„das Bekenntnis zur Tiefe“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Karin Gayer, Schriftstellerin _ Wien 18.7.2026

Ingeborg Bachmann _ Karin Gayer

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Karin Gayer, Schriftstellerin _ Wien.

Liebe Karin, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Seit meiner Studienzeit bin ich ein großer Fan von Bachmanns Prosa, ihre Lyrik hat sich mir erst später erschlossen. Ich entdeckte in ihren Texten damals eine Welt, in der ich mich gleich zu Hause fühlte. Ihre Szenarien und Figuren begleiten mich bis heute, ich tauche immer noch gerne in ihre Bücher ein.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ihr psychologischer Blick, mit dem sie ihre Protagonisten:innen genauso betrachtet wie die gesellschaftlichen Umstände. Ihr Bekenntnis zur Tiefe.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

„Malina“ hat mich gleich gefesselt, weil dieser Roman menschliche Abgründe auslotet und gleichzeitig durch Feinsinnigkeit besticht wie auch durch eine geheime Widerständigkeit der Protagonistin. Diese zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie nie aufhört, die Dinge zu hinterfragen, die von Männern an Frauen ausgeübte Gewalt zu verurteilen. Ähnlich beeindruckt hat mich „Der Fall Franza“, er steht „Malina“ um nichts nach.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Die Kritik hat nichts an ihrer Aktualität eingebüßt. Denn neben fortschrittlichen Tendenzen hin zur Gleichberechtigung, erleben wir heute wieder eine Erstarkung reaktionärer Haltungen, die sich an Überholtem orientieren, wie der Vormachtstellung der Männer. So werden in einer zunehmend komplexen Welt, die vor allem die Männer zu verunsichern scheint, den Frauen wieder alte Rollenbilder aufgetischt, in die sie sich gefälligst zu fügen haben. Dadurch werden nicht nur echte zwischenmenschliche Begegnungen zwischen den Geschlechtern verunmöglicht, sondern auch der Gewalt gegen Frauen Tür und Tor geöffnet. Solange in unserer Gesellschaft männliche Machtansprüche nicht überwunden sind, läuft grundsätzlich etwas schief.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Als junge Frau hätte ich dem Zitat „die Männer sind unheilbar krank“ eher zugestimmt als heute. Zwischenzeitlich konnte ich persönlich zahlreiche positive Erfahrungen mit Männern machen, was wahrscheinlich darin liegt, dass mich nur noch empathiefähige Männer interessieren. Sei es in Bekanntschaften oder in meiner Beziehung.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Dem kann ich insofern etwas abgewinnen, indem es auch für mich einer gewissen Einsamkeit bedarf, um Ideen und Projekte reifen zu lassen und um ins Schreiben zu kommen. Der Prozess des Schreibens verbindet mich jedoch andererseits mit mir und dadurch auch wieder mit meiner Umwelt.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Da denke ich gleich wieder an den psychologischen Blick, den ich bereits weiter oben erwähnt habe.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Durch deine Texte und Figuren habe ich als junge Frau so viel mehr erfahren über die menschliche Psyche und gesellschaftspolitische Zusammenhänge, liebe Ingeborg, als in all den Vorlesungen und Seminaren als Studentin der Psychologie.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich habe wieder einen Lyrikband in Arbeit, in der Zwischenzeit sind einige neue Gedichte entstanden, die um Themen wie Entfremdung und Entwurzelung kreisen. Ja, und dann arbeite ich noch an einem neuen Erzählband, die Geschichten handeln von Menschen auf der Suche, von Menschen auf der Reise zu sich selbst. Sie sind nicht länger bereit, die ihnen zugeschriebenen Rollen zu erfüllen und brechen aus Verhältnissen aus, die ihnen die Luft zum Atmen nehmen.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wie bräuchten die Waffen nicht.

Herzlichen Dank für das Interview!

Karin Gayer, Schriftstellerin _ Wien.

Zur Person: Karin Gayer, geb. 1969 in Mödling, schreibt Lyrik und Prosa. Ihre Figuren sind oftmals Außenseiter, die das Herkömmliche infrage stellen. Ihre Themen kreisen um Selbst- und Fremderkenntnis zwischen Melancholie und subtiler Ironie.

Studium der Psychologie. Ausgebildete Verlagsassistentin und freie Lektorin. Sie lebt und arbeitet in Wien.

Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, in Anthologien und im Rundfunk. Mitglied der IG Autorinnen Autoren, des Österreichischen Schriftsteller/innenverbandes und der Grazer Autorinnen Autorenversammlung (GAV). Finalistin im zeilen.lauf Lyrikbewerb 2016 und 2020. Longlist 29. Deutscher Kurzgeschichten-wettbewerb 2024. Organisation von und Beteiligung an Lesungen, u.a. im StifterHaus in Linz, im Literaturhaus sowie in der Alten Schmiede in Wien.

BUCHPUBLIKATIONEN:

Im Arovell Verlag, Wien/Gosau, Oberösterreich:

  • Lyrik- und Kurzprosaband Flechtwerk, 2002.
  • Anthologie Vorgänge im Labyrinth, als Herausgeberin und Mitautorin, 2004.
  • Erzählung Nachtfieber, 2009.
  • Erzählband Separation, 2019.

In der Edition Art Science, St. Wolfgang, Oberösterreich:

  • Lyrikband Innenaußenwelten, 2013.

In der Edition sonne & mond, Wien:

  • Lyrikband Übergangsland, 2023.

Weblog: Karin Gayer

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Karin Gayer _ privat.

Walter Pobaschnig, 7.5.2026

https://literaturoutdoors.com

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