100.Geburtstag Hans Werner Henze, Komponist _
* 1. Juli 1926 in Gütersloh/D † 27. Oktober 2012 Dresden
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin _
*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom


„Mir ist völlig klar, dass die Freundschaft mit Dir die wichtigste menschliche Beziehung ist, die ich habe, und das soll auch so bleiben. Ich habe immer an Dich geglaubt, und an Dich werde ich immer glauben bis ans Ende meines Lebens. Und wo und wann sich unsere Wege auch immer kreuzen werden, es wird ein Fest sein.“ Ingeborg Bachmann an Hans Werner Henze (1956) Briefe einer Freundschaft von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze | PIPER
Hans Werner Henze zählt zu den bedeutendsten Komponisten moderner Musik. Auf der Tagung der Gruppe 47 (Schriftsteller:innenkreis) lernt er 1952 Ingeborg Bachmann kennen. Daraus entsteht eine lebenslange intensive Zusammenarbeit und Freundschaft.
Zu Leben/Werk_ Hans Werner Henze: Leben
Ingeborg Bachmann prägte die moderne deutschsprachige Literatur in größtem Maße. Ihr bahnbrechendes Werk in Lyrik, Prosa, Hörspiel, Essays ist wegweisend und impulsgebend weit über die Literatur hinaus. Die Bedeutung und die Referenz zur Musik ist wesentlicher Teil davon.
Zu Leben/Werk_ Ingeborg Bachmann: Ingeborg Bachmann: Bücher, Gedichte & Leben

Im Interview: Dr.Heinz Bachmann (Bruder von Ingeborg Bachmann) _ Oxford/GB
Lieber Herr Dr.Bachmann, welche Gedanken bewegen Dich zum 100.Geburtstag von Hans Werner Henze?
Das Wichtige war für Ingeborg, dass diese Freundschaft bis zu ihrem Lebnesende gehalten hat.
Welche Bedeutung hatte die Freundschaft und Zusammenarbeit mit H.W.Henze für Deine Schwester Ingeborg Bachmann?
Die beiden waren ja geistige Zwillinge, daher die wichtigen geimeinsamen Opernprojekte, aber auch sonst‚ Henzes freundschaftlicher Druck: „Arbeite!“ . Die musikalische „Umrahmung“ des Hörspiels „Die Zikaden“. Natürlich auch viel Komik und Trauriges wird im Briefwechsel sichtbar.
Welche Bedeutung hatte Musik für Ingeborg Bachmann und für Dich, Eure Familie insgesamt?
Musik war für unsere Familie in meiner frühesten Kindheit sehr wichtig. Unsere Mutter wollte in ihrer Jugend Opernsängerin werden, was ihr Vater untersagte. Unser Vater spielte Geige. Es wurde also musiziert bis durch die Kreigsereignisse das Klavier, das einen wunderbaren Klang hat, in Klagenfurt blieb und ich bis zu meinem 10. Lebensjahr im Gailtal das Klavier nicht zu sehen bekam. Die Geige wurde schlecht gelagert und ist nicht reparabel. Ich selbst bin daher nie in den Genuss des Musizierens gekommen.
Hast Du H.W.Henze persönlich getroffen, wenn ja, wo, in welchem Zusammenhang?
Leider habe ich Henze erst als Ingeborg gerade gestorben war, kennengelernt. Es waren die schrecklichen Umstände des Unfalls und auch das Thema wo Ingeborg begraben werden sollte, die verhinderten, dass noch ein weiterer Kontakt oder gar Freunschaft hätten entstehen können.
Was möchtest Du bitte noch zu Leben/Werk von H.W.Henze sagen?
Im Rückblick danke ich ihm für seine Freunschaft und Unterstützung, die meine Schwester durch ihn hatte. Diese Unterstützung war natürlich gegenseitig! Er hat so viele Opern komponiert, die ich kaum kenne. Ich kann mich daher nur auf „Der Prinz von Homburg“ und „Der Junge Lord“ beziehen. Der Junge Lord gefällt mir besser! H.W.Henze hat, wenn ich das aus Gesprächen mit Ingeborg richtig verstanden habe, versucht aus der Zwangsjacke der 12-Tonkomposition herauszukommen und zu einer neuen Harmonie (?) zu kommen. Das war ein fast messianisches Bestreben! Das wird auch im neuen Film über Hernze von Nina di Majo angedeutet.
Wie kam es zur Ausgabe des Briefwechsels?
Wir hatten ein Gespäch mit dem Piper Verlag, was man als nächstes von Ingeborg veröffentlichen könnte. Isolde und ich plädierten für diesen Briefwechsel. Wir kannten zwar H. W. Henzes Briefe, die wir als schön, komisch, bewegend und interessant empfanden, aber nicht Ingeborgs Briefe, die ja im Besitz Henzes sein mussten. Der Verlag sezte sich mit Henze in Verbindung, der sehr positiv reagierte und spontan die Briefe zur Verfügung stellte. Diese Ausgabe veränderte den Blick der Forschung auf entscheidende Weise. Man hatte angenommen, dass das Elternhaus und Klagenfurt eine untergeordnete Rolle gespielt hätten. Viele der Ingeborg- Briefe wurden in Klagenfurt geschrieben und viele Briefe Henzes gingen nach Klagenfurt. Das Buch wurde ein erstaunlicher Erfolg.
Herzlichen Dank für das Interview!

Bruder von Ingeborg Bachmann
Zur Person: Heinz Bachmann, geboren 10. Juni 1939, Kindheit und Jugend verbrachte er in Klagenfurt und Obervellach bei Hermagor. Er besuchte die Mittelschule in Klagenfurt, maturierte 1957, studierte Geologie in Graz und spezialisierte sich beruflich auf Geophysik und arbeitete weltweit in der Öl- und Gasaufschließung vorwiegend in Afrika, dem Mittleren Osten und Europa. Heirat mit Sheila in London 1971. Nach dem Tod seiner Schwester Ingeborg 1973 war er zusammen mit seiner Schwester Isolde für ihren Nachlass verantwortlich. Viele Jahre verbrachte er mit seiner Familie in Spanien. Nach dem Ende der beruflichen Laufbahn 2006 widmete er sich intensiver dem Werk seiner Schwester Ingeborg mit Buchvorstellungen und Vorträgen in Deutschland, Österreich, und vereinzelt auch in den USA, London und Paris. Seit 1995 ist er mit Unterbrechungen in der Nähe von Oxford wohnhaft.
Buchhinweise: Ingeborg Bachmann, meine Schwester von Heinz Bachmann | PIPER
Heinz Bachmann, der 13 Jahre jüngere Bruder, war seiner Schwester Ingeborg ihr Leben lang verbunden. Er kannte sie wie sonst niemand, auch als sie längst zur berühmten Dichterin geworden war. Sie liebte ihren Bruder und wollte ihm die Welt zeigen, nachdem sie früh aus Klagenfurt fortgegangen war. Nun legt Heinz Bachmann einen sehr persönlichen Band vor, in dem er aus dem gemeinsamen Leben erzählt, von Wien und Paris bis nach Zürich und Rom. Ingeborgs tragischer Unfalltod und die Trauer, die die ganze Familie erfasste, kommen ebenso zur Sprache wie ihre Dichterfreunde und ihr Schreiben.
Mit 40 Fotos aus dem Privatarchiv

Briefe einer Freundschaft von Ingeborg Bachmann und Hans Werner Henze | PIPER

Foto: Hans Werner Henze und Ingeborg Bachmann _ Hans Werner Henze Stiftung
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Heinz Bachmann _ Walter Pobaschnig
Fotos: Cover _ Piper Verlag
Walter Pobaschnig 8/26