
100. Geburtstag Ingeborg Bachmann_
im Interview _ Antje Boehk, Schriftstellerin_ Bad Homburg

100. Geburtstag Ingeborg Bachmann_
im Interview _ Antje Boehk, Schriftstellerin_ Bad Homburg
Liebe Antje, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich war neunzehn, Pari in Greifswald, dieser alte Jugendtreff mit dem Regal, das nie jemand sortiert hat. Ich habe Malina rausgezogen, mir angesehen, in die Tasche gesteckt.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Sie beschönigt nicht. Sie zählt auf, was fehlt, mit derselben Ruhe, mit der man eine Einkaufsliste abhakt. Das ist das Gefährliche daran. Man merkt erst beim zweiten Lesen, dass einem gerade etwas weggenommen wurde.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Malina, aus den genannten Gründen. Sonst die Todesarten insgesamt – man liest Malina falsch, wenn man ihn für sich allein liest. Die Gedichte lese ich seltener. Aus Vorsicht, nicht aus Desinteresse.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Nichts Kluges. Ich hätte gefragt, ob sie mal zwei Tage nicht geschrieben hat, ohne dass es sich wie Fahnenflucht anfühlte. Die Sache mit Frisch und Celan hätte ich gar nicht erst angesprochen. Manche Muster sieht man erst von draußen, und von draußen ist reden billig.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich arbeite an Texten über Menschen, die etwas verlieren und weitermachen, als wäre nichts geschehen, weil Weitermachen manchmal die einzige verfügbare Reaktion ist. Kein Klappentext bisher. Braucht noch.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Die drei Schlusswörter aus Malina, nachdem die Wand sich geschlossen hat: „Es war Mord.“ Kein Ausrufezeichen. Ich fand das damals im Pari, mit dem Buch in der Tasche, fast unerträglich sachlich, dass ein ganzes Verschwinden in einen einzigen Nebensatz passt. Das auch war der Moment, an dem mir klar wurde, dass man Dinge mitnehmen kann, ohne sie je wirklich zu besitzen.
Wo in Malina lebt auch Antje Boehk?
In der Wand. Nicht im Riss davor, vielmehr danach, wenn sich niemand mehr fragt, wohin die Person verschwunden ist, die eben noch gesprochen hat. Ich sammle das Verschwundene wie andere Leute Kassenbons: Ein Zinnschlüssel. Salzgeruch. Eine Stimme, die aus dem Hörer geht. Ein Buch, das man einfach mitgenommen hat. Man legt es beiseite und sagt sich, es ist okay, Geschichten müssen reisen.
Antje Boehk, 07.07.2026
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: Antje Boehk wurde 1977 in Berlin-Mitte geboren, sie wuchs in einer DDR Arbeiterfamilie auf. Nach dem vorzeitigen Abbruch des Studiums (Germanistik, Kunstgeschichte) jobbte sie u.a. als Regieassistentin, Obst- und Frittenverkäuferin, Buchhalterin sowie als Marketingassistentin für mehrere Unternehmen in Deutschland. 2010 absolvierte sie ein Abendstudium an der Akademie für Marketingkommunikation in Frankfurt, wo sie seit 2008 lebt. Sie ist Texterin, Projektmanagerin für Unternehmenskommunikation und Online-Marketing.
Schreiben ist für der Ort, der die Rissen offenlegt, sie manchmal vernäht und sie vor der Rohheit des Alltags abschirmt. Sie schreibt Kurzgeschichten und Gedichte, die sie im Netz verstreut. Die Arbeit an einem Roman geht voran, ein Ende ist absehbar. Eine geeignete Literaturagentur zu finden, ist das nächste Ziel.
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Antje Boehk _ privat.
Walter Pobaschnig, 7.7.26
Walter Pobaschnig, 7.7.26