5 Fragen an Künstler:innen
Evgeni Mestetschkin, Theaterregisseur _ Hamburg

Lieber Evgeni, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Wenn ich nicht probe, dann esse und schlafe ich. Wenn ich probe, dann begegne ich Schauspielstudierenden am Vormittag, Langzeitarbeitslosen am Nachmittag und Schauspielerinnen am Abend. Entsprechend beschäftige ich mich mit „Master und Margarita” von Michail Bulgakow, „Julius Cäsar” von William Shakespeare und „Woyzeck” von Georg.Büchner. Was für ein Paradies, aber auch ein wenig Hölle.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Frieden
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz/Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Die Komplexität der Welt immer wieder erkennen und bewundern. Darin sehe ich die Aufgabe der Kunst.
Was liest Du derzeit?
Alexander Tairow: Die Aufzeichnungen eines Regisseurs
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Volodymyr Zelensky wurde gefragt ob er irgendwann Putin spielen möchte. „Ich spiele schon lange keine Nebenrollen mehr“ antwortete Zelensky.
Vielen Dank!

Zur Person: Evgeni Mestetschkin ist Theaterregisseur und Dozent für Schauspiel, war Jahre lang künstlerischer Leiter der iact schauspielschule für film und theater in Hamburg.
Evgeni Mestetschkin hat mehrere künstlerischen Projekte entwickelt, unter anderem auch mit Menschen ohne Theatererfahrung mit verschiedenen sozialen und kulturellen Hintergründen: mit professionellen Darstellerinnen, mit jungen Migrantinnen, mit älteren Menschen, mit Langzeit-Arbeitslosen und Menschen mit Handicap.
Zum Beispiel aktuell:
ARTJOM RETTEN!? Ein deutsch-ukrainisch-russisches Theaterprojekt. Premiere 2025-2026, Lichthof Theater Hamburg.
DIE ZOFEN von Jean Genet mit Schülerinnen und Schülern der iact schauspielschule für film und theater in Hamburg, 2023.
DER KIRSCHGARTEN, frei nach Anton Tschechow. Ein Theaterstück mit jungen Schauspielerinnen und Schauspielern und Schauspielstudierenden. Dezember 2021, Hamburg
… UND DIE JUDEN: VON SCHMERZ, LUST UND WEITERLEBEN IM WEIßEN HOTEL, ein Theaterprojekt mit jüdischen und nicht jüdischen Hamburgerinnen und Hamburger in Zusammenarbeit mit der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hamburg. altonale 2021 ebenfalls gezeigt. 2021, Hamburg.
CARLSBAD, ein multimediales Projekt über Träume und Albträume bei der altonale 2019 in Räumen der Allgemeinkrankenhaus Altona. 2019, Hamburg.
„ALBTRÄUME DER ANDEREN“, ein Antikriegs-Projekt mit zwei ukrainischen Trauma-Therapeutinnen in Hamburger Warburg-Haus. 2016, Hamburg.
Aktuelle Produktion _ Gastspiel in Wien:
Artjom retten!? Ein dokumentarisches Theaterprojekt von Julia Solovieva
und Evgeni Mestetschkin
Gastspiel in Wien: 11. und 12. September 2026 im DAS Margareten

Artjom retten? Mich retten? Die Menschlichkeit retten?
Im September 2022, mitten in Moskau, rezitiert der russische Dichter Artjom Kamardin
Gedichte gegen den Krieg in der Ukraine. Unmittelbar danach wird er brutal festgenommen und später zu sieben Jahren Haft verurteilt.
Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine nimmt „Artjom retten!?“ die Geschichte Kamardins zum Ausgangspunkt für eine persönliche und politische
Auseinandersetzung: Was bedeutet Menschlichkeit in Zeiten des Krieges? Und wo liegen die Grenzen unseres Verständnisses für andere?
Auf der Bühne begegnen sich die Ukrainerin Dana und der Deutsche Paul. Sie sprechen über Krieg, Verantwortung, Angst, Loyalität und die Schwierigkeit, widersprüchliche Positionen auszuhalten. Bin ich bereit, meinen Freund zu verstehen, der nicht an die Front ziehen möchte? Und bin ich dann auch bereit, den russischen Dichter Artjom zu verstehen, der vor seiner Verhaftung für das Militär gearbeitet hat?

Das Stück fragt nicht nach einfachen Antworten. Es untersucht die Grauzonen zwischen Empathie und Abgrenzung, zwischen persönlicher Haltung und gesellschaftlicher Funktion: Wo bleibe ich Mensch – mit meinen Gefühlen, Widersprüchen und möglichen
Fehlern? Und wo werde ich zu einer Funktion?
Dabei wird auch das Publikum Teil der Auseinandersetzung. Fragen, Emotionen, Reflexionen und persönliche Erfahrungen dürfen in den Theaterabend einfließen.
Dokumentarisches Theater zwischen persönlicher Perspektive und politischer Realität.

Evgeni Mestetschkin und Julia Solovieva sind ein in Hamburg tätiges Autoren-,
Regie- und Theaterduo, das sich in seinen dokumentarischen und dramatischen Projekten
intensiv mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetzt. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen reale Geschichten und Schicksale, die sie mit persönlichen Perspektiven und aktuellen politischen Fragestellungen verbinden.
„Artjom retten!?“ beleuchtet das Schicksal politischer Gefangener und die Frage nach
individueller Verantwortung in Zeiten politischer Repression und Krieg. Die Produktion wurde
2025 in Hamburg entwickelt und unter anderem an den Hamburger
Kammerspielen gezeigt. Nun kommt das dokumentarische Theaterprojekt nach Wien ins
„Artjom retten!?“ DAS Margareten – Raum für lebendiges Theater.
Mit: Dana Anofrenkova und Paul Smolich
Regie & Autorenschaft: Julia Solovieva und Evgeni Mestetschkin
Ton: Sandra Berkefeld
Termine:
Freitag, 11. September 2026, 20:00 Uhr
Samstag, 12. September 2026, 19:30 Uhr
DAS Margareten – Raum für lebendiges Theater
Margaretenstraße 166. 1050 Wien DAS Margareten – Raum für lebendiges Theater | Theater | Margaretenstraße 166, Vienna, Austria
Presseinformation: Bianca Anne Braunesberger _ DAS Margareten – Raum für lebendiges Theater
Fotos: Evgeni Mestetschkin/Julia Solovieva/Produktion.
Walter Pobaschnig 30.8.2026