„Bachmann misstraut der Sprache, ohne sie preiszugeben“ Geburtstag Ingeborg Bachmann _ im Interview _ Romana Ganzoni, Schriftstellerin _ Celerina/CH 28.1.2026

Ingeborg Bachmann _ Romana Ganzoni

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom, um 1970

100. Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview Romana Ganzoni, Schriftstellerin

Liebe Romana, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Mein Zugang zu Bachmann ist in meiner Jugend und sehr leise entstanden, mit vierzehn, fünfzehn Jahren, ihre Texte waren wie ein Versteck für mich, und das hatte von Anfang an eine körperliche Komponente, ich zitterte im Versteck. Ihre Gedichte bringen mich bis heute zum Zittern, wie das bei manchen Worten, die ich fast nicht aussprechen kann, der Fall ist, manchmal bin ich den Tränen nah, ich muss leer schlucken, atme schneller.

Ihr Werk brachte die Art von Erkenntnis, die ich mir als junger Mensch erhofft hatte, es kam als wiederkehrendes Innehalten. Beim Lesen hatte und habe ich oft das Gefühl, dass ich langsamer und aufmerksamer werden muss. Als würde ihre Sprache mich bitten, nichts zu übergehen, auch mich selbst nicht.

Ich habe Bachmann nicht „verstanden“ im Sinne eines sicheren Besitzes. Ihre Texte bleiben widerständig. Vielleicht ist das mein Zugang. Dass ich mich ihnen nicht als erfahrene Leserin oder „Wisserin“ nähern kann, ich fühle mich jedes Mal neu ausgesetzt und gemeint und gleichzeitig weder angeklagt noch entlastet.

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?

Es ist diese Zurückhaltung, die keine Ausweichbewegung ist. Bachmann drängt sich nicht auf, das hat sie nicht nötig, sie hebt die Stimme nicht, gerade deshalb ist sie so eindringlich. Ihre Sätze wirken bedacht, manchmal vorsichtig, fast tastend, zugleich wissen wir, hier ist nichts zufällig gesetzt.

Ich habe den Eindruck, dass sie der Sprache misstraut, ohne sie preiszugeben. Sie weiss, wie schnell Worte verletzen, beschönigen, verzerren können. Darum ist ihr Schreiben so konzentriert und genau.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Malina ist für mich ein Buch, zu dem ich immer wieder zurückkehre, ohne es mir anzueignen. Vielleicht, weil es weniger erzählt als freilegt. Weil es zeigt, was geschieht, wenn ein Bewusstsein keinen sicheren Ort findet.

Die Gedichte begleiten mich seit Jahrzehnten, und sie werden mich bis zuletzt begleiten. Sie sind eine Konstante für mich und Trost, weil ich bei der Lektüre immer wieder testen kann, ob ich noch „funktioniere“. Und, siehe da!, es gibt mich noch immer oder immer wieder in dieser nervösen Empfindung von einst.

Dies zu Gefühl, Haut und Knochen. Der Kopf ist beeindruckt, wie früh Bachmann gespürt hat, dass Zeit, Geschichte und persönliche Erfahrung nicht voneinander zu trennen sind.

Die Poetikvorlesungen lese ich wie eine Selbstvergewisserung. Schreiben als etwas, das Konsequenzen hat.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ich lese sie nicht als zeitgebundene Kritik. Eher als sorgfältige Beschreibung von Strukturen, die sich fortsetzen, auch wenn sie ihre Gestalt wechseln. Bachmann interessiert sich nicht für Schuldzuweisungen, sondern für Mechanismen, dafür, wie Macht sich tarnt, wie Gewalt sich verkleidet, wie Sprache Normalität herstellt.

Das macht ihre Texte so gegenwärtig. Ausserdem erinnern sie uns daran, dass wir alle immer Teil dessen bleiben, was wir erkennen können.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ein verschattetes Wort, voller Tränen und Blut. Auch Pathos. Ich würde vielleicht, etwas nüchterner, sagen, dass wir bei Bachmann spüren, dass Schreiben für sie kein Schonraum war. Es war etwas, das sie sich nicht erspart hat.

Wenn sie von dieser „absonderlichen Art zu existieren“ spricht, sehe ich darin weniger Selbstbeschreibung als Feststellung. Schreiben als Zustand, der Einsamkeit nicht aufhebt, sondern sichtbar macht. Vielleicht liegt das Belastende nicht im Schreiben selbst, sondern darin, sich nicht abzuwenden.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte ihr nicht viel sagen wollen. Vielleicht nur, dass ihre Texte mich begleiten, ohne sich zu erschöpfen.

Ich hätte sie gern gefragt, ob sie manchmal gehofft hat, weniger genau sein zu müssen.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Schreiben schreiben schreiben.

Herzlichen Dank für das Interview!

Der herzliche Dank gebührt Dir und Deiner Arbeit, lieber Walter.

Romana Ganzoni, Schriftstellerin

Aktueller Roman von Romana Ganzoni: Magdalenas Sünde. Roman, Diogenes, 2022 ISBN 978-3-257-24656-8 https://romanaganzoni.ch/buecher/

Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, Rom, um 1970.

Foto: Romana Ganzoni: Anna Positano

Walter Pobaschnig   1_26

https://literaturoutdoors.com

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