„Wachen Auges nahm Ingeborg Bachmann strukturelle Gewalt wahr“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Monika Vasik, Schriftstellerin _ Wien 26.1.2026

Monika Vasik _ Ingeborg Bachmann

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann auf ihrer Terrasse in Rom, Bocca de Leone, um 1970

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Monika Vasik, Schriftstellerin _ Wien

Liebe Monika, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?

Ich habe während meiner Schulzeit nichts von der Schriftstellerin und ihrem Werk erfahren, weil wir ausschließlich Bücher männlicher Autoren vergangener Epochen durchnahmen, die meisten davon elendslangweilig. Die Literatur der Gegenwart blieb mit Ausnahme von Thomas Bernhards Kurzprosa unerwähnt. Erstmals gehört habe ich den Namen Bachmann 1973 in den Medien nach ihrem Tod in Rom. Ich begann, ihre Werke am Beginn meines Medizinstudiums zu entdecken, zunächst Prosaarbeiten, die mich begeisterten, später ihre Gedichte, die ich bis heute immer wieder gern zur Hand nehme.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Mich beeindruckt, dass sie in einer Zeit, die wenige erfolgreich publizierende Frauen kannte, konsequent ihren Weg als Schriftstellerin verfolgte und patriarchalen Zumutungen trotzte. Spannend an ihrem Werk finde ich, dass es sich nicht einfach weglesen lässt, sondern bei jedem Wiederlesen erneut mein Interesse weckt und am Köcheln hält, mich immer wieder stolpern, innehalten lässt, weil ich an Sätzen und Versen hängenbleibe, mich darin immer wieder ein- und festlesen mag. Manches hat sich mir bis heute auch nach wiederholter Lektüre nicht entschlüsselt, sondern behielt ein Geheimnis, weshalb ich damit noch immer nicht fertig bin.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Ihre immer noch aktuell wirkenden Frankfurter Vorlesungen, in denen sie Probleme zeitgenössischer Literatur analysiert. Zum Einstieg in die Bachmann-Lektüre empfehle ich meist die Erzählungen, vor allem Das dreißigste Jahr, Drei Wege zum See und Undine geht gingen mir noch lang nach meiner Lektüre nah. Und ihre Gedichte, weil es guttut, sich lesend vom Weltenlärm und von sprachlicher Verrohung zu distanzieren, sich in achtsamere Sprachräume zu bewegen und dort zu verweilen.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Ingeborg Bachmann war geprägt durch die Bestialitäten des Zweiten Weltkriegs und durch zerstörte Gesellschaften, die in der Nachkriegszeit wieder aufgebaut werden mussten. Wachen Auges nahm sie die strukturelle Gewalt, die Ausbeutung und Rechtlosigkeit von Frauen wahr, erlebte selbst patriarchale Denkweisen und Machtgefälle nicht nur in ihren Beziehungen zu Männern. Und sie thematisierte dies mit ihren künstlerischen Mitteln, nämlich mit ihrer Sprache. Heute leben wir in einer Zeit der Rückschritte, in der autoritäre Denkmuster wieder im Trend sind. Wir sehen das Zunehmen rechter Ideologien und des Nationalismus, die Wiedergeburt des starken Mannes, des Faustrechts, der Unterwerfung und des Raubrittertums. Nicht zuletzt greifen sprachliche Verrohung, Willkür und Manipulation um sich. Bücher werden verboten, Forschungsergebnisse negiert, vor allem aber steigt die Gewalt gegen Frauen und andere gesellschaftliche Gruppen, die abgewertet werden. Bachmanns Gesellschaftskritik hat daher leider nichts an Relevanz und Dringlichkeit verloren.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Hat Ingeborg Bachmann ihr Schreiben als Martyrium bezeichnet? Vor dem von Dir zitierten Satz hat sie in ihrer Rede jedenfalls gesagt: „ich existiere nur, wenn ich schreibe, ich bin nichts, wenn ich nicht schreibe, ich bin mir selbst vollkommen fremd, aus mir herausgefallen, wenn ich nicht schreibe.“ Das klingt nach einem Aufgehen im Schreiben, einem Einssein mit sich selbst im Akte des Schreibens. Ein Martyrium, wenn man das Wort schon verwenden möchte, wäre dann allenfalls das Nicht-Schreiben, ein Herausfallen aus dem Schreiben und damit der Schritt ins Leben, in den Alltag und in Beziehungsgeflechte.

Ich kann mit dem Geschwätz, dass das Kunstschaffen ein Martyrium sei, nichts anfangen, weil es meist dazu dient, die Existenz als Schreibende sowie die eigenen sprachlichen Leistungen mythisch zu überhöhen. Man gibt sich den Auftrag zu schreiben doch aus freien Stücken. Bachmann wusste, dass „die Erfahrung die einzige Lehrmeisterin“ ist. Als Teenager habe ich zwei Sommer in der Telefonzentrale eines großen Betriebs gejobbt. Danach wusste ich, wie ich mein Leben nicht verbringen wollte: fremdbestimmt, angeschnauzt und missachtet. Sprachmächtigkeit ist etwas Wertvolles. Für mich ist mein literarisches Schreiben stets pure Notwendigkeit, Arbeit und Glück.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ob sie mit der Veröffentlichung ihrer privaten Briefkorrespondenz mit Paul Celan oder Max Frisch einverstanden gewesen wäre?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Mein nächster Lyrikband erscheint voraussichtlich im Herbst 2026. Ein weiterer Band mit politischen Gedichten ist im Entstehen. Und ich arbeite an einem Sachbuchprojekt, das den Brüchen im Leben Wiener Schriftsteller:innen durch den Nationalsozialismus nachspürt.

Herzlichen Dank für das Interview!

Monika Vasik, Schriftstellerin

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Foto:Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.

Foto: Portrait Monika Vasik: privat

Walter Pobaschnig   1_26

https://literaturoutdoors.com

Hinterlasse einen Kommentar