„Wahrheit, Humor und Spiel-Lust“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Kerstin Hensel, Schriftstellerin _ Berlin 9.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Kerstin Hensel, Schriftstellerin _ Bachmannpreisnominierte 1989  _
damals aus Berlin-Ost/DDR

Im Interview  _ Kerstin Hensel, Schriftstellerin _ Berlin

Liebe Kerstin, Du hast 1989 am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?

Ich war im Juni 1989 nach Klagenfurt geladen. Es war meine erste Reise ins „kapitalistische Ausland“, die mir von DDR-Seiten aus gestattet wurde. Keine drei Monate später sollte die Mauer fallen. Dass diese Reise ins Ingeborg-Bachmann-Land ging, war ein Glück für mich und nicht unwichtiger als der Preis-Wettbewerb selbst.

Was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?

Für mich: das Neue, das Andere. Der über allem schwebende „Geist“ der verehrten Namensgeberin. Die Stadt. Die Landschaft. Menschen, die ich dort getroffen habe, mit denen ich heute noch befreundet bin. Widersprüche, die sich als produktiv erwiesen. Kluge Geselligkeit. Landübergreifendes. Das war, wie gesagt, vor 37 Jahren.

Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?

Das Los hat bestimmt, dass ich nach einer zechseligen Nacht früh morgens als erste an den Start musste. Ein Jurymitglied schlief in der ersten Reihe vor mir. Nach seinem Erwachen hatte es eine bewundernswert feste Meinung über das Nicht-Wahrgenommene. Unter dem ausgeschlafenen Publikum erinnere ich die Diskussion als lebhaft und mir zugewandt. Da mein Charakter nicht auf wetteifernde Konkurrenzveranstaltungen ausgerichtet ist, konnte ich alles weitere als spannendes Schauspiel genießen.

Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?

Anhaltende Liebe zur Literatur. Kenntnisse, die nicht vom Zeitgeist korrigiert werden. Humor. Spiel-Lust. Marktunabhängige Maßstäbe. Mut zur poetischen Wahrheit. Licht in verdunkelten Zeiten.

Was möchtest Du aktuellen Teilnehmer:innen, der Jury und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Den Teilnehmern: „Fürchtet euch oder fürchtet euch nicht!“

Dem Publikum: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar!

Der Jury: „Seht zu, daß ihr wachbleibt!“

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Kerstin Hensel, Schriftstellerin

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Foto: Kerstin Hensel _ Renate von Mangoldt

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto: Lesestuhl ORF Studio _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 26.5.26

https://literaturoutdoors.com

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