„Sie wusste, was begabte junge Frauen im Literatur- und Kunstbetrieb erlebten“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Monika Wogrolly, Schriftstellerin _ Graz 31.7.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann _ Monika Wogrolly

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _ Monika Wogrolly, Schriftstellerin _ Graz

Liebe Monika, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?  

Ein zarter und doch irgendwie widersprüchlicher Zugang, fast wie zu einer großen Schwester, die ich nie hatte, oder einer Freundin, die vieles besser konnte und schon woanders lebte – die wie in einer Brieffreundschaft über ihr Werk mit mir verbunden war. Im Deutschunterricht bei Fredy Kolleritsch und dann als so genannte vielversprechende, hoffnungsvolle Jungliteratin wurde ich immer wieder mit der Bachmann als Vorbild, Ikone, aber auch als Gescheiterte konfrontiert. Ich bewunderte sie für ihre Anpassungsfähigkeit, da sie zur Literatinnengarde zählte und über ihren Tod hinaus unsterblich und unnahbar, aber äußerst lesenswert geblieben war. 

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus? 

Bachmann schrieb sich klar in eine Verwirrung hinein. Was blieb, war eine klärende Aporie, auf die nichts folgen musste.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben? 

Das dreißigste Jahr, das ich lang vor meinem Dreißiger mehrmals las, das zweite Mal mit etwa knapp über zwanzig. Ich las ein ganz anderes Buch „Das dreißigste Jahr“, wie sich jedes Buch sofort ändert, wenn du es in einer anderen Zeit lest. Ein Recyclingeffekt von Literatur. Selbst eigene Texte erscheinen mir immer neu und fremd, wenn ich sie nach Monaten oder Jahren wieder lese. Bei der Bachmann-Lektüre entwickelte ich mehrerlei Empfindungen: Ein bisschen Ehrfurcht und großen Respekt vor ihrer glasklaren Wahrhaftigkeit. Eine Sehnsucht, mit ihr in einer WG zu leben, nicht für lang, eher nur vorübergehend zur persönlichen Verstärkung dessen, was ich war, und zur Beruhigung der inneren Unruhe in meinen Zwanzigern. Auch ein wenig Überidentifikation, die mich befiel; zwar weniger wurde, aber noch in manchen Momenten bis heute da ist, irgendwann auch im Ungargassenland gewesen zu sein, wann immer ich in Wien durch die Ungargasse zu meiner Praxis fahre. Zwischen meinen inneren Organen glimmt die Frage wie eine Zigarettenkippe auf: Wie wurde als Ingeborg Bachmann dort wohl geatmet, gegessen, gelebt, geträumt, gefühlt?

Ungargasse/Wien _
Romanschauplatz „Malina“ und Wohnbezirk Ingeborg Bachmanns
1946-53, folgende
„Das Tor mit den Löwen _ Ivan“

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Sie wusste, was Menschen, begabte junge Frauen im Literatur- und Kunstbetrieb, aber nicht nur dort, erlebten, von älteren Männern dominiert, angelockt und schnurstracks zum Objekt gemacht. Wir konnten nicht darüber sprechen, aus Scham, aus Angst, noch weniger mitzuspielen und noch tiefer zu fallen. Es half zwar nichts, die Wunden sichtbar zu machen, war aber ein erster Schritt. Wenn wir darüber schrieben, war das übertrieben oder selbstdarstellerisch, waren wir ja immer selber schuld, hätten ja leise bleiben, nicht so sichtbar werden müssen.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Wir lieben im Bindungstrauma-Stil und zerstören uns dabei. Und im Bindungsängstlichen-Vermeidungsstil mit weiß ich wie vielen Beziehungsformaten von Situationship, Mixed Single bis zu Freundschaft Plus, um ja nichts festzulegen. Die Liebe verlagert sich auf sicherere Entitäten als es Menschen sind, neben Autos auf Handys, Chatbots, humanoide Roboter oder Real Life Dolls.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Die Abbildung des persönlichen Martyriums, das wie ein Schmetterling im Flug gefangen und in ein Album gepinnt wird: Wenn das Buch ein Schmetterlingsalbum ist, ist da viel schmetterlingshaft getarntes Ungeziefer aufgespießt, das in Wirklichkeit nie aufhört, deine Seele zu durchlöchern. Das Schreiben will sie einfangen, sichtbar machen, der Welt vorhalten. Das größte Problem dabei: Ein angepinntes Monstrum wirkt surreal und geradezu harmlos. Und vielleicht ist der Schmetterling in dieser Analogie auch nur ein irreführendes Deckwort, um das Trauma – die seelische Erschütterung – in ihrer zerschmetternden katastrophalen Wirkung sachlich handhabbar erscheinen zu lassen. Das Schmetterlingstrauma ist somit ein gut gemeinter Versuch: Bücher schreiben, um mir das Gefühl von Kontrolle zu geben, die Ordnung wiederherzustellen. In Wahrheit aber gibt es keine Möglichkeit, der eigenen Katastrophe zu entkommen.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben? 

Ihre Sprache umgab mich beim Lesen wie eiskaltes Wasser die Steine in einem Bach. Erfrischend, erschreckend kühl, letztendlich tut die Kälte Sonnen beschienener Bachsteine bis in die Knochen weh, wirkt zugleich aber hoffnungsvoll belebend. Schreiben härtet ab.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt? 

Ob wir auf einen Kaffee gehen in Rom und ob sie mir Feedback zu meiner Prosa gibt. Und ob sie einen Weg weiß, wie ich offiziell Schriftstellerin bleiben könne, nicht Psychotherapeutin und Coachin werden zu müssen, um heimlich für mich am Martyrium weiterzuschreiben.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne? 

Ich wünsche mir, nicht nur als Liebes- und Beziehungsexpertin und als Ratgeberin in der Welt willkommen zu sein. Und das geschändete verletzte Mädchen in mir mit meiner Belletristik zum Sprachrohr einer Generation zu machen, die litt, aber nie unterging. Und: Meine heimlich geschriebenen Bücher – Worte wie aufgespießte Schmetterlinge, in Wahrheit Monstermotten – unter die Menschen zu bringen, um ihre Erkenntnis zu erhellen wie mit Glühwürmchenzauber. Ein weiteres Projekt: Weiter zu arbeiten an meinem Gesundheitspiloten „Psychohygiene in Klinik und Praxis“ sowie einem neuen Fernsehformat über Psychotherapie.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten? 

Natürlich dieses: Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.

Herzlichen Dank für das Interview!

Monika Wogrolly, Schriftstellerin

Zur Person: Zur Person: PROF.IN DR.IN MONIKA WOGROLLY, geb. in Graz, „Europas erste Klinikphilosophin“ und Psychotherapeutin in Graz und Wien sowie in der Privatklinik St. Radegund. Forschungen zur Hirntodproblematik und zum Selbstwertgefühl. Schriftstellerin und Herausgeberin des Magazins Living Culture für Kultur, Lifestyle und Selfcare; Beziehungsexpertin in Rundfunk und TV.  Buch: Die Beziehungsformel. Endlich glücklich lieben. (2017)

Foto: Monika Wogrolly _ Matthias Obergruber

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Ungargasse/Wien _ Romanschauplatz „Malina“ _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 16.6.26

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