„Bachmann greift Sicherheiten an“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Nina-Alexandra-Kupczyk, Regisseurin _ Berlin 24.7.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

im Interview _  Nina-Alexandra-Kupczyk- Regisseurin_Schriftstellerin _ Berlin

Liebe Nina, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Mein Zugang zu Ingeborg Bachmann ist kein literarhistorischer Sicherheitsabstand. Ich lese Bachmann nicht, um sie zu bewundern, sondern weil ihre Texte bis heute beunruhigend präzise sind.

Bachmann greift Sicherheiten an. Sie zeigt, dass Liebe, Sprache, Familie, Kultur und Institutionen oft längst von Gewalt durchzogen sind. Damit nimmt sie der bürgerlichen Welt die Möglichkeit, sich für unschuldig zu halten.

Für mich liegt darin der entscheidende Zugang: Bachmann beschreibt nicht nur Verletzung, sondern Systeme, die Verletzung produzieren und sich dabei zivilisiert nennen. Deshalb kann man sie nicht folgenlos lesen.

Ich komme vom Schreiben, aber die Bühne ist für mich ein entscheidender Denk- und Erfahrungsraum. Dort stellt sich die Frage besonders scharf: Was darf Kunst heute noch behaupten, wenn Frieden, Demokratie und Menschenwürde erodieren? Ich lese Bachmann als Verbündete in dieser notwendigen Zumutung.

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?

Genau daraus entsteht für mich die besondere Kraft ihres Schreibens: Bachmann ist unerbittlich genau. Sie schreibt nicht schön im dekorativen Sinn. Ihre Sprache hat eine ungeheure Musikalität, aber sie ist nie harmlos. Sie legt frei. Sie schneidet.

Das Besondere ist, dass sie das Private politisch liest, ohne es zu vereinfachen. Liebe, Angst, Krankheit, Begehren, Schweigen, Sprache, Vater, Staat, Krieg, Faschismus: Bei Bachmann hängt das alles zusammen. Sie zeigt, dass Geschichte nicht vorbei ist, nur weil sie bürgerlich eingerichtet wurde.

Diese Verbindung von poetischer Form und politischer Erkenntnis macht ihr Schreiben so gegenwärtig. Es interessiert sich nicht für Trost, sondern für Wahrheit. Und Wahrheit ist bei Bachmann nie abstrakt. Sie geht durch den Körper, durch Beziehungen, durch Sprache.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Diese Genauigkeit zeigt sich für mich besonders in „Die gestundete Zeit“, „Anrufung des Großen Bären“, „Malina“ und dem „Todesarten“-Projekt.

„Die gestundete Zeit“ ist schon im Titel eine Kampfansage gegen Verdrängung. Die Zeit ist nicht einfach da. Sie ist aufgeschoben, gefährdet, politisch.

„Anrufung des Großen Bären“ verbindet dunkle Welterfahrung mit poetischer Gegenmacht. Da ist etwas Archaisches, Beschwörendes, aber nichts Eskapistisches.

Und dann natürlich „Malina“. Dieser Text ist für mich kein Beziehungsroman. Er ist ein Tatort. Dort wird sichtbar, was Bachmann meint: Es gibt Todesarten, die gesellschaftlich organisiert sind. Nicht jeder Mord sieht aus wie ein Mord. Manche tragen Anzug, Titel, Bildung, Stimme.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Gerade in „Malina“ wird für mich deutlich, wie aktuell Bachmanns Gesellschaftskritik ist. Sie zeigt eine patriarchale Welt nicht als bloßes Geschlechterproblem, sondern als Ordnung der Zerstörung.

Wenn Bachmann 1971 im Gespräch sagt: „Die Männer sind unheilbar krank“, dann ist das keine private Laune. Es ist die Diagnose einer Ordnung.

Ich lese diesen Satz nicht als biologistische Aussage über Männer. Ich lese ihn als Angriff auf ein patriarchales System, das alle beschädigt, aber Frauen, queere Menschen, neurodivergente Menschen, arme Menschen und marginalisierte Körper besonders verwundbar macht.

Diese Welt ist zerstörend und selbstzerstörerisch. Sie verwaltet Gewalt, statt sie zu beenden. Sie spricht von Empathie, während sie Abhängigkeiten produziert. Sie redet von Diversität, während sie Menschen benutzt. Sie nennt sich professionell, wenn sie eigentlich nur Besitzstände schützt.

Darum ist Bachmann für mich auch eine Autorin, mit der man den heutigen Kulturbetrieb lesen kann: Institutionen, die von Empathie sprechen, aber Macht verwalten; die Relevanz behaupten, aber Konflikte entschärfen.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns. „Die Männer sind unheilbar krank …“ sagte Bachmann 1971 in einem Interview. Wie lieben wir nach oder mit Bachmann?

Auch Liebe beschreibt Bachmann nie unschuldig. Genau darin liegt ihre Radikalität.

Sie zeigt Liebe als Glück und Verhängnis, als Sehnsucht und Gewaltzone, als Rettungsversprechen und als Ort der Auslöschung. Nach Bachmann kann man Liebe nicht mehr als reine Privatsache behandeln. Man muss fragen: Wer darf begehren? Wer darf sprechen? Wer wird gesehen? Wer verschwindet? Wer nennt Besitz Liebe?

Mit Bachmann zu lieben hieße für mich: nicht mehr an Verschmelzung als Ideal zu glauben. Nicht mehr an die romantische Lüge, dass Liebe automatisch gut sei. Liebe muss sich an Freiheit messen lassen. An Würde. An Sprache. An der Frage, ob der andere durch mich größer wird oder kleiner.

Das gilt für private Beziehungen, aber auch für Kunst: Liebe ist keine Besitzform, sondern eine Praxis der Aufmerksamkeit.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton-Wildgans-Preises 1971 Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, ist die Kunst immer auch eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Aus dieser Radikalität heraus verstehe ich Bachmanns Satz über das Schreiben. Ich misstraue dem Wort Martyrium, weil es Leid verklärt. Kunst braucht keine Heiligenlegenden. Aber Kunst verlangt etwas. Sie verlangt, dass man nicht wegschaut.

Wer wirklich arbeitet, steht oft quer zur Welt. Nicht aus Pose, sondern weil Wahrnehmung Konsequenzen hat.

Aber ich will das nicht romantisieren. Kunst muss nicht selbstzerstörerisch sein. Ich habe kein Interesse an einem Betrieb, der Künstlerinnen erst beschädigt und ihre Verletzung dann als Tiefe verkauft.

Das eigentliche Martyrium liegt heute vielleicht weniger im Schreiben selbst als in den Systemen, in denen Kunst entstehen soll: Hierarchien, Abhängigkeiten, Intendantenmacht, Förderlogiken, ästhetische Modebegriffe, Angst. Viele Intendanten verhalten sich wie neutrale Psychiater. Aber Neutralität in einem missbräuchlichen System ist nicht unschuldig. Sie stabilisiert das System.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Neben der Gesellschaftskritik interessiert mich bei Bachmann vor allem ihre Arbeit an Wahrnehmung. Sie fragt immer: Wer sieht? Wer darf sehen? Wer wird für verrückt erklärt, weil er genauer sieht als die anderen?

Mich interessiert daran, dass Wahrnehmung bei Bachmann nie neutral ist. Sie ist politisch, körperlich, gefährdet. Wer anders sieht, stört die Ordnung. Wer genauer sieht, wird schnell pathologisiert, vereinzelt oder zum Schweigen gebracht.

Für das Theater ist das zentral, weil Theater selbst mit Blicken, Körpern, Geräuschen, Reiz, Rhythmus und Sprache arbeitet. Wenn wir andere Wahrnehmungen ernst nehmen, reicht es nicht, sie als Thema auf die Bühne zu bringen. Dann müssen wir fragen, wie sie Formen verändert: Probenprozesse, Räume, Erzählweisen, Zeitlichkeiten und Hierarchien.

Bachmann ist darin radikal modern. Sie zeigt, dass Wahrnehmung politisch ist. Wer anders wahrnimmt, stört die Ordnung. Und genau dort beginnt Kunst.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt oder gefragt?

Vielleicht würde ich nicht mit einer literarischen Frage beginnen, sondern mit einer existenziellen.

Ich hätte ihr gesagt: Du hattest recht. Nicht als Denkmal, sondern als Warnung.

Ich hätte sie gefragt, wie man weiterarbeitet, wenn man zu viel sieht. Wie man sich nicht zerstören lässt von der eigenen Genauigkeit. Wie man eine Sprache findet, die nicht vom Betrieb verschluckt wird.

Und ich hätte sie gefragt, was sie heute zur Oper sagen würde: zu Institutionen, die politische und soziale Themen ästhetisch verwenden, ohne Verantwortung zu übernehmen.

Ich glaube, sie hätte wenig Geduld mit dieser Oberfläche gehabt.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich arbeite derzeit an mehren Linien: an meiner Promotion, an Buchprojekten, an Audioproduktionen sowie natürlich neuen Bühnenarbeiten.

Meine Promotion beschäftigt sich mit Neurodiversität und Wahrnehmung. Ich untersuche, was es bedeutet, anders wahrzunehmen, und wie sich daraus andere Formen von Sprache, Raum, Körper, Musik und Theater entwickeln lassen.

Daraus entstehen zwei Buchprojekte: eine Kinderbuchreihe über Unterschiedlichkeit und verschiedene Arten, Welt wahrzunehmen, sowie ein Fachbuch über theatrale Ausdrucksformen. Darin geht es um Körper, Stimme, Raum, Bild, Rhythmus und Assoziation als eigene Sprachen.

Diese Frage nach Wahrnehmung verbindet sich für mich mit meiner Arbeit an der Schnittstelle von Kunst, Psychologie und internationaler Organisationsberatung. Der Blick auf Wahrnehmung, Macht und Veränderung prägt meine künstlerische Arbeit und schärft mein Interesse daran, wie Menschen, Gruppen und Institutionen Wirklichkeit herstellen oder ausblenden.

Mit meinem Ensemble Transform23 arbeite ich an neuen Audioproduktionen, Musikalben, Hörspiel.

Für die Bühne arbeite ich an Uraufführungen und neuen Musiktheaterformen. Konkret beschäftigen mich Stoffe zu Krieg und Frieden, Demokratieverlust, Verletzlichkeit, Verantwortung und veränderter Wahrnehmung.

Mich interessiert Oper dort, wo sie mehr ist als Repertoirepflege: als extreme Form aus Stimme, Körper, Musik und Bild. Gerade weil Oper künstlich, übersteigert und eigentlich unmöglich ist, kann sie etwas sichtbar machen, was anders kaum sagbar wäre.

Unterhaltung, Leichtigkeit und Poesie gehören für mich dazu. Entscheidend ist, ob eine Form notwendig ist: ob sie etwas öffnet, Wirklichkeit anders sichtbar macht und dem Unsagbaren eine Stimme gibt.

Darf ich abschließend um ein Bachmann-Zitat oder einen Bachmann-Text bitten?

Am Ende komme ich immer wieder zu diesem Satz zurück:

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Für mich ist das kein schönes Schlusswort, sondern ein Auftrag: an das Publikum, an die Institutionen, an die Oper, an die Kunst. Wenn Kunst diese Wahrheit nicht mehr zumutet, sondern nur noch verwaltet und entschärft, verliert sie ihre Notwendigkeit.

Genau deshalb bleibt Bachmann für mich Gegenwart: eine Zumutung, eine Verbündete, eine Waffe gegen Oberfläche, Feigheit und das bequeme Schweigen.

Herzlichen Dank für das Interview!

Nina-Alexandra-Kupczyk- Regisseurin_Schriftstellerin

Zur Person: Nina Kupczyk I Regie und Text

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann.

Foto: Nina-Alexandra-Kupczyk _ Max van der Rose.

Walter Pobaschnig, 1.6.26

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