
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Rom um 1971
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview: Lojze Wieser, Verleger, Autor
Lieber Lojze, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Als ich knapp zwanzig Jahre war, las ich das Honditschkreuz, das Ingeborg Bachmann mit siebzehn Jahren, noch während des Krieges, geschrieben hat. Sie eröffnet die Geschichte mit der Erwähnung der „Windischen“. Das war zu der Zeit, Mitte der Siebziger Jahre in meinen Augen (und vieler in Kärnten lebender Slowenen) ein politisch verbrauchtes Wort, dass die slowenische Sprache deformierte. Wie sie es gebrauchte, darüber machte ich mir keine Gedanken, das Politische überwog das Literarische. (siehe Anhang)
Viel später las ich die Gedichte Prag Jänner 1964 und Böhmen liegt am Meer sowie die Vorlesung Umgang mit Namen von Sigrid Weigel zum Zauberatlas von Ingeborg Bachmann und habe erst im Laufe der Jahre sie und ihr Werk zu verstehen begonnen. Ich schämte mich regelrecht über mein jugendliches Ungestüm, zumal ich nicht verstand, dass die junge Bachmann schon damals auf der Suche danach war, wo sie hingehört.
Siehe Anhang: WINDISCH
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Ich möchte Hans Höller antworten lassen, der vor zehn Jahren in Der Standard schon alles sagte, was zu Ingeborg Bachmann heute lesen zu sagen wäre:
Balzac hätte sie beneidet um diese lyrischen Ausbrüche, diese weit zurückhörenden Erinnerungsfetzen, diese Gedichte in der Romanprosa, in deren evokative, freche und ungehobelt schöne Sprache sogar der nüchterne Bruder in Das Buch Franza verfällt, wenn er die Schwester in ihrer einstigen Jugendgestalt beschwört in seiner Anrufung, die eine Litanei aus Kärnten ist, aus der österreichisch-slowenischen Dorfwelt, voll von magischen und antiken Einsprengseln: „Enigma, meine einzige Schwester, anima, meine Dorfelektra, meine Wilde von Tschinowitz und von den Blechhütten, meine Schwimmerin aus der Gail, meine anima. Meine Blöde vom Land, meine kleine Idiotin, meine gegrillte Seele, wenn ich eine habe, meine einzige und meine nicht vorhandene“ (Das Buch Franza (Todesarten)).
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Das Honditschkreuz, das Frühwerk der Autorin, dem ich in meiner Jugend unrecht getan habe. Auch hier soll Hans Höller zu Wort kommen:
Die Erzählerin hätte aber noch immer auch den alten Mut, die Unbekümmertheit, die Freiheit und den Glanz, die in ihren Büchern leuchten, die „goldne gallizische Haut“, die man ihr so oft abziehen wollte – und ihre kärntnerisch-slowenische Empörung aus der Zeit der NS-Verbrechen gegen die österreichisch-slowenische Bevölkerung, als sie 1943 mit 17 Jahren die Erzählung Das Honditschkreuz schrieb.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Im Erzählen!,„… getragen von einer geradezu organischen Sympathie für den gekränkten, krankgemachten Menschen und seine Verstörung im Wahnsinn einer gewaltbereiten Welt.“ (Hans Höller)
„Wie der Schriftsteller die anderen zur Wahrheit zu ermutigen versucht durch Darstellung, so ermutigen ihn die anderen, wenn sie ihm, durch Lob und Tadel, zu verstehen geben, dass sie von ihm fordern und in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen. Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar“, sagt Ingeborg Bachmann anlässlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1959 in Bonn. Wie ist dieses wohl berühmteste Zitat Bachmanns heute als Künstlerin:er in Werk, Leben und Gesellschaft zu verstehen?
Indem man danach handelt und es nicht laufend zitiert!
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Beim Tanz mit Peter Handke damals: Wer von Euch übernahm beim Tanz die Führung? Und: An welche Kindheitsspeise erinnerst Du Dich gerne?
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Das Archiv des Wieser Verlages seit 1987 bis 2024 und des Drava Verlages 1980 -1986 mit erfahrenen Bibliothekarinnen und Bibliothekaren und Archivaren so weit aufzuarbeiten, dass es der Wissenschaft zur weiteren Forschung übergeben werden kann. Es soll zeigen, wie die slowenische Literatur in die weite – deutschsprachige – Welt trat und wie sich süd-ost europäische Literatur in dieser Gehör verschaffte. Weiters bin ich dabei, zu jedem Buch der von mir verantworteten rund 1.800 Bücher einen Kommentar zu schreiben. Warum haben wir uns – als Verlag, im Lektorat und ich als Verleger – entschlossen, dieses Buch ins Programm zu heben und zu finanzieren.
Es wird wohl auch einige Lesungen mit meiner Frau Barbara und die eine oder andere Culinaire L`Evrope Veranstaltung mit Martin Kušej geben.
Es gibt noch viel zu tun. – Lesen, lieben schreiben, kochen, essen, trinken, reisen…
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: Lojze (Alois) Wieser, * 9. Juni 1954 Klagenfurt, Verleger, Autor.
Biografie
Wieser wuchs im Südkärntner Ort Tschachoritsch (Čahorče), Teil der zweisprachigen Gemeinde Köttmannsdorf (Kotmara vas) auf. Nach der Volksschule besuchte er das slowenische Gymnasium in Klagenfurt. In weiterer Folge absolvierte er eine Buchhandelslehre und gründete eine eigene Druckerei in Wien. Von 1981 bis 1986 leitete der Kärntner Slowene den Drava Verlag, der sich auf slowenische Bücher bzw. Übersetzungen slowenischer Literatur ins Deutsche spezialisierte. 1987 gründete er den Wieser Verlag, den er bis 2024 leitete. 2016 übernahm dieser auch den Drava Verlag.
Ausgehend von der Überzeugung, dass Literatur Vorurteile abbauen und Brücken zwischen Kulturen errichten kann, begann er, slowenische, kroatische, serbische, albanische, bulgarische, rumänische, ungarische, tschechische, slowakische und polnische Belletristik in deutschen Übersetzungen zu publizieren und damit fremdsprachige Klassiker im deutschen Sprachraum bekanntzumachen. Er begründete die Reihen „Europa erlesen“, das Kulinarikjournal „Der Geschmack Europas“ und die „Wieser Enzyklopädie des Europäischen Ostens“. Laut Verlagswebsite verlegte Wieser fast 1.000 Werke, darunter rund 350 Übersetzungen aus dem ostmittel- und südosteuropäischen Raum. Er ist selbst Autor und Herausgeber einer Vielzahl an Publikationen zur Kultur im weitesten Sinn (inklusive der Kulinarik).
Von 2013 bis 2024 betrieb Lojze Wieser in ORF und 3sat die eigene Sendereihe „Der Geschmack Europas“. In deren Rahmen er durch europäische Länder und deren Küchen streift, auf außergewöhnliche Menschen trifft und unerwartete Blicke auf Geschichte und Kultur Europas eröffnet. Er zehrt aus eigenen Reiseerfahrungen, erforscht kulturgeschichtliche Hintergründe, gewürzt mit Anekdoten eines weitgereisten Feinschmeckers und Hobbykochs.
Für seine Verdienste um die Kultur-, insbesondere Literaturvermittlung, wurden der Verleger und seine Werke mehrfach ausgezeichnet. Wieser war aber auch das Ziel von Morddrohungen und Anschlägen. 1994 war er einer der Adressaten einer von Franz Fuchs im Zuge dessen Anschlagserie verschickten Briefbombe.
https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Lojze_Wieser 3.2,.2026
Weblink
Wieser Verlag: https://www.wieser-verlag.com/verlag/
Im Wieser Verlag wurden bis dato um 1.300 Bücher, darunter um 400 Übersetzungen aus dem ostmittel- und südosteuropäischen Raum publiziert.
Im Drava Verlag ist Lojze Wieser von 1980 – 1986 für knapp 100 Buchveröffentlichungen und ab 2016 – 2024 für weitere 250 Werke verantwortlich.
Anhang: Die Windischen
Von Janez Stergar
Der Begriff „Windisch“ fungiert als Bezeichnung für die in nationaler Hinsicht nicht bewusste slowenische Bevölkerung in Kärnten. Das alte deutsche Ethnonym für die Slowenen bzw. Slawen – Wenden, Winden, Windische – hat seit der Durchsetzung der modernen Bezeichnung vor allein in Kärnten und in der Steiermark seit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine abwertende oder sogar beleidigende Bedeutung bekommen, da dieser Begriff dort mit dem subalternen gesellschaftlichen Status der slowenischen Bevölkerung sowie mit der vermeintlichen Unterentwickeltheit bzw. „Minderwertigkeit“ der slowenischen Sprache verbunden wurde.
Schon vor dem Ersten Weltkrieg (so etwa in dem Buch Die Wahrheit über Kärnten, 1914), vor allem aber im darauffolgenden Konflikt um die Kärntner Südgrenze wurde mit dem Begriff der „Windischen“ die „deutschfreundlichen“ und „österreichisch-heimattreuen“ Kärntner Slowenen bezeichnet, deren slowenischer Dialekt aufgrund der großen Zahl deutscher Lehnwörter von den deutschnationalen Ideologen als selbständige, „windische Sprache“ betrachtet wurde.
Der Historiker Martin Wutte, der in seinen wissenschaftlichen Arbeiten selbst nur von zwei Ethnien in Kärnten spricht, entwickelte für die deutschnationale Publizistik und Politik die sogenannte „Windischentheorie“, mit den „Windischen“ als einer eigenen ethnischen Gruppe, als einem „Mischvolk“ mit eigener Landes- oder Regionalidentität (Deutsch – Windisch – Slowenisch, 1927). Wuttes Nachfolger behaupteten sogar bis Ende des 20. Jahrhunderts, dass die „Windischen“ gar nicht slowenischer Herkunft seien, sondern Nachkommen alter germanischer Stämme, der Wenden, oder gar der Veneter, obgleich Wuttes „Windischentheorie“ von Sprachwissenschaftler und Historiker sowohl aus Österreich wie auch aus Slowenien wissenschaftlich längst widerlegt wurde.
Eine neue Stufe des Missbrauchs der „Windischentheorie“ als Instrument der Trennung des national nicht bewussten Teiles der slowenischen Bevölkerung in Kärnten (in der slowenischen Publizistik werden dafür meist die Ausdrücke „nemčur“ und „nemškutar“ – slowenische Deutschtümler– verwendet) vom national bewussten Kern der Minderheit, von der Zugehörigkeit zur slowenischen Nation sowie vor allem von der Verbindung mit seinem Mutterland nach dem „Anschluss“ stellten die Delegierung eines gewissen Mikula als Abgeordneter der Kärntner „Windischen“ zur Nationalversammlung sowie die Volkszählung vom 17. 5. 1939 dar. In der „Ostmark“ wurde auch die Zahl der Sprecher des „Windischen“ erhoben: demnach wurden in Kärnten 21.478 (5,15 % der Bevölkerung) als „Windische“ gezählt, neben einem Bevölkerungsanteil von 21.701 Slowenischsprachigen; in der Steiermark waren es 161. In Kärnten bekannten sich weiters 106 Menschen als Angehörige des „windischen Volkes“.
Die nationalsozialistische Praxis wurde auch von der Statistik der Zweiten Republik für die Zählungen zwischen 1951 und 1991 in Kärnten übernommen, wobei 19.728 (4,16 %), 11.469, 3.972, 2.354 und 888 (0,16 %) Bewohner „mit windischer Umgangssprache“ gezählt wurden, bei der letzten Zählung in der Steiermark waren es nur noch 2. Dieses statistische „Aussterben“ des „Windischen“ illustriert faktisch den Übergang von der slowenischen zur deutschen Sprache, die sog. Germanisierung. Eine genaue Analyse zeigt, dass bei der Sprachenzählung „Windisch“ als Umgangssprache „vorwiegend von der bäuerlichen, ländlichen, älteren und weniger gebildeten Bevölkerungsgruppe“ angegeben wurde (J. Zupančič), die dem Assimilationsdruck sowie den Suggestionen und auch nachgewiesenen Fälschungen der Volkszähler selbst stärker ausgeliefert war.
Im Nachkriegsjahrzehnt der britischen Verwaltungszone in Kärnten war allein schon die Bezeichnung „Windisch“ im öffentlichen Gebrauch verboten. Unmittelbar nach der Wiedererlangung der staatlichen Souveränität Österreichs jedoch sorgten antislowenische Kreise dafür, dass am 13. 5. 1956 – wieder nach nationalsozialistischem Vorbild – zwei Vertreter der „Windischen“ in den Kärntner Landtag gewählt wurden, Valentin Einspieler (auf der Liste der ÖVP) und Erich Silla (auf der Liste der FPÖ). Ein Jahr danach wurden sie zum Präsidenten bzw. Vizepräsidenten des Bundes der Windischen gewählt, der sich an den damals neugegründeten antislowenischen Heimatdienst anschloss. Der „Bund der Windischen“ soll nie mehr als zwei Dutzend Mitglieder gehabt haben, ihr Vorsitzender stellte in Bezug auf dieses „Völkchen aus der Retorte“ (Andreas Moritsch spricht von einer „Pseudoethnie“) selbst fest, es läge bei dieser Gruppe „die Tragik darin, dass sie keine geschulte Intelligenz“ gehabt habe, weil diese zur „deutschen Intelligenz“ übergegangen sei. Nach Auffassung des österreichischen Experten Theodor Veiter „war die Erfindung eines windischen Volkes, das mit dem slowenischen nichts gemein haben sollte, in der Zwischenkriegszeit eines der Hauptinstrumente zur Diskriminierung der Kärntner Slowenen, und wie es sich später zeigte, auch eines der effektivsten“.
Literatur:
L. Ude, Koroško vprašanje, Ljubljana 1976; T. Zorn, Vindišarska „teorija“ na avstrijskem Koroškem po drugi svetovni vojni (in: Koroški koledar 1978, Celovec 1977, 162-175); R. L. Lencek, The terms Wende – Winde, Wendisch – Windisch in the historiographic tradition of the Slovene lands (in: Slovene Studies 12/1, 1990, 93-97); A. Moritsch, Das Windische – eine nationale Hilfsideologie (in: Problemfelder der Geschichte und Geschichtsschreibung der Kärntner Slowenen / Problemska polja zgodovine in zgodovinopisja koroških Slovencev, Celovec-Ljubljana-Dunaj 1995, 15-31 (Unbegrenzte Geschichte / Zgodovina brez meja, 1); T. Priestly, Zur Rechtfertigung des Unentschuldbaren: Politische Manipulationen ethnischer Bezeichnungen in Gebieten mit slowenischen Minderheiten in Österreich und Ungarn (in: Slowenische Steiermark, Wien 1997, 297-344; J. Zupančič, Slovenci v Avstriji / The Slovenes in Austria, Ljubljana 1999 (Geographica slovenica, 32).
Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.
Foto: Robert Lachowitz Archiv Wieser 2021.
4.2.2026_Interview_Walter Pobaschnig