„Wäre es mit einer Frau/Frauen nicht einfacher gewesen?“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Nathalie Rouanet, Schriftstellerin _ Klosterneuburg/NÖ 10.8.2026

Ingeborg Bachmann _ Nathalie Rouanet

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Nathalie Rouanet, Schriftstellerin, Übersetzerin, Slammerin _ Klosterneuburg/NÖ

Liebe Nathalie, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ingeborg Bachmann ist mir kein Begriff, als ich 1989 als Masterstudentin an der Uni Toulouse nach Wien komme (Paul Celan sehr wohl, s. unten). Zuerst versuche ich die Prosa, Malina finde ich aber zu schwer, zu kryptisch. Vermutlich reicht meine Sprachkompetenz nicht. Später finde ich eher Zugang zu den Gedichten, in denen ich nach einem Echo auf Celans Gedichten suche. Wie bei anderen Autorinnen, die mich faszinieren (Yourcenar, Colette, Duras, Bouraoui, Debré …), ist es vielmehr der Lebensentwurf und die Persönlichkeit als das Werk selbst, die mich interessieren.

Vor zwei Jahren habe ich übrigens den Film von Margarethe von Trotta (Reise in die Wüste) ins Französische untertitelt und durfte einzelne Zitate selbst übersetzen oder adaptieren. Eine Ehre!

Vicky Krieps als Ingeborg Bachmann,
Reise in die Wüste, folgendes

INGEBORG BACHMANN – REISE IN DIE WÜSTE

Schweiz/Österreich/Deutschland/Luxemburg 2023. R: Margarethe von Trotta

D: Vicky Krieps, Ronald Zehrfeld, Tobias Resch.

„…hier kam mir das Lachen zurück“

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?

Für mich das Rätselhafte. Vielleicht entsteht dadurch das Zeitlose. Ihr Werk lässt nach wie vor mehrere Interpretationen zu.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Dafür kenne ich ihr Werk zu wenig.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Leider ist diese Kritik heute noch notwendig, mehr denn je sogar, aber zum Glück wird die Debatte jetzt offen geführt, in allen Sparten der Kunst und in immer mehr Gesellschaftsschichten.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Mir scheint, es lassen sich heute viel mehr Lebensentwürfe als damals leben. Die Gesellschaft, in der Ingeborg Bachmann aufgewachsen ist und gelebt hat, war heteronormiert und patriarchal. Was ich allerdings nicht verstehe, ist warum sie sich ständig in solche – heute würde man sagen „toxische“ – Liebesbeziehungen hineinmanövriert hat (Frisch, Celan…).

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ich glaube nicht, dass man als Kunstschaffende im 21. Jahrhundert noch abseits der Gesellschaft stehen kann. Im Gegenteil macht unser Schaffen nur Sinn, wenn es sich vom äußeren Geschehen nährt. Persönlich empfinde ich einerseits den körperlichen „Drang“ zum Schreiben als erregend, die dafür unumgängliche Einsamkeit jedoch als quälend.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Keinen Aspekt ihres Schreibens, sondern ihre Stimme. Liest man ihr Werk, ihre Reden oder Interviews auf Papier, hat man eine selbstbewusste, gesellschaftskritische, beinahe eisige Person vor Augen. Ihre Stimme aber, bei Interviews oder bei Lesungen ihrer Gedichte etwa, offenbart ihre ganze Verletzlichkeit, unterdrückte Wut, Unsicherheit, beinahe Schüchternheit. Diese Stimme bewegt mich zutiefst.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wäre es mit einer Frau/Frauen nicht einfacher gewesen?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Mein nächster Roman Durch Nebel und Nacht über die französische Résistance erscheint Anfang September bei der Edition Atelier. Ich arbeite auch an zwei Auftragstexten (für eine NÖ-Anthologie und für die Zeitschrift der Theodor Kramer Gesellschaft Zwischenwelt). Außerdem nehme ich al Team (Barb’ra Ann!) an der österreichischen Poetry Slam Meisterschaft Anfang September in Klagenfurt teil! Mein Großprojekt wird wieder warten müssen.

Darf ich abschließend um einen Bachmann Text bitten?

Schatten Rosen Schatten

Unter einem fremden Himmel

Schatten Rosen

Schatten

auf einer fremden Erde

zwischen Rosen und Schatten

in einem fremden Wasser

mein Schatten

Herzlichen Dank für das Interview!

Nathalie Rouanet, Schriftstellerin, Übersetzerin, Slammerin

Zur Person/über mich: Nathalie Rouanet  

1966 in Frankreich geboren, lebt und arbeitet seit 1990 in der Nähe von Wien. Sie ist Autorin (Romane, Kurzprosa, Aufsätze, Spoken Word), Übersetzerin für Film, Kunst, Theater und Literatur, sowie Slammerin unter dem Namen Ann Air. Doktorat an der Universität Wien. Diplomstudium an der Universität Toulouse. Veröffentlichungen in französischen und österreichischen Zeitschriften. Erschienen sind ihre Romane „Von Honig und Absinth“ (2019, edition pen, vergriffen), „Rouge indien“ (2023, Perspective cavalière, Paris) und „Indienrot“ (2024, Edition Atelier, Wien). Im September 2026 erscheint der Roman „Durch Nebel und Nacht“ bei der Edition Atelier. (Nathalie Rouanet, 6.8.26)

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Nathalie Rouanet _ Maria Noisternig

Fotos: Reise in die Wüste _ Film/Produktion

Walter Pobaschnig, 6.8.26

https://literaturoutdoors.com

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