„“Wissen sie das nicht?“ Es ist eine Evidenz. Und eine immer wieder zu wiederholende Frage“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Heike Fiedler, Schriftstellerin_ Genf 8.9.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann am Schreibtisch in ihrer Wohnung in Rom,
Bocca de Leone, um 1970

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Heike Fiedler, Schriftstellerin_ sound and visual artist _ Genf

Liebe Heike, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?  

Den ersten Zugang hatte ich über ihr Buch Malina, das mich damals, als Studentin, sehr beeindruckt hat in seiner Radikalität, der Darlegung, des Sichtbarmachens von Machtstrukturen in sozusagen alltäglichen (Beziehungs)Gefilden. Ich las Malina ungefähr parallel zu Romanen von Christa Wolf, Birgit Vanderbeke.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus? 

Alles schreibend v_erinnern, von innen heraus im Ton der Melancholie, der Distanz, anKlage-gesang vielleicht, auf ihre Lyrik bezogen. In der Prosa die beobachtende Einfühlsambarkeit, mit der wir ihre literarischen Figuren erfahren, die Einbettung von Gegenwart und ihre Kunst, sich mit oft sprachlich syntaktischer Knappheit von der Gegenwart zu distanzieren, sie zu entblössen, sozusagen. Die Übertreibung des Evidenten, die Verarbeitung von Erinnerung…

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben? 

Malina, Undine geht und andere Erzählungen, zum Beispiel Simultan oder Probleme Probleme, natürlich auch ihre Gedichte: An die Sonne, Früher Mittag, Psalm

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Das Thema ist nach wie vor relevant, das Spektrum etwas breiter, das zeigt ein Blick auf die Statistiken zu Femiziden, auf die Weltpolitik, die Kriege, Genozide, die Unfreiheit der Frauen in vielen Ländern, auf den Maskulinismus, bis hin zu Uncel, auf Sexismus, Rassismus, Transgenderfeindlichkeit.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Lieben. Einfach. Wie wir lieben, ist letztendlich nicht kollektiv zu beantworten. Kollektiv ist jedoch das Wissen um. Um Unterdrückungsmechanismen, Ungleichheiten, um patriarchalisch geprägte Strukturen. Diesen Satz, sie sagt ihn ja mit diesem – ihrem – lachenden Blick und der Frage: „Wissen sie das nicht?“ Es ist eine Evidenz. Und eine immer wieder zu wiederholende Frage.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte IngeborgBachmann in ihrer Rede zur Verleihung des AntonWildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Meine Beobachtung, vielleicht auch ein Teil meiner literarischen Praxis, ist verbunden mit dem Aspekt des Teilens, auch des kollektiven Schreibens. Die vielen Formen literarisch-poetischer Performances, des Zusammenseins im Hier und Jetzt, zeigen, dass es neben der von Ingeborg Bachmann auf ihre Situation bezogene und zu respektierende Erfahrung heute auch Arten von Schreiben oder Kunst gibt, die nicht der Existenz eines persönlichen Martyriums entsprechen.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben? 

Ich ziele an der Frage vorbei, denn hervorheben möchte ich ihren Humor, den ich in, nicht neben, den genannten Grundpositionen entdecke, die sie vor allem in ihren Erzählungen mit Blick auf Gesellschaft, Ehe, Familie, heteronormatives Rollenverhalten reflektiert. Frauen bleiben keineswegs verschont. Und dann ist da auch, vor allem, ihr sprachkritischer Ansatz.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt? 

 « Danke », nehme ich an.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne? 

Die Fortsetzung meiner Zusammenarbeit mit der iranischen Lyrikerin Maryam, initiiert durch Ecrire Encore Suisse Schweiz; das Ko-Projekt The kitchen and the self mit der Performerin Manmeet Devgun aus Indien, auch arbeite ich (noch) an der Lyrik-Übersetzung eines Buches von Augusta Laar und an eigenen Schreibprojekten. Das naheliegendste ist eine Präsentation am Ende meiner Schreibresidenz Artist in Residence @Villa Waldberta. In drei Wochen nehme ich an dem von der Literaturzeitschrift Orte im Vorfeld des Jazzfestivals Willisau veranstalteten Abend poesie und Jazz teil. Die beiden letzten sind im Moment der Veröffentlichung des Interviews schon gar nicht mehr aktuell, beziehen sich aber gerade auf die Frage.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten? 

« … die Bewusstseinslage in einer Zeit, das heisst doch nicht, dass man die Sätze nachspricht, die diese Gesellschaft spricht, sondern sie [die Bewusstseinslage] muss sich anders zeigen und sie muss sich radikal anders zeigen, denn sonst wird man nie wissen, was unsere Zeit war… »

Ingeborg Bachmann

Herzlichen Dank für das Interview!

Heike Fiedler, Schriftstellerin_ sound and visual artist

Zur Person/über mich _ website der Autorin: https://heikefiedler.ch/ (9.8.26)

Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze

Fotos: Heike Fiedler _ Jean-Michel Etchemaïté

Walter Pobaschnig, 6.8.2026

https://literaturoutdoors.com

Hinterlasse einen Kommentar