
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Dana Grigorcea, Schriftstellerin
Liebe Dana, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein Zugang zu Ingeborg Bachmann ist erstmal ein biografischer: Ich entdeckte sie in den 90er-Jahren, den Wendejahren, als ich Schülerin war an der Deutschen Schule Bukarest. Der deutschen Sprache war ich kaum mächtig, musste jedes zweite Wort im Wörterbuch nachschlagen, und die rumänische Sprache war sehr floskelhaft, nach der 40-jährigen Diktatur, also drückte ich mich darin immer etwas antiquiert aus, wie in der Literatur der Zwischenkriegszeit. Ingeborg Bachmann wurde für mich sofort eine Schwester, über Zeiten und Landesgrenzen hinweg, denn auch für sie war die Sprache kein verlässliches Instrument, sondern oft ein schneidendes, dass ihre Verletzlichkeit preisgab. Zugleich hatte sie einen unbedingten Willen, der Sprache etwas abzuringen – das hat auch mich befeuert im Kampf mit dem Ausdruck, auf Deutsch wie auf Rumänisch.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Das Besondere an ihrem Schreiben ist das Kreisen um Machtverhältnisse, um Gewalt, die oft leise und unsichtbar ist, und um die Frage, wie sehr Sprache selbst Teil dieser Gewalt sein kann. Sie hat eine radikale Ernsthaftigkeit, einen tiefen moralischen Anspruch an die Literatur. Diese Haltung empfinde ich heute als besonders herausfordernd und nötig.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Ja, die Erzählungen aus „Das dreißigste Jahr“, vor allem die Texte „Unter Mördern und Irren“ und „Alles“. Hier zeigt sich Bachmanns präziser Blick auf Nachkriegsgesellschaften, auf Verdrängung, Anpassung und stille Brutalität. Ich interessiere mich stark für diese Zwischenzonen der Freiheit: dort, wo keine offenen Diktaturen herrschen, aber Freiheit dennoch beschädigt ist – durch Konvention, Angst, Schweigen.
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Ich kann mir vorstellen, wie Ingeborg Bachmann rauchend und mit Sonnenbrille dies sagte. Dass sie die patriarchale Welt ihrer Zeit kritisieren wollte, ist völlig legitim, gewiss, aber sie wollte mit radikalen Aussagen auch provozieren, von sich zu reden geben – fast sehe ich ihren Instagram-Account …
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Für sie ja, für mich nicht. Ich bin dankbar, dass ich zur Literatur gefunden habe, mein Leben lesend und schreibend verbringe. Ich muss beim Schreiben immer auch lachen.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich wäre gerne mit ihr spazieren gegangen, durch Wien, Kärnten oder durch Rom. Sie war, wie ich, eine leidenschaftliche Spaziergängerin. Gespräche hätten sich im Bewegungsfluss ergeben, sicher gute.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Mein neuer Roman, «Tanzende Frau, blauer Hahn» erscheint jetzt im März, ein Roman über Liebesvariationen. Ich freue mich auf die Lesungen daraus und überhaupt auf die Orte, an die mich die Lesereise bringen wird. Im April ist zudem das Literaturfest München, dessen aktuelle Ausgabe, zum Thema «Freiheit», ich kuratiere.
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann
Foto: Dana Grigorcea _ Ayse Yavas
Walter Pobaschnig 6.2.2026