
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Franziska Beyer-Lallauret, Schriftstellerin _ Avrillé bei Angers/F
Liebe Franziska, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Wie für viele andere Autorinnen war Bachmann für mich Vorbild und eine erste echte Identifikationsfigur in der Literatur. Ich hatte das Glück, eine Deutschlehrerin zu haben, die sie mir schon in der 9. Klasse in Markkleeberg bei Leipzig, kurz nach dem Mauerfall, nahegebracht hat. Ich war damals Feuer und Flamme, und habe auch sehr früh ihre beiden Lyrikbände „Die gestundete Zeit“ und „Anrufung des großen Bären“ gelesen. Ihr Schreiben hat mich elektrisiert und ermutigt, meine eigene Stimme zu finden.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
In der Lyrik auf jeden Fall die eindringlichen Bilder, die oft mysteriös bleiben und sich ins Gedächtnis eingraben. Einige der bekanntesten: Lösch die Lupinen, das Sonnenschiff im Hafen, Böhmen liegt am Meer, darin liegt eine Art Unnachgiebigkeit, die jeden Kitsch Lügen straft.
Und natürlich auch die politische Dimension, bei aller und in aller Schönheit der Sprache gleichzeitig das Aufrütteln. Der Ruf im Gedicht „Holz und Späne“: „Seht zu, dass Ihr wach bleibt!“
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Das Gedicht „Im Gewitter der Rosen“ habe ich mit 14 für den Deutschunterricht interpretiert und diese Arbeit sogar wiedergefunden. Schon als Neuntklässlerin habe ich in dem Gedicht die Ohnmacht gespürt, die das lyrische ich ausdrückt, die Angst, Veränderungen ausgeliefert zu sein. Auf das Schöne folgt immer das Schlimme, die Liebe zerbricht, der Krieg bedroht den Frieden. Das sind schon existenzielle Erkenntnisse: Der Mensch befindet sich eigentlich permanent im Gefühlschaos und ist mit Ängsten behaftet, Glück ist eine Illusion.
Später, während meines Germanistikstudiums in Leipzig, ist mir eine Seminarstunde über „Undine geht“ besonders im Gedächtnis geblieben. Ich konnte mich damals, als ganz junge Frau hundertprozentig mit diesem Text identifizieren. Ich habe den Text erfahren. Durchleibt sozusagen. Du weißt genau, Hans ist ein Ungeheuer, aber du kommst nicht von ihm los … das hat mich einfach umgehauen, in einen Text gebannt zu finden, was mich selber in dieser Zeit umtrieb, einerseits diese urweibliche Kraft, das Selbstbewusstsein, das Charisma, alle Eigenschaften, die aus dieser Frau in Nixengestalt sprechen, und andererseits die Tragik des Verfallenseins, ja des Verfluchtseins und Vergötterns des Gegenübers. Des Nicht-anders-Könnens. Das ewige Thema des Wartens auf Männer. Und dann das Losreißen, die Entscheidung zur Emanzipation. Ich muss den Text nun noch einmal anders ansehen, mit Ende 40 lese ich das vielleicht mit mehr Wut und weniger Resignation. Aber sie war ja auch selber jung, als sie das schrieb, Mitte 30. Und es war wohl ihr Dilemma: die eigene Handlungsunfähigkeit wider besseres Wissen in bestimmten Situationen des Lebens. Wobei der Text an sich ja ein Entschluss ist, ein Abgesang. Das schreibende Ich hat den Absprung geschafft. Zumindest in Gestalt von Undine. Und das schreibende Ich ist das Einzige, das zählt.
„Malina“, auch ein Buch über diese ewige Spaltung zwischen Gefühl und Verstand, war dann für mich auch noch einmal sehr wichtig, denn es stand auf dem Programm der französischen Agrégation, einem Lehrer-Auswahlverfahren, das ich mit Mitte 20 in Frankreich durchlief. Ich hatte Malina vorher bereits gelesen, aber nun musste ich mich durch alle Theorien und Interpretationen dazu durcharbeiten, und alles dazu auswendig wissen.
Und auch „Der gute Gott von Manhattan“, das hätte ich beinahe vergessen, da gibt’s auch eine Hausarbeit von mir darüber, da habe ich in der Uni ebenfalls sehr intensiv dazu gearbeitet. Interessant darin: Die (vor allem weibliche) Liebe als subversive Kraft gegen die gesellschaftliche Ordnung. Und das Scheitern, der Tod Jennifers, der Liebenden, weil die (patriarchale) Ordnung siegt und Jan, der Mann, ohne Blessuren und Trauma einfach aus der Geschichte herauskommen und sich wieder in den Alltag einfügen kann. Es war ein Thema, das Bachmann umtrieb: In der berühmten Rede „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, die ich großartig finde, sagt sie: „Es ist auch mir gewiß, daß wir in der Ordnung bleiben müssen, daß es den Austritt aus der Gesellschaft nicht gibt“. Aber wie immer gibt es auch diese Kehrseite bei ihr: „Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.”
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Sie ist aktueller denn je, und alle Ängste und Alpträume Bachmanns scheinen nur allzu real. Die Realität übersteigt sie noch, da, wo es Tyrannen und Herrscher gibt, die immer mehr und immer stärker werden, gegen die scheinbar kein Kraut gewachsen ist. Die aber auch von Frauen zum Teil gehypt, unterstützt und angebetet werden, was nicht vergessen werden darf.
An der Gegen-Utopie der Prinzessin von Kagran möchte ich trotzdem gerne festhalten, sie kann tröstlich sein, und war ja wohl auch als Selbsttrost und Ausweg für das Ich in „Malina“ gemeint.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Wie gesagt, sie war ja noch relativ jung, als sie starb und bleibt es ewig in unserem kollektiven Gedächtnis, mit ihrer Hochsensibilität und ihrer radikalen Auffassung von der Liebe, die eine sehr verzehrende und sehr subjektive gewesen sein muss. Sie suchte wohl, diesen Eindruck habe ich zumindest, die starken Gefühle des Hingerissenseins, die meiner Meinung nach auch ihr Schreiben nährten, es prägten. Ihre Ichs sind – wie sie selbst – auf emotionalen Achterbahnfahrten unterwegs und dadurch verletzlich, und vor allem psychischer von Männern ausgehender Gewalt oder Willkür ausgesetzt. Viele ihrer Texte könnten den Frauen zur Warnung dienen. Aber dieses lyrische Ich und diese Ich-Erzählerin lebt auch mit allen Fasern, lebt aus, mit dem ganzen Körper, und mit ganzer Seele: „Du lachst und weinst und gehst an dir zugrund – was soll dir noch geschehn –“
Eine klassische Familie oder Ehe wäre ja wahrscheinlich gar nichts für sie gewesen, das hätte sie in ihrer Freiheit und Inspiration beschnitten, die sie unbedingt als Kunstschaffende brauchte. In der Hinsicht gleicht sie Rilke, finde ich, aber der stand natürlich auf der anderen Seite als Mann und leistete sich den Egoismus einfach. Aber immer auch wie Bachmann in dem Dilemma, einsam sein zu müssen für das Schreiben und dennoch körperlich und geistig heftig lieben zu wollen und zu müssen.
Ich kann sie gut verstehen, sage aber heute aus eigener Erfahrung:
Es gibt schon auch Männer, die tragen. Die an unserer Seite leben, die Hausarbeit mit uns teilen, das Kind von der Schule abholen. Die es ertragen, wenn wir im Chaos sitzen und schreiben statt aufzuräumen und zu bügeln. Männer, mit denen wir fusionieren. Aber dann fantasieren wir vielleicht weniger und geraten gefühlsmäßig in ein ruhigeres Fahrwasser. Was immer bleibt, ist die Sehnsucht, und die war ja auch eine starke Triebkraft bei Bachmann.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich würde nicht bis zum Martyrium gehen; für mich persönlich ist Schreiben – da ich einen sogenannte Brotjob habe – eher das Gegenteil, Katharsis und Aufatmen, oft Flucht aus dem Alltag, aber in der Tat gibt es das Problem der Zeit, des sich selber für sich Zeitstehlens, und das des schlechten Gewissens anderen gegenüber, weil ich meine knapp bemessenen freien Stunden SO nutze und nicht anders. Und es ist, dessen bin ich mir sehr bewusst, Raubbau an der Gesundheit, denn ich knapse mir diese Schreibzeit oft nachts von der Schlafzeit ab. Und das wird immer mehr zum Problem für den Körper.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
In ihrer schon erwähnten Dankesrede für den Hörspielpreis der Kriegsblinden 1959 hat sie auch gesagt,“ dass unsere Kraft weiter reicht als unser Unglück“, und dass wir somit „enttäuscht, und das heißt ohne Täuschung zu leben“ vermögen. Trotz allem. Diese Aussage war mir in einigen Momenten ein Halt und tröstlich, zumal ich die Angst vor Blindheit gut kenne. Enttäuschung ist eines der schlimmsten Gefühle überhaupt, aber sie kann auch diese andere Seite haben, man kann ihr vielleicht auch Positives abgewinnen. Wer innerlich klarer sieht, lenkt den Blick im Idealfall irgendwann von sich selbst ab, daraus kann vielleicht ein Anflug von Weisheit oder Gelassenheit entstehen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte wirklich gern mit ihr bei einem Glas Wein einfach von Frau zu Frau geredet. Über Leidenschaften und Leiden daran. Und natürlich über Inspirationen. Mich interessiert auch der Übergang von der Lyrik zur Prosa, den sie vollzogen hat. Im Gegensatz zur heutigen Wahrnehmung, wo man uns Lyrikerinnen sagt, wenn wir auf einen grünen Zweig kommen wollen, sollen wir lieber einen Roman schreiben, hatte sie ja viel mehr Erfolg mit Gedichten als mit ihren Erzählungen und dem Roman.
Und ich hätte sie gern gefragt, ob sie mir ihre Lieblingsorte in Rom zeigen kann.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich arbeite parallel an meinem vierten Lyrikband, der wieder deutsch und französisch erscheinen soll. Und sporadisch schreibe ich an einem Prosatext über eine Frauenfreundschaft und die Landschaft des Luberon in der Provence.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Ich mag das Gedicht „Erklär mir Liebe“ sehr gern, vor allem das Ende.
„Muss einer denken? Wird er nicht vermisst?“ Natürlich in meinem Kopf auch in der weiblichen Form gelesen.
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: https://www.franziska-beyerlallauret.eu/
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Foto: Franziska Beyer Lallauret _ Charles Moreau
Walter Pobaschnig, 26.6.26