„als  Harnisch gegen die Sprach- und Gedankenverarmung“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Barbara Deissenberger, Schriftstellerin _ Wien 20.2.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _  Barbara Deissenberger, Schriftstellerin

Liebe Barbara, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Ich habe vor allem während des Literaturwissenschaftsstudiums viel von ihr gelesen. Aber nicht, um ihre Texte für Arbeiten zu analysieren, sondern nur für mich. Begonnen habe ich mit den Kurzgeschichten, die mich sofort in ihre hochpräzise und hochpoetische Weltwahrnehmung – sowohl im Emotionalen als auch im Rationalen – hineinzogen. Es folgte „Malina“, das mich nicht nur vom Inhalt, sondern auch von der Struktur her fasziniert: diese Kombination vieler verschiedener Elemente in einem Roman: fragmentarische Telefongespräche, Interviewantworten auf Fragen, die man nicht immer erfährt, Musikfragmente, Märcheneinschübe, Briefantworten, Gedichte, Geschichtenanfänge, Traumvariationen, Zeitungs- und Radionachrichten  … – O.K. man merkt, ich kann auch privat ein gewisses Analysieren nicht lassen. Aber Bachmanns Texte fordern das heraus. Sie war ja auch promovierte Philosophin. Ihre Texte sind komplex strukturiert und sie verdichtet abstrakte Reflexionen in literarischer Form darin. „Malina“ ist der erste Band der von ihr geplanten Todesarten-Triologie. Auch darin findet sich in hochkonzentrierter Form viel von der vorangegangenen Sprach-und Gedankenarbeit für den ganzen Romanzyklus wieder. Nach Bachmanns Prosatexten stieß ich auf ihre Hörspiele. Erst später begann ich ihre Lyrik zu lesen, diese dafür immer wieder: als  Harnisch gegen die Sprach- und Gedankenverarmung unseres Überinformations-Zeitalters, zum Aufrichten in Krisen, zum Innehalten in Genuss und als Erinnerung daran, was zählt im Menschenleben.

Barbara Deissenberger _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien 19.1.2026 _
Undine geht, Ingeborg Bachmann, 1961 _
Walter Pobaschnig, folgende

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?

Die Verbindung eines präzisen, höchst ausgebildeten Intellekts mit hoher Emotionalität, Empathiefähigkeit und scheinbar unbegrenzten poetischen Ausdrucks- und Darstellungsmöglichkeiten, auch in anderen Sprachen. Letzteres zeigt sich etwa in Text-Einsprengseln aus dem Slowenischen, Italienischen, Ungarischen, Französischen und Englischen. 

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ich finde, die Kurzgeschichten „Jugend in einer österreichischen Stadt“, „Unter Mördern und Irren“ und „Undine geht“, ihr Roman „Malina“ und das Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ sollten in jedem offiziellen und inoffiziellen Bildungskanon deutschsprachiger Schulen aufgenommen werden.

Als Schriftstellerin und Mensch berührt mich außerdem immer wieder auch ihr Gedicht “Mein Vogel“. Hier einige Zeilen daraus:

Was auch geschieht:

die verheerte Welt sinkt in die Dämmerung zurück,

einen Schlaftrunk halten ihr die Wälder bereit,

und vom Turm, den der Wächter verliess,

blicken ruhig und stet die Augen der Eule herab.

Was auch geschieht:
du weißt deine Zeit, mein Vogel,
nimmst deinen Schleier und fliegst durch den Nebel zu mir.

(…)

Mein eisgrauer Schultergenoss, meine Waffe,

mit jener Feder besteckt, meiner einzigen Waffe!

Mein einziger Schmuck: Schleier und Feder von dir.

Diese Zeilen sind – wie fast alles von Bachmann – zeitlos und geben mir Halt, wenn rundherum die Welt in Krisen zusammenzubrechen scheint. „Was auch geschieht …“ – Die Hoffnung auf ein Ausatmen, Ruhe und einen neuen Tag soll bleiben und eine Kunst, die auch die meine sein darf, zu mir kommen.

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Diese  pauschale Gültigkeit sehe ich heute in vielen Ländern unserer Zivilisation nicht mehr. Wo der Wille zur Entwicklung, eine gewissen Offenheit und womöglich noch das Zusammenleben mit einer Frau da sind, können die blinden Flecken im  androzentrischen Weltbild eines Mann schon „geheilt“ werden. Empathie kann man weitergeben und bis zu einem gewissen Grad auch lernen. Das schreibe ich als Mutter eines Sohns. Wenn das, was man heute social skills nennt, höher geschätzt würde als Konkurrenz- und Leistungsdenken, könnte es sich auch durchsetzen. Damit wäre viel gewonnen. Es sind nicht alle Männer unheilbar krank, aber das Patriarchat als Gesellschaftssystem eines Großteils unserer Welt ist womöglich unausrottbar. Selbst wenn es mit imperialistisch-ökonomischen Dominanz-Strukturen den Planeten soweit zerstört hätte, dass das Leben aller zum reinen Überleben wird, könnte das Recht des Stärkeren (weiter) regieren bis zum Ende. Da bin ich pessimistisch.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Nein, sicher nicht. Bachmann beschrieb mit solchen Aussagen wohl eher die Reaktionen und Zuschreibungen der Gesellschaft auf eine Schriftstellerin in ihrer Zeit. Verdammt, einsam und asozial wird man doch durch die anderen: ein Fremdbild verzerrt im vermeintlichen Spiegel eines Selbstbilds. Sie sagte ja auch: „Ich existiere nur, wenn ich schreibe.“ Damit drückt sie die Notwendigkeit aus, die manche Menschen scheinbar mehr als andere dazu treibt, eine bestimmte Kunst zu schaffen. Für mich ist es seelische und geistige Bereicherung, Kunst betreiben zu können. Und ein Luxus, weil ich materiell nicht davon leben kann.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ohne Ihr Werk wäre die Welt ärmer und viele aus dieser Generation könnten sagen: „Wir haben es damals nicht besser gewusst.“ Mit Ihrem Schreiben aber haben Sie einen sprachgewaltigen Wall des Wissens dagegen errichtet. Ich danke Ihnen.

Fragen würde ich sie: „Warum haben Sie sich/Ihrem Körper das angetan?“

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Mein neues Roman-Manuskript aus dem Genre Climate Fiction erwartet noch den letzten Schliff und wird hoffentlich im nächsten Jahr publiziert. Aktuell schreibe ich an zwei kurzen Texten, um mich für einen Preis und für eine Lesung zu bewerben. Danach möchte ich mich meinem ersten Lyrik-Band widmen. Sobald das bestehende Roman-Manuskript unter Dach und Fach ist, werde ich wohl auch frei genug sein, um den nächsten Roman zu beginnen. Die Idee dafür habe ich schon. Er würde sich diesmal unter anderem stark um Musik drehen – auch eine Kunst, die ich in meinem Leben nicht missen möchte.

Barbara Deissenberger _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien 19.1.2026 _
Undine geht, Ingeborg Bachmann, 1961 _
Walter Pobaschnig, folgende

Herzlichen Dank für das Interview!

Barbara Deissenberger, Schriftstellerin _ Wien

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann

Fotos: Barbara Deissenberger _ performing „Undine geht“ _ Donau/Wien 19.1.2026 _
Undine geht, Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 29.1.26

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