
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Thomas Stangl, Schriftsteller _ Wien
Lieber Thomas, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ihre späten Gedichte (vor allem Böhmen liegt am Meer) gehören, seit ich sie als Jugendlicher zum ersten Mal gelesen habe, zu den Fundamenten meiner Denk-, Schreib-, Lesewelt und haben entscheidend damit zu tun, was Literatur für mich bedeutet.
Zu ihrer Prosa habe ich erst viel später (und im zweiten Lesen) Zugang gefunden. Ich erinnere mich ans Wiederlesen von Das dreißigste Jahr vor ein paar Jahren und die Freude darüber, dass da in jeder Erzählung und jedem Satz mehr drin ist als das Klischee „Ingeborg Bachmann“, das man irgendwie dann doch im Kopf hat und zu kennen glaubt.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Frei nach Dizzy Gilliespies Beschreibung der Besonderheit von Charlie Parker: die Art, in der sie von einem Wort zum nächsten gelangt. Und dass sie pathetisch sein kann, ohne hohl und dumm zu werden, radikal sein kann, ohne die notwendige Ambivalenz aufzugeben.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Immer noch Böhmen liegt am Meer. Und was in Malina mit Personen und Perspektiven geschieht.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Es gab natürlich reale Fortschritte in den letzten Jahrzehnten und manche der Zwänge, denen Ingeborg Bachmann und ihre Frauenfiguren ausgesetzt waren, manche der starren Rollenbilder, sind in dieser Form (jedenfalls in weiten Teilen Europas) nicht mehr wirksam; gleichzeitig gibt es in den letzten Jahren aus bekannten Gründen (Rechtsrutsch, Manosphere, Tradwives, Dogmatismen aller Art, Mörder und Irre an der Macht) wiederum Rückschritte und eine Gegenbewegung, vielleicht wäre es interessant, Bachmann auch in dieser Hinsicht wiederzulesen (ich habe es bisher nicht versucht).
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Ich glaube, alle knappen Antworten auf solche Fragen sind falsch. Man kann nicht nach, mit, gegen Bachmann (oder Proust oder Barthes oder Illouz oder…) lieben oder nicht lieben; kann es nur konkret und nicht irgendwie allgemein.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Vielleicht muss das Martyrium Anteil daran haben, aber auch das Glück. Ich glaube, manchmal war (wie ganz sicher für Kafka) auch für Bachmann das Schreiben (mitsamt und auch dank der Einsamkeit, dem Asozialen, dem Verdammtsein, dem Zweifeln und Verzweifeln an Wörtern und Metaphern) etwas Glückhaftes.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Dass sie mit jedem Satz oder fast jedem Satz über Grundpositionen hinausgeht; dass ihre Sprache mit jedem Satz Grundpositionen erschüttern kann – zugrundegehen, das heißt, zum Meer, dort find ich Böhmen wieder. Der gute Grund ist das Fastnichts einer Brücke aus Wörtern.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich weiß es nicht. Ich denke, wenn man den Geistern irgendwelche bedeutsamen Fragen stellt, stöhnen sie nur entnervt auf. Alles was man sagen kann, kann man auch in der Literatur sagen.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Im kommenden Frühjahr erscheint bei Matthes & Seitz ein neues Buch, halb Roman, halb Erzählband; und der nächste, etwas romanhaftere Roman ist auch schon recht weit fortgeschritten.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„… man kann einen Menschen zutodbeschreiben, von allen Seiten her. Wie aber soll man ihn lebendig schreiben, in dem Rahmen, in dem ja nichts lebendig ist und alles Übereinkommen, zu dem man Leser überredet.“ (aus Male Oscuro)
Und, in Klammern: „(Soll doch. Sollen die anderen.)“
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: Thomas Stangl, geboren 1966, studierte Philosophie und Spanisch und lebt als freier Schriftsteller in Wien. Seit seinem Debutroman Der einzige Ort (Literaturverlag Droschl, Graz 2004) veröffentlichte er zahlreiche weitere Romane, Erzähl- und Essaybände, zuletzt den Roman Quecksilberlicht (Matthes & Seitz Berlin 2022) und den Erzählband Diverse Wunder (Droschl, 2023). Im Frühjahr 2027 erscheint bei Matthes & Seitz Berlin sein neues Buch Die Ausnahme. Ein Roman von Benjamin Kiefer.
Unter anderem wurde sein Werk mit dem aspekte-Preis für das beste Debut des Jahres 2004, dem Erich-Fried-Preis sowie dem österreichischen Kunstpreis für Literatur und dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet.
Thomas Stangl gewann den Telekom-Austria-Preis beim Bachmann-Preis (2007).
Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Thomas Stangl _ Almut Tina Schmidt
Walter Pobaschnig, 25.5.26