„als junger Mann zu direkt und nah“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Kristian E. Kühn, Schriftsteller _ München 16.4.2026

Ingeborg Bachmann _ Kristian E. Kühn

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Kristian E. Kühn, Schriftsteller

Lieber Kristian, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?  

Eine Gretchenfrage – wie stehe ich zu Ingeborg Bachmann? Gerade als mittlerweile alter weißer Mann. Sie impliziert und fordert so viel. Als ich anfing Literatur zu lesen, so mit 14/15 Jahren, fand ich Camus und Beckett, vielleicht auch Salinger spannend. Mit Gedichten konnte man mich jagen! Sofern ich sie verstand, forderten sie zu viel. Als ich mich selber ausdrücken wollte, stieß ich auf Peter Handke. Als ich dann merkte, dass er immer schneller, besser, größer das machte, was ich versuchte, wandte ich mich dem Film zu, vielleicht weil man da mehr vertuschen und zugleich aufbauschen kann. Da tauchte er zum Glück nur kurz auf.

Zurück zur Frage nach Ingeborg Bachmann. Handke sprengte ja gewissermaßen auch mit seiner „Publikumsbeschimpfung“ die Gruppe 47, die allerdings zu der Zeit wohl schon marode war. Später begegnete mir Ingeborg Bachmann, als eine Art Ikone der Gruppe 47, durch Frauen, mit denen ich bekannt wurde, weil sie von ihrer Affinität zur Liebe begeistert waren. Und auch Peter Handke hat ja sehr positiv über sie geschrieben. Er hielt sie bekanntlich für eine der bedeutendsten Stimmen der österreichischen Literatur und sprach von ihr und ihrer „Poesie der Ränder“ bewundernd als das, was ihn selber literarisch sehr geprägt habe.

Ich für meinen Teil war dann mittlerweile mehr bei den sog. jungen Wilden, bei Rolf Dieter Brinkmann und Thomas Kling, der von ihr angeblich nicht so angetan war, vielmehr sie „gehypt“ sah und ihr eine „artifizielle Schneewittchenhaftigkeit“ attestierte. Also Kitsch und Aufbauschen ins Künstliche, um an ihrem Ikonenstatus zu rütteln.

Kurzum, Bachmann war für mich als junger Mann zu direkt und nah. Ich ließ sie nicht heran.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus? 

Bei gleichzeitig sehr hohem Ton, dann wieder klassisch, elegant fast Sapphos vergebliche Liebesmüh mitschwingend, in Prosodie, natürlich auch und vor allem Celan. Ich denke, dass Ingeborg Bachmann das Seelische und die Liebe so an den Körper band und damit auch an die Vergänglichkeit und den Tod, diese ganze archetypische Spanne gleichzeitig – es ist aber keine Hingabe, dann wäre es eher wie bei Emily Dicksinson, eine Andeutung, dass die Sonne sinkt, mehr Aufruf zur Hingabe, mehr Archetyp und Drama, Kulmination. Wenn Hingabe, dann als Tragödie. Ich will nicht sagen, das mögen Männer nicht, aber ihnen stellen sich dann irgendwie die Nackenhaare auf. In Habachtstellung, nicht gejagt werden zu wollen.

Was ist es, das sie von den anderen großen Dichterinnen wie Hilde Domin, Ilse Aichinger, Sarah Kirsch, Christine Lavant, Friederike Mayröcker oder auch Elke Erb abrückt? Ihr grauenvoller Feuertod? Ihre verzweifelten Männerkontakte? Ich denke, die anderen sind allesamt, wenn auch sehr unterschiedlich, weniger körperbezogen. Das macht Ingeborg Bachmann „orphisch“, zur Seherin, weil sie von Angesicht zu Angesicht dem Gegenüber durch die Augen sieht, auch wenn die Blicke oft nur kurz sind, auf den Video- und Filmmitschnitten. 

Oft spricht einen die Bachmann ja auch direkt an, als sei der Leser auch Liebender, oder verlorener, nicht mehr zu rettender Geliebter, wie in einer verkappten Anklage oder zumindest direkten Rede. Als Video auf youtube ist „Dunkles zu sagen“, nicht so pathetisch im hohen Ton, über Orpheus, der auf den „Saiten des Lebens den Tod“ spiele. Sie erinnert nun ihren Geliebten daran, dass er am Morgen auf ihrem nassen Lager den dunklen Fluss gesehen habe, als flöße dieser durchs Bett, auch dir der Fluss, „der an dir vorbeizog.“ 

Und ich gehör dir nicht zu.

Beide klagen wir nun.

Aber wie Orpheus weiß ich

auf der Seite des Todes das Leben,

und mir blaut

dein für immer geschlossenes Aug.

Stets hat sie Angst, ihre Augen zu verlieren und mit diesen ihre

Imaginationskraft, ihren orphisch fordernden Blick.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben? 

Eigentlich nicht. Aber wenn schon aufgefordert, dann ihren Paian „An die Sonne“. oder „Reklame“ (immer ohne Sorge, sei ohne Sorge!

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ach, matriarchale, patriarchale Zerstörung. Die Welt war immer ein Trümmerfeld, nur selten für kurze Zeit mal nicht. Sie sei von Celan „affiziert“, heißt es von ihr in einem Brief zu ihrer Arbeit an der gestundeten Zeit. Und sie setzte sich massiv für die Aufnahme Celans in die Gruppe 47 ein, obwohl dieser sie brüsk nach 1950 abgewiesen hatte und heiratete. Bachmann schien angeblich sowieso auch noch bei der Männerwelt ganz andere Instinkte angesprochen zu haben, sagt die Männerwelt, sich entschuldigend. Die Frage, ob beabsichtigt oder unbewusst, egal, ihre Mischung aus Eleganz, Schüchternheit und Koketterie soll legendär gewesen sein. 

Ich kannte mal Karin Struck ein bisschen näher, und auch hier – da oben in Norddeutschland – war es diese Sehnsucht nach einer anderen Männerfigur, sie sprach immer, damals wie sowieso fast alle, vom Arbeiterjungen, die Ballerina und der archetypische Mann als junger, sozialistisch-prägsamer, muskulöser, aber einfach aufgestellter Arbeiter, ohne fehlgeleitete, verbogene Allüren, sondern selber ein Underdog, usf. Wichtig hierbei, diese Empfindung, underdog zu sein, selber auch, überhaupt und alle. Das Problem war nur, meistens wurde diese Idee männlicherseits abgelehnt, ignoriert, verachtet, als nicht passend verspottet. Vor allem auch von der Arbeiterjugend. Die Interessenslage war zu unterschiedlich. Manchmal setzte es auch damals Prügel. Das war der moderne Mythos zu meiner Jugendzeit, die befreite oder sich befreiende Frau und das golemartige, schlichte Gemüt eines formbaren (unverformten) Mannes, bei Bedarf Samenspenders. Dass das eine sehr säkularisierte Form des Denkens ist, denn in den vererbten Genen würde immer wieder diese alte Männeridee auftauchen und würde zu viel Arbeit bei der Erziehung und Sozialisation in einer Frauenwelt führen. Seis drum.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Trotz aller Kämpfe scheint sie mir – wie Sylvia Plath und auch Karin Struck – ausgesprochen an Männern orientiert und auf diese bezogen gewesen zu sein. Dass das im Leben dieser Frauen, Karin Struck, Sylvia Plath und auch Ingeborg Bachmann zu Problemen führte, liegt auf der Hand. Vor allem bei ProfiIntellektuellen und feinsinnig verstrickten Dichtern, von denen sie trotz allem bekanntlich nicht lassen konnte. Ich denke aber, zu weiten Teilen ist diese damalige Hoffnung längst aufgegeben worden – der westliche Mann gilt heute insgesamt primär als uneinsichtig, unbrauchbar, quasi ein Feind einer schöneren (lebenswerteren) Zukunft. Inwieweit dies mit heutigen Transgender- und Transhumanismus-Bestrebungen zusammenhängt, ist für die Frage nach Ingeborg Bachmann, glaube ich, nicht so relevant. Denn trotz aller Kämpfe scheint sie mir – wie Sylvia Plath und auch Karin Struck – sehr polar orientiert gewesen zu sein.

Und dennoch, bei Ingeborg Bachmann finden sich schließlich bereits Indizien einer Abwendung vom europäischen Typ des Mannes. Immer wieder herangezogen wird dafür ihr Gedicht „Liebe. Dunkler Erdteil“. Dieser späte lyrische Text, sie schrieb ja nurmehr vorwiegend Prosa, wird als Grundtext feministischer Interpretation und Genderstudien bei ihr heute gerne vorgezeigt:

„Um den Äquator sinken alle Schranken.

Der Panther steht allein im Liebesraum.

Er setzt herüber aus dem Tal des Todes,

und seine Pranke schleift den Himmelssaum:“

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Die Aussage eines angeblich seltsamen, absonderlichen Schreibens als Art der Existenz leuchtet mir ein und ist ja bekanntlich auch fast ein Allgemeinplatz für Dichten und Imaginieren generell, wenn nicht nur journalistisch einem Thema nachgegangen wird, sondern es tatsächlich innerlichen Zugang findet.

Die Zusatzfrage, inwieweit es sich dabei um ein Martyrium handelt, weniger. Es sei denn, man sieht in dem Vorgang versuchter Selbsterkenntnis bereits ein Martyrium, weil es anstrengend ist, sich im Spiegel so tief zu betrachten, dass man durch ihn hindurchzusehen, ja womöglich ihn zu passieren lernt. Klar, dieser Vorgang kann gefährlich werden, passieren ist ja auch immer ein Unvorhergesehenes, weil Zustände und Anhaftungen wie in der Tarotkarte 16 (Der Turm) dann Gefahr laufen, zusammenzubrechen, einzustürzen, zu verbrennen – zu ent-täuschen. Ich denke aber, ehrlich gesagt, das geschieht mehr oder weniger so gut wie allen sich selbst Suchenden, oft so um die 50, sei es, dass ihnen Grundlagen entzogen werden, privat, oder vom Körper oder beruflich, sei es, dass sie sich von selber schreibend oder sonst wie „häuten“. Wandlungen müssen nicht ein Martyrion (griech. „Blutzeugnis“) sein oder stigmatisierende Langzeitschäden hervorrufen. Im Gegenteil, sie können befreiend sein und dem eigenen Werdegang als Zielausrichtung das Leben ebnen (Bios im Gegensatz zu Zoē). Nehmen wir das Bild der Raupe, die Schmetterling werden „muss“ – ob sie will oder nicht. Gelegentlich läuft da in der Natur auch was schief. Und dann wird sie ihre Bestimmung nicht erreichen. 

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben? 

Sie hat ja wohl, wenn das nicht zu oberflächlich jetzt ist, relativ früh das Gedichteschreiben in den Hintergrund gestellt und sich der Prosa, den sogenannten Todesfolgen und -arten zugewandt. Denn eins ist klar, Prosa, so wie ich sie hier fasse, kann viel intensiver und tiefgehender in die Persönlichkeitsstrukturen greifen, so komisch das klingen mag, als Lyrik, die ja doch immer zugleich auch etwas Abstraktes hat. Ich habe hier beim Wiederlesen ihrer Prosafragmente „Der Fall Franza / Requiem für Fanny Goldmann“ vorne im Buch eine Din-a3-Kopie einer Rezension der Süddeutschen Zeitung von 1979 gefunden, geschrieben von Joachim Kaiser, dem Literaturpapst, neben Marcel Reich-Ranitzki damals. Die lange Besprechung endet mit dem Erstaunen über ihren Vermerk, „die Schauplätze der raffinierten und intellektuell gezeugten Verbrechen, von denen hier die Rede sei, seien zwar Wien, Kärnten und alle möglichen Wüsten, dann aber kommt die These: „Die wirklichen Schauplätze, die inwendigen, von den äußeren mühsam überdeckt, finden woanders statt. Einmal in dem Denken, das zum Verbrechen führt, und einmal in dem, was zum Sterben führt.“ Bei der Lektüre füllen sich diese Sätze mit erschreckender Anschaulichkeit.“ Soweit Kaiser.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt? 

Nichts. Höchstens, dass ich auch in meiner Zeit um die vierzig im Schlaf träumte, als ich sehr im Stress war, beim Film und voller Gefühle, ich würde rauchen und mir die Finger verbrennen, und ich von dem Schmerz aufwachte und tatsächlich eine brennende Zigarette in der Hand hatte. Damals. Aber das wäre despektierlich. Denn ihr Körper soll schließlich von den vielen Narkotika und Pillen bereits sehr abgestumpft und schmerzunempfindlich gewesen sein.

Also nichts. 

Was sind Deine aktuellen Projektpläne? 

Ich komplettiere gerade zwei längere Erzählungen aus meiner Filmzeit, die ich abgebrochen hatte, die eine darüber, warum mein langjähriger Versuch, Gustav Meyrinks „Das grüne Gesicht“ zu verfilmen, letztlich doch nicht geklappt hat. Sie wird voraussichtlich „Knispels Hausbesuche“ heißen.

Und die andere aus meiner frühesten Schreibzeit über den Tod einer jungen Frau, die von Gutmenschen und Suffragetten wegen Fehlverhaltens ihre Kinder weggenommen bekommt. Sie hat den Arbeitstitel „Inflation der Gefühle“.

Letzteres getriggert bei mir damals durch Lou Reed: The Kids: 

They’re taking her children away

Because they said she was not a good mother

They’re taking her children away

Because of the things that they said she had done

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten? 

Natürlich, nicht mit Lou Reed enden, sondern mit Ingeborg Bachmann! Aus der Anrufung des großen Bären, I – Das Spiel ist aus, vor allem die vorletzte Strophe, und da wieder die zweite Zeile: „Jeder, der fällt, hat Flügel“. 

Es ist eine schöne Zeit, wenn der Dattelkern keimt!

Jeder, der fällt, hat Flügel.

Roter Fingerhut ist‘s, der den Armen das Leichentuch säumt,

und dein Herzblatt sinkt auf mein Siegel.

Je mehr ich mich mit ihr beschäftige, desto mehr bewundere ich sie.

Herzlichen Dank für das Interview!

Kristian E. Kühn, Schriftsteller

Zur Person: Kristian Kühn, Schriftsteller _ Drehbücher, Prosa, Lyrik. Essays. Seit 2010 Mitorganisator des Lyrikpreises München. Seit 2013 Herausgeber des Online-Magazins Signaturen. https://signaturen-magazin.de/ Wohnt in München.

Fotos_ Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Foto_Kristian E.Kühn _ privat.

Walter Pobaschnig, 30.3.26 

https://literaturoutdoors.com

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