendet wurden. So viel Weichheit, Inbrunst, Tiefsinn und Funken der Hoffnung lassen sich darin wahrnehmen, aber auch scharfe Kanten, Unsicherheit, Klage, Betrübnis, Verletzung, Verlust, in Wortbildern umgesiedeltes Leid. Fragen mit oder ohne Antwort. Obwohl traumatisiert durch den Massenmord an den Juden in den Vernichtungslagern, blühte seine Liebe für die Tochter eines österreichischen NSDAP-Mitglieds auf. Auf ähnlicher Weise verlief Ingeborg Bachmanns Beziehung zu dem jüdischen Dichter – die Sehnsucht, das Streben nach Nähe und der Versuch, ihm eine Stütze zu sein – veranschaulichen, wie entschieden sie Konventionen und Vorurteile, larvierte oder posaunte Ressentiments ablehnte … Nicht nur durch Herkunft und Wesensart unterschieden sich Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Das Verhältnis, das jeder von ihnen zu einer Sprache mit neu zugeschriebenen Sinn und Aufgabe des poetischen Wortes – unterhielt, entsprang ihren jeweiligen existenziellen Erfahrungen und jenen Erinnerungen, die sich weigerten, ausgelöscht zu werden.
Bachmann und Celan waren nicht nur biografisch, sondern auch in ihrem Schreiben verbunden. Literarisch bezogen sich beide auf unterschiedliche Art und Weise aufeinander. Ihr Anteil an der Korrespondenz bot eine Verflechtung von lyrischen Texten, Offenbarungen, Kommentaren, gesellschaftlichen Reflexionen, Kontroversen, Emotionen, Entfesselungen. Celan schien weder Trost noch Frieden in seinem Schreiben zu finden. Für ihn bedeutete die Shoah mehr als ein musealer Knochenberg oder ein in den „Niemandsstein“ gemeißelter Begriff. Von schwarzer Milch und Rauch schrieb er. Als hätte er, statt Luft, Metaphern in den Körper seiner Todesfuge eingehaucht. Denn, anders als Bachmann, glaubte er nicht, dass es möglich sei, nach Auschwitz anders zu schreiben.
Auch dieser Liebe waren keine glatten, sicheren Wege beschieden. Überhaupt erwies sich ihre Beziehung als schwierig und schließlich hörten die Worte, die über lange Jahre zwischen ihnen gewechselt wurden, auf zu flattern, und die Brücke, die ihre geistigen Welten verbunden hatte, stürzte ein. Eine Vorahnung von der Erfüllungsunmöglichkeit durch die Liebe schimmerte durch. Der Herzenszeit folgte eine ähnliche, eilende Tragik. Da meine Äußerungen zum *Briefwechsel* womöglich zu ausführlich sind, werde ich nun zum anderen von mir bevorzugten Werk übergehen: „Undine geht“.
Als Kind habe ich mich mehrmals gefragt, warum der Prinz – da er sich in die kleine Meerjungfrau verliebt hatte – nicht statt Beinen einen Fischschwanz erbat, damit sie gemeinsam im Unterwasserschloss leben konnten. In Bachmanns „Undine geht“ bleibt von der Figur lediglich das romantische Symbol erhalten, wie es in verschiedenen früheren Fassungen angelegt war – jene Undine, die versuchte, ihren Geliebten trotz seiner Sünden und Verfehlungen zu retten. Ihre Textform pendelt zwischen Litanei, wiegender Erzählung und einer höchst eindringlichen, dramatischen Anklagerede. Es ist, als holte sie – Stück für Stück – aus den Archiven der Erinnerung Beweise für die herrschende Rolle des Mannes in der bürgerlichen Gesellschaft jener Nachkriegsjahre sowie beispielhafte Gründe ihrer Vorwürfe. Selten schlägt sie sanftere Töne an – etwa wenn sie jenen Hans erwähnt, den sie nicht vergessen kann. Anders als andere Gestalten dieses Namens weigert sich Bachmanns Undine, sich einer erzwungenen Liebe zu fügen. Sie scheint entschlossen zu sein, zu gehen – nicht als Schaum, der über das Meer verweht, und auch nicht ihrer Erinnerung und Stimme beraubt wie in Jean Giraudoux’ Version. Sondern vielmehr, um mit all den „Ungeheuern“ namens Hans abzurechnen, ehe sie in die blaugrünen Wellen der Freiheit zurückkehrt (oder flieht!), zu den Schiffen und den wilden Pferden, eigentlich zu dem Kern ihres Wesens: „Ich werde nie wiederkommen, nie wieder Ja sagen und Du und Ja.“ Und doch klingt die nüchterne Verkündung weder emotionslos noch gänzlich eindeutig. (Bei Sappho tauchte schon vor 2500 Jahren ein „Ungeheuer“ auf, jedoch mit einem positiven Denkinhalt: „Süß-bitter ist der Liebesgott, dieses kriechende, unbezwingbare Ungeheuer. “)
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Schon 100 Jahre! Eine solch zeitliche Distanz verleitet mich bereits gelesene Werke erneut zur Hand zu nehmen, auch um zu prüfen ob meine Perzeption und Auslegung weiter bestehen oder ein Auffassungswandel vorliegt. Selbst wenn inzwischen einige Exegeten deine Gedichte geringschätzen oder mit Lobeshymnen sparsamer umgehen, bleiben dein Rang und deine Bedeutung für die Sprach- und Literaturgeschichte unbestreitbar. Die Resonanz deines dichterischen, gesellschaftlichen und existentiellen Diskurses hält bis in unsere Tagen an, und dies nicht nur an Jubiläen, Lyrik-Wettbewerben oder an routinierten Gedächtnistagen. Du hast für eine neue lyrische Sprache gekämpft. Frei von Gefühlsüberschwang, ungekünstelt, wahrhaftig, sachlich. Aber könnten die Worte eines Gedichts in ihrem sachlichen Gewand überzeugen, wenn es z. B. darum ginge, einen Zustand jubelnder Freude oder innerer Trostlosigkeit zu vermitteln?
Wäre ich bei einer deiner öffentlichen Reden anwesend gewesen, hätte ich dich gefragt, woher dieses Vertrauen in die Kraft und Wirksamkeit von Worten rührt. Schließlich reicht es nicht aus, dass sie ausgesprochen oder niedergeschrieben werden, um Früchte zu tragen; sie dürfen nicht – wie die Saat im Gleichnis – auf dürren, felsigen Boden fallen. Würdest du ihnen noch immer freien Lauf lassen, wenn du wüsstest, dass diejenigen, die sie um sich herum vernehmen, ihnen in den tiefsten Winkeln ihres Wesens keinen Raum gewähren würden?
Ich würde dich auch unbedingt fragen, warum – obwohl du das Dichten aufgegeben hattest – nicht aufhören konntest. Wurde das Weinen der Erde zu laut, unüberhörbar?
Und zu guter Letzt: Wenn du noch einmal zur Welt kämst, würdest du dieselben Risiken und Entscheidungen eingehen, dieselbe Lobpreisung, wie Franz von Assisi, von Wärme und Licht und vor allem dasselbe aus Liebe geborene Leid? Aus Leid geborene Sucht? Oder würde ein Refrain wie „Je ne regrette rien“ alles überschatten?
Was sind deine aktuellen Projektpläne?
Es gibt Entwürfe und schon eine Zahl vollgeschriebener Blätter. Von geduldigen Bäumen. Der Rest schwirrt in dem überhitzten Nebel meines Kopfes. Und immer noch kein Regenmacher … Irgendwann wird sich schon das Buch, ob ein lyrisches oder ein anderes, schreiben und zeigen. Am liebsten schalte ich hier Ingeborg ein und ergänze die Antwort mit ihren letzten veröffentlichten Versen: „Aber in mir singt noch ein Beginnen/- oder ein Enden – und wehrt meiner Flucht“ …
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Oh ja. Für dich, lieber Walter, sowohl ein Zitat als auch einen ganzen Text!
Wie soll ich mich nennen
Einmal war ich ein Baum und gebunden,/
entschlüpft ich als Vogel und war frei,/
in einen Graben gefesselt gefunden,/
entließ mich berstend ein schmutziges Ei.//
Wie halt ich mich? Ich habe vergessen,/
woher ich komme und wohin ich geh,/
ich bin von vielen Leibern besessen, /
ein harter Dorn und ein flüchtendes Reh.//
Freund bin ich heute den Ahornzweigen,/
morgen vergehe ich mich an dem Stamm /
. . .Wann begann die Schuld ihren Reigen,/
mit dem ich von Samen zu Samen schwamm?//
Aber in mir singt noch ein Beginnen/
– oder ein Enden – und wehrt meiner Flucht,/
ich will dem Pfeil dieser Schuld entrinnen,/
der mich in Sandkorn und Wildente sucht.//
Vielleicht kann ich mich einmal erkennen, /
eine Taube einen rollenden Stein . . ./
Ein Wort nur fehlt! Wie soll ich mich nennen,/
ohne in anderer Sprache zu sein.//
An die Sonne
Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier,
Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand,
Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid.
[….] Nichts Schöneres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein…
NICHTS SCHÖNERES UNTER DER SONNE ALS UNTER DER SONNE ZU SEIN!
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person/über mich: Francisca Ricinski geb. in Tupiati/Rumänien, lebt in Rheinland-Pfalz. Studium der Romanistik an der Universität Bukarest.
Gymnasiallehrerin für Französisch. Theologisches Fernstudium in Würzburg. Umschulung zur Industriekauffrau (Köln).
1985-2003 – Angestellte beim Dt. Bundestag, Bonn. Journalistin, Fotografin, Übersetzerin. Zahlreiche Veröffentlichungen in deutschen und ausländischen Zeitschriften, Anthologien und Internetportalen. Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und des PEN. 2000-2026 – Mitherausgeberin der Bonner Literaturzeitschrift „Dichtungsring“.
2004-2020 -leitende Redakteurin der Literatur- und Kunstzeitschrift „Matrix“, Ludwigsburg. Teilnahme an internationalen Poesie-Festivals und Literatur-Events in Ias/!Rumänien, Dijon/Frankreich, Monastir /Tunesien, Rabat & Casablanca/Marokko, Paris, Trois-Rivières / Kanada.
Schreibt Lyrik, Kurzprosa, Theaterstücke, Kinderliteratur, Trickfilmszenarien, Essais, Interviews, Liedertexte.
Zuletzt: Knie aufs Herz (Theatercollage), In deinen Schuhen voller Sand (Prosapoeme), Pop Verlag, Ludwigsburg; Car tu étais pluie
(lyrischer Dialog mit Abdel Wahid Souayah), L’Harmattan, Paris); Mémoire sous le vent (Prosapoeme), französich-arabisch,
khayal éditions, Algerien) ; Joaca de-a fi, Editura Timpul, Iasi, Rumänien.
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Fotos: Francisca Ricinski _ privat
Walter Pobaschnig, 20.7.26