
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Nicole Hohenwarter, Schriftstellerin _ Klagenfurt
Liebe Nicole, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Wenn man in Klagenfurt wohnt, stolpert man natürlich zwangsläufig über Ingeborg Bachmann. Überall finden sich Fragmente ihres literarischen Erbes, Textzeilen prangern von Hauswänden, Straßenschilder sind nach ihr benannt. Mein Sohn hat das Ingeborg-Bachmann-Gymnasium besucht; dort finden sich überall Textauszüge und Hinweise auf ihre literarischen Werke. Also man kommt hier mit Ingeborg Bachmann in Berührung und auch mit ihren Werken, die natürlich einen Denkanreiz liefern.


Als ich die ersten Texte von Ingeborg Bachmann gelesen habe, merkte ich schnell, wieviel Traurigkeit sich darin verbirgt. Starke Gefühle, denen sie Ausdruck verleihen wollte oder sogar musste, um innerlich nicht daran zu zerbrechen. Ich mag Texte von Menschen, egal ob sie von bekannten Autoren oder noch unbekannten Schreibern kommen, die in ihren Aussagen authentisch sind. Über ein Thema zu schreiben, das man selbst nicht fühlt, ist wie einen Bericht abtippen, der ohne Inhalt und ohne Leben ist. Ich war auch sehr überrascht, dass sie mit dieser Art von Texten, zur damaligen Zeit und als Frau, Anklang gefunden hat. Das hat mich beeindruckt.

Heinz Bachmann, Portraits _ Musilmuseum Klagenfurt, Ausstellung 2016

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Ich denke, sie war ihrer Zeit weit voraus und hatte den Mut, Gesellschaftsfragen und vor allem auch die Stellung der Frau zur damaligen Zeit, zu benennen und eine Formulierung dafür zu finden. Sie hat nicht angeklagt, aber beschrieben und es spiegelt sich viel von diesen Zuständen in ihren Texten wider. Eigentlich enthalten viele ihrer Texte kleine Botschaften und Hinterlassenschaften an andere Frauen. Um zu kommunizieren und vielleicht auch, um Zustände in Worte zu fassen, die andere zwar ebenso wahrgenommen, aber vielleicht nicht formulieren konnten.
Viele der Texte sind auch Zeitzeugen. In einer Epoche, wo es Krieg gab, sind Dinge passiert, die nicht so leicht verarbeitbar sind. Auch das liest man in ihren Texten, wie sie mit Verlust, Hoffnung und den Fragen, die sie an die damalige Gesellschaft hat, umgeht.
Ich denke, dass sie sich dieser Herausforderung gestellt hat, über Themen zu schreiben, die oftmals totgeschwiegen wurden, machen das Besondere aus. Sie hat sich getraut hinzusehen, wo andere schwiegen.

Ingeborg Bachmann/Nebelland _
Stadtpark Klagenfurt
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ich muss gleich vorweg nehmen, dass ich nicht mit all ihren Werken vertraut bin. Man wird bei ihren Texten so sehr mit der Realität konfrontiert, was manchmal schwer auszuhalten ist. Mir geht es zumindest so wenn ich ihre Texte lese. Ich muss aber auch nicht jedes ihrer Werke gelesen haben, um ein Gespür für sie als Person zu bekommen. Die Texte, die ich gelesen habe, wie beispielsweise der Gedichtband „Die gestundete Zeit“, zeigt viel von ihrem Innenleben und wie sie mit den Themen der damaligen Zeit, aber auch ihren privaten Themen umgegangen ist. Ich denke, das Schreiben hat ihr geholfen ihre Gedanken zu sortieren und Abstand zu Themen zu gewinnen, sobald sie niedergeschrieben wurden.

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden wie selbstzerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich finde es höchst interessant, aber auch passend zur damaligen Zeit, in der die Frauenbewegung und der Feminismus am Vormarsch waren und sich gesellschaftlich einiges für die Frauen verändert hat. Bemerkenswert ist für mich, dass sie das so ausformuliert hat und sich auch getraut hat. Das war nicht selbstverständlich.
Sie hat damals einfach erkannt, dass es an den gesellschaftlichen Strukturen der damaligen Zeit lag und es den Männern gar nicht bewusst ist, dass sie dieses Patriarchat zwar leben, weil es gesellschaftlich so weitervererbt wurde und auch die gesamten Strukturen so erstellt waren, die Männer begünstigten, dass sie aber menschlich davon schon längst geheilt sein hätten können. Deshalb beschreibt sie es auch wie eine Krankheit, welche die Männer befallen hat. Und dieses „unheilbar“, das sie anfügt, spiegelt ihre eigene Hoffnungslosigkeit wider, dass sich der Mann davon auch nie erholen wird.
Wenn sie die Weiterentwicklung heute sehen könnte, würde sie nicht mehr von einer unheilbaren Krankheit reden, sondern von einer Krankheit, die viele nicht mehr befällt. Aber dafür hat es eben Vorreiter und mehrere Generationen gebraucht. In vielen Ländern dieser Welt stehen die Frauen erst am Anfang. Aber das Patriarchat wird sich abschaffen. Davon bin ich überzeugt.
In „Malina“, Ingeborg Bachmanns großen und einzigen Roman (1971), stehen Hell und Dunkel der Existenz, die Liebe „es ist immer Krieg“, wie die Traumata eines Landes in Erinnerung von Shoa, Weltkrieg im thematischen Vordergrund. Wie siehst Du ihren literarischen Zugang hier und wie müssen wir heute in Literatur und Existenz mit Geschichte umgehen?
Ich muss ganz offen sagen, dass ich „Malina“ selbst noch nicht gelesen habe. Aber auch ohne die genauen Inhalte zu kennen, würde ich sagen, dass Bachmanns literarischer Zugang grundsätzlich kein erzählender im klassischen Sinn ist, sondern ein diagnostischer. Sie interessiert sich weniger für Geschichte als Ereignis, sondern für Geschichte als innere Realität. Gerade die Traumata des 20. Jahrhunderts, Shoa und Krieg, erscheinen bei ihr nicht abgeschlossen, sondern wirken weiter, oft dort, wo man sie nicht vermutet – im Privaten, im Intimen.
Was mich aber berührt, ist dieser Gedanke, dass Geschichte nicht einfach vergeht. Dass Krieg, Schuld, Gewalt oder Sprachlosigkeit auch Generationen später noch in Menschen weiterleben – in Beziehungen, im Denken, vielleicht auch in dem, worüber geschwiegen wird. Für uns heute bedeutet das vielleicht, dass Literatur nicht nur erinnern soll, sondern sensibel machen muss für das, was weiterwirkt, auch wenn wir glauben, längst darüber hinweg zu sein. Aber nicht unbedingt, um Antworten zu geben, sondern etwas sichtbar zu machen, das oft unter der Oberfläche liegt. Geschichte verlangt nicht nur Wissen, sondern Aufmerksamkeit.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Das kann ich so nicht beantworten. Ich hätte sie einmal kennenlernen müssen, dann hätte ich gemerkt, ob wir einen Draht zueinander hätten. Im Zuge des Gesprächs ergeben sich Themen. Man merkt, ob man Gemeinsamkeiten oder Parallelen hat. Aber wenn du meinst, ob mir eine Frage unter den Nägeln brennt, dann nein, ich hätte jetzt keine konkrete Frage an sie.
Vielleicht hätte ich ihr gesagt, dass die Liebe zu einem Mann nicht alles ist. Aber ohne die Liebe die Welt nichts ist. Ich denke wir hätten sehr wahrscheinlich Gesprächsstoff zu unterschiedlichen Themen gefunden.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Aktuell bin ich dabei, die Vorbereitungen für mein nächstes Buch zu treffen. Ich feile gerade noch am Titel. Es soll wieder mit Texten, gefüllt sein, die das Leben widerspiegeln.
Außerdem habe ich einige Projekte im Kopf, die ich gerne umsetzen möchte, die ich aber noch für mich behalte. Ich mache Projekte erst publik, wenn sie fertig sind.
Begleitend zur Veröffentlichung meines zweiten Buches möchte ich auch wieder Lesungen machen. Ich sehe darin eine schöne Möglichkeit, meine Texte nicht nur schriftlich weiterzugeben, sondern sie auch persönlich erlebbar zu machen und mit Menschen darüber ins Gespräch zu kommen.
Parallel habe ich gerade meine Homepage www.nicole-hohenwarter.at erstellt, was sehr arbeitsintensiv war. Das sind so Dinge neben den eigentlichen Schreibprojekten, die zusätzlich auch Zeit erfordern.
Darf ich abschließend zu einem persönlichen Bachmann Zitat/Text bitten?
Nachdem ich ihre Zitate durchgelesen habe, ist Folgendes bei mir hängen geblieben:
„Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“
In diesem Zusammenhang wünschte ich mir, die Menschheit würde gewisse Dinge nicht immer so schnell vergessen bzw. das, was sie in dem Moment daraus gelernt hat auch für die Zukunft mitnehmen. Die Menschheit vergisst all zu schnell. Nur nicht, wenn sie jemandem etwas nachträgt und auf Vergeltung aus ist. Dann scheint es über Generationen nicht vergessen zu werden bzw. sorgt irgendjemand dafür, dass es nicht vergessen wird.
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann
Foto: Nicole Hohenwarter _ Walter Pobaschnig
Walter Pobaschnig, 26.5.26