„der Sog des „Ungargassenlandes““ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Ingrid Walter, Schriftstellerin _ Offenbach am Main 24.1.2026

Ingeborg Bachmann _ Ingrid Walter

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann Rom 1962

Im Interview _  Ingrid Walter, Kulturjournalistin, Schriftstellerin

Liebe Ingrid, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Ich bin tatsächlich durch die MALINA-Verfilmung 1991 mit der großartigen Isabelle Huppert in der Hauptrolle stärker auf Ingeborg Bachmann aufmerksam geworden. Das Kinoplakat, auf dem die Huppert so lässig eine Kippe im Mundwinkel hält, war wie eine Initialzündung für mich. Der Titel rot unterlegt, prangte über den Kinoeingängen Frankfurts. Ich sah den Film im Olympia in der Weißfrauenstraße. Das Drehbuch stammt ja von Elfriede Jelinek. Sie war durch ihren 1889 erschienen Roman „Lust“ skandalumwittert in aller Munde. Ich hatte in dem Jahr mein Studium der Germanistik an der Goethe-Universität begonnen und es gab in der Nähe einen „Frauenbuchladen“, in dem ich das Buch liegen sah – und daneben eine Ausgabe von Malina, die ich zwar kaufte, aber erst später las – als der Film herauskam. Für mich waren das neben Anaïs Nin, Simone de Beauvoir und Marguerite Duras erste feministische Stimmen. In ihren Büchern schrieben diese Frauen offen über ihr Verlangen, ihr Liebesleben – aber auch über Gewalt, die ihnen angetan worden war und die ihnen das Leben antat. Bisher kannte ich so eine Art des Schreibens nur von Männern wie Henry Miller.

Die Sprache Bachmanns, die jedes Wort sorgsam zu kauen schien, bevor sie es ausspie, zog mich sofort in ihren Bann. Die Handlung trat gegen die Personen in den Hintergrund, wurde nebensächlich. Vielmehr war das Empfinden und das Denken der Protagonistin im alltäglichen Leben wichtig. Das bewunderte ich.

Denn ich selbst begann gerade zu schreiben und suchte meinen eigenen Ton.

Ingrid Walter, Kulturjournalistin, Schriftstellerin _
Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ 2/24 _ Walter Pobaschnig, f.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Ich sah zuerst den Film MALINA und las danach das Buch, das schon eine Weile bei mir im Bücherregal gestanden hatte. Doch bereits die ersten Sätze zogen mich hinein in dieses „Ungargassenland“, entfalteten einen regelrechten Sog. Der tagebuchartige Stil, der nichts vormachte, keiner Form folgte und keine Handlung erfand, sprach mich ungeheuer an, faszinierte mich. Ich war damals überzeugt davon, dass das Leben selbst genug Handlung bietet, dass man gar nichts erfinden müsse. Auch heute noch schreibe ich nah am Leben. Damals arbeitete ich an meinem ersten Roman, den ich nie beendete, weil das Studium mich bald ganz forderte. Die Protagonistin Carol entstammte meiner eigenen Arbeitswelt, einer großen Werbeagentur. Sie wechselte von Frankfurt nach Budapest, lernte eine völlig andere Welt kennen.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Bachmanns einziger Roman MALINA faszinierte mich gleich durch seine ungeformte Form. Ich las ihn immer mal wieder in unterschiedlichen Lebensphasen. Hin und wieder las ich nur hinein und fand mich sofort in diese graue zähle Stimmung, getragen von einem verzweifelten Sehnen hinein. Später las ich dann auch den Erzählband DAS DREISSIGSTE JAHR, weil das zu meinem eigenen Alter passte – und auch zu meinen wechselnden Gemütszuständen. Oft fand ich für mein eigenes Schreiben neben Studium und Job keinen Raum, fühlte mich schlecht und unnütz. Bereits Jahre zuvor war mir die Erzählung UNDINE GEHT begegnet, als wir uns auf dem Abendgymnasium mit der Gruppe 47 befassten. Wir sahen uns damals Aufnahmen der Lesungen an. Bachmanns klarer Vortrag, eine gewisse Tragik in der Stimme, der mir wie eine Anklage erschien, drang unvergesslich in mich ein. Auch Gedichte, wie „An die Sonne“ und „Exil“ sind mir von damals noch im Ohr. „Diese Worte, die ich halte, um mich als Haus…“ Eine Formulierung, die ich in meiner späteren Beschäftigung mit der deutschsprachigen Exilliteratur einige Male zitierte. Ich las Artikel von Sigrid Löffler, die sich mit Bachmanns Werk befassten, mit großem Interesse – und sah im TV regelmäßig „Das literarische Quartett“. Kurz, Bachmann und ihre Texte, ihre treffenden Bilder, tauchten in meiner literarischen Beschäftigung immer wieder auf.

Auch ihre Beziehung zu Italien sprach mich an, zumal ich selbst an der Uni  Italienisch lernte, formal als Lateinersatz, aber gleich mit viel Liebe und Sehnsucht. Ein Stipendium in Kalabrien 1990 tat ein Übriges dazu. Völlig verrückt fand ich Jahre später bei einer Recherchereise nach Rom heraus, dass ich eine Unterkunft in der Via Giulia, eine Dienstbotenwohnung im Palazzo Sacchetti gemietet hatte. Der Palazzo, in dem Bachmann gelebt hatte – wo sie bei jenem tragischen Brandunglück ums Leben kam und wo sich ihr chaotischer Nachlass fand. Aus dieser seltsamen Begegnung mit Bachmanns Leben und Tod möchte ich seit langem einen Text machen. Vielleicht schaffe ich das in diesem Jahr. Deshalb möchte ich mir unbedingt noch den Band „Senza Casa“ mit autobiografischen Skizzen besorgen, der 2024 erschienen ist. Ich erhoffe mir davon zusätzliche Inspiration.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Bachmann beleuchtete die zerstörerischen Aspekte einer patriarchalischen Welt und Sprache sowie die Rolle der Frau darin als eine der ersten, wobei ich viele ihrer Beobachtungen noch heute aktuell oder wieder aktuell finde. Rechte Ideologien sind europaweit auf dem Vormarsch, Gewalt gegen Frauen steigt stetig an, Sprache verroht zunehmend. Das sehen wir auch an den Shitstorms, denen Frauen auf Internetplattformen immer wieder ausgesetzt sind. Mit Befremden stelle ich dennoch eine rückläufige Entwicklung des Feminismus und einen wachsenden Antifeminismus in den Medien, auch unter Frauen, fest. Man denke nur auf den Trend des „Tradwife“ (Traditional Wife) auf Instagram. Aufklärung und Widerstand, wie von Bachmann gelebt und in ihrem Werk verewigt, erscheint als dauerhafte Aufgabe unserer Gesellschaft.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ja, das empfinde ich zuweilen ähnlich, jedenfalls ist das Schreiben auch eine Form der persönlichen Auseinandersetzung mit sich selbst – das kann manchmal sehr anstrengend und auch zermürbend sein. Zugleich ist es beglückend. Die eigenen Ansichten und Verhaltensweisen, aber auch die Möglichkeiten der Sprache im Schreiben immer wieder zu hinterfragen, zu prüfen und auszuloten, betrachte ich als meine wichtigste Aufgabe im Schreiben. Auch die Arbeit daran, sich immer wieder einen eigenen Schreibraum im Alltag zu schaffen, hört scheinbar nie auf – und weibliche Autoren treibt diese Aufgabe stärker um als die männlichen Kollegen. Denn Frauen erledigen immer noch einen größeren Teil der Care-Arbeit im Alltag.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Was war Italien für dich? Wie hat Italien dein Lebensgefühl und dein Schreiben geprägt? Was war Wien dagegen für dich? Das Ungargassenland. Warst du heimatlos? Fühltest du dich verloren? Welches Werk hättest du gern noch zu Ende gebracht?

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich habe gerade ein Romanmanuskript abgeschlossen, in dem sich eine Frau in der Pandemie-Phase von einem narzisstisch veranlagten Mann trennt. Diese Neigung verstärkt sich während der Pandemie, treibt ihn rechtem Gedankengut zu. Sie bucht ein One-Way-Ticket nach Sizilien auf der Suche nach ihrem Ich, nach Begegnungen mit Gleichgesinnten und einem Ort für sich, einem Haus, in dem sie leben, schreiben und kulturelle Projekte verwirklichen kann.

Außerdem gibt es einen Gedichtband, der bei einem Verlag liegt, von dem ich hoffe, dass er ihn in diesem Jahr veröffentlicht. Darin geht es ebenfalls um das Reisen und um poetische Selbstvergewisserung.

Und ich arbeite an einem Erzählband von Kaffeehausgeschichten, die alle in Wien spielen. Alltagsgeschichten, die nur in der besonderen Atmosphäre des Wiener Kaffeehauses gedeihen können.

Herzlichen Dank für das Interview!

Ingrid Walter, Kulturjournalistin, Schriftstellerin _
Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ 2/24 _ Walter Pobaschnig.

Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.

Fotos: Ingrid Walter, Romanschauplatz „Malina“ _ Wien _ 2/24 _ Walter Pobaschnig.

Walter Pobaschnig   1_26

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