50 Jahre Bachmannpreis _
Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview _ Andrea Wolfmayr, Schriftstellerin _ Gleisdorf/Stm./AT
Bachmannpreisnominierte 1983
Liebe Andrea, Du hast 1983 am Bachmannpreis in Klagenfurt, dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum, teilgenommen. Was sind spontan Deine ersten Erinnerungen?
Ich war sehr allein. Die GAV, deren Mitglied ich damals noch war, gab mir die Empfehlung, nicht mitzumachen, es sei eine rein kommerzielle Sache, so „unmoralisch“ wie der ESC, nichts für „ernstzunehmende Schriftsteller“, ich würde bloß „verheizt“. Der Bachmannpreis hatte noch nicht im Ansatz die mediale Aufmerksamkeit wie heute, die kam erst mit den Aktionen von Josef Winkler oder Rainald Goetz (er las im selben Jahr wie ich, leider erlebte ich seine Lesung nicht; während er sein Blut vergoss, war ich bei einer Lesung in einer Klagenfurter Schule – wir wurden dafür nebenbei „eingeteilt“). Ich hatte niemand vom Verlag bei mir, niemand, der mir bei der Auswahl meines Textes Tipps gegeben oder lektoriert hätte, ich war überhaupt nicht vernetzt und ganz jung auf dem Literaturmarkt.
Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
Das „Wettlesen“. Und Wettbewerbe, Rankings usw., verhelfen zu Bekanntheit, Öffentlichkeit und medialer Präsenz, verführen aber auch … (siehe die wunderbare heurige Rede von Helga Schubert)
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
Als grausam. Ich war eingeladen von Humbert Fink und Ulrich Weinzierl, die mich natürlich verteidigten. Aber Reich-Ranicki packte während meines Lesens bereits zusammen (ich war die Letzte, durch Verlosung und auch alphabetisch), ich war blind und wie betäubt durch die Scheinwerfer, es war wie eine Matura-Prüfung, ich saß vor einer Kommission. Tod oder Leben. Ich hatte das Gefühl, gut und fehlerlos zu lesen und heute noch finde ich meinen Text absolut passabel. Aber ich fiel durch. Die Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung ist noch heute ein großes Thema für mich. Im Anschluss an meine Lesung war ich richtig einsam und sehr verwirrt. Es redete niemand mit mir, alles nur Jubel-Trubel um die Preisträger, ich ging zum Bahnhof und fuhr mit dem Zug nachhause. Ich hatte den Eindruck, es wäre keine große Sache gewesen.
Wie hat sich der Bachmannpreis auf Deinen weiteren literarischen, künstlerischen Weg ausgewirkt?
Die Scheu vor Öffentlichkeit, die Angst vor Kritik, Bloßstellung, Sarkasmus, verletzenden Bemerkungen hat sich gesteigert. Die Lust zu schreiben ist geblieben, die Angst vor Öffentlichkeit, vor Lesungen und Auftritten auch.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
Sensibilität, Aufmerksamkeit, Freundlichkeit, Achtung und Respekt, wirkliches Interesse – nicht Rankings und Gieren nach Preisen, Macht, Einfluss, Geld …
Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?
Gute Nerven, Achtung und Respekt, Aufmerksamkeit und Interesse
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Zur Person _ Andrea Wolfmayr, Schriftstellerin
Wolfmayr, Andrea – Edition Keiper

Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Andrea Wolfmayr _ privat
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Bachmannpreis_Klagenfurt/Wörthersee _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 25.6.2026