„Sie macht Mut, an Grenzen zu gehen“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Pola Polanski, Künstlerin _ Stuttgart 17.3.2026

Ingeborg Bachmann _ Pola Polanski

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Pola Polanski, Künstlerin, Schriftstellerin

Ingeborg Bachmann _ „Bildserie „Das Rumoren der Toten“_
Pola Polanski, Künstlerin, Schriftstellerin, folgende

Liebe Pola, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ich habe Texte von ihr mit Anfang 30 gelesen. Das Todesarten-Projekt, Malina und Gedichte.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ihr Schreiben ist fragmentarisch und ganz besonders freut es mich, wie sie in die Gruppe 47 in der Nachkriegszeit als eine der ersten Autorinnen aufgenommen wurde.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ja, Malina. Viele finden ihre Gedichte großartig, aber ich komme von der Prosaecke und von daher ist mein Liebling „Malina“.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Sie ist/war eine Vorreiterin. Sie hat einiges vorweggenommen.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Ich glaube, diese Beziehung zu Max Frisch hat sie kaputt gemacht. So ein übler Patriarch, der ihre Arbeit in seinen eigenen Texten ausschlachtete. Die Beiden hatten Krieg.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Alle guten Autor:innen, die Prosa oder Lyrik schreiben, sind verletzlich. Für sie ist das Schreiben ein Kanal. Nur sehr wenige Menschen haben diesen Kanal, der Kunst kreieren kann.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Sie war eine Vorreiterin für weibliches Schreiben. Sie macht den späteren Schriftstellerinnen Mut, an Grenzen zu gehen.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Wollen wir einen Kaffee trinken gehen?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Im Moment ist mein Buch „Ich bin Nelly Sachs“ vor der Veröffentlichung. Vielleicht gelingt es noch zur Buchmesse in Leipzig. Als nächstes Schreibprojekt steht „Ich bin Inge Müller“ an. Über Ingeborg Bachmann schwebt immer noch ein riesiger Hype, so dass Literaturwissenschaftler meinen, über sie könne man keine Texte mehr schreiben.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

»Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.«

Dieses Zitat nehme ich gerne mit. Siehe der gerade ausgebrochene Iran-Krieg und natürlich der Ukraine-Krieg. Weibliches Schreiben sollte pazifistisch sein, was in vielen meiner Kunst- und Literaturprojekten praktiziere.

Herzlichen Dank für das Interview!

Pola Polanski, Künstlerin, Schriftstellerin

Zu Person/Werk: Pola Polanski – The dark Side of the World

Zum Projekt: Pola Polanski _ Das Rumoren der Toten

Das Zunehmen von rechtslastigen Politiker:innen auf der Welt, so auch in Deutschland,
hat mich dazu bewogen, an die Geschehnisse und das Grauen im zweiten Weltkriegs zuerinnern. Noch heute rumoren die vielen Toten durch die Zeit. Meine Arbeiten stellen ein Mahnmal dar und appellieren an die künstlerische Freiheit.

Erstens male ich Portraits von Künstlerinnen
und Schrifstellerinnen, die im Nationalsozialismus gelebt haben,  in schwarz-weiß
Überlebensgröße (160 x 200 cm groß) Kohle auf Papier. Hier ist das Medium die Message. Kohle deshalb, weil es an die Asche, den Staub, den Ruß der verbrannten Leichen erinnern soll).

Zweitens male ich kleinere Portraits von den Frauen, die vom Nationalsozialismus tangiert worden sind,  im Format DIN A 3 in der Technik Tusche auf Papier.

Dritten versuche ich mir in kleinen Zeichnungen (A5) das Unfassbare, das dieser
Krieg angerichtet hat, klarzumachen in der Technik Fineliner in schwarz auf Papier.

So hat die Lyrikern Nelly Sachs zum Beispiel viele ihrer letzten Lebensjahre in Psychiatrien wegen Paranoia vor den Nazis verbracht. Auch das Beispiel der Lyrikerin Gertrud Kolmar ermahnt daran, was im Nationalsozialismus passiert ist. Sie wurde in Auschwitz vergast. Das nationalsozialistische Dritte Reich bedeutete auch Gewalt gegen Frauen, Kinder und Künstler:innen.

Folgende Frauen habe ich bis jetzt portraitiert:

Nelly Sachs, Gertrud Kolmar, Charlotte Salomon, Käthe Kollwitz, Else Lasker-Schüler,
Leonora Carrington, Gerlind Reinshagen, Elsa Morante, Ingeborg Bachmann, Selma Meerbaum, Ilse Aichinger, Elfriede Lohse-Wächtler, Ida Dehmel, Hannah Arendt, Edith Stein, Anna Seghers, Elfried Jelinek

Elfriede Jelinek _ „Bildserie „Das Rumoren der Toten“_
Pola Polanski, Künstlerin, Schriftstellerin.

Fotos/Bilder: Pola Polanski

Walter Pobaschnig   2.3.2026

https://literaturoutdoors.com/

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