
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Die Familie verbrachte hier regelmäßig Sommer/Urlaubstage bei den Verwandten väterlicherseits im Gailtal.
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Kirstin Breitenfellner, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Kirstin, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ingeborg Bachmann habe ich früh, in meiner Jugend, zu lesen begonnen, in einem Alter, als es noch undenkbar war, dreißig Jahre alt zu sein. Diese Phase dauerte etwa zehn Jahre. Seitdem habe ich Bachmann aber mehr gelesen. Vielleicht kommt ja irgendwann eine neue Phase … Den Beginn damals machten Gedichte im Schulbuch oder in Lyrik-Anthologien wie etwa die „Gestundete Zeit“ oder die „Anrufung des großen Bären“. Die Melancholie Ingeborg Bachmanns hat gut zu meiner Weltuntergangsstimmung in den 1980er Jahren gepasst, wo man sich noch vor dem Waldsterben durch sauren Regen, dem Treibhauseffekt und einem Atomkrieg zwischen Ost und West gefürchtet und der „Spiegel“ prognostiziert hat, dass im Jahr 2000 kein Baum mehr in mitteleuropäischen Innenstädten stehen würde. Die Zeile „Es kommen härtere Tage“ aus „Die gestundete Zeit“ hat bei mir Resonanz ausgelöst. Ebenso die Konsumkritik in dem Gedicht „Reklame“. Oder die Hymne an die Natur „Freies Geleit“. „Die Erde will keinen Rauchpilz tragen“, heißt es darin, was jene, die den Button „Atomkrieg, nein danke“ an der Brust getragen haben, so wie ich, natürlich politisch verstanden haben.

Walter Pobaschnig 12/25, folgende.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Das Besondere ihres Schreibens hat für mich damals die Mischung aus Verletzlichkeit und Aufbegehren ausgemacht. Und natürlich, dass Ingeborg Bachmann eine der wenigen Frauen war, die in den Anthologien vorkamen. Sie war eine Frau, die gesprochen hat – und schon insofern ein großes Vorbild. Und sie war eine Frau, die nicht versucht hat, ihre Weiblichkeit zu leugnen – auch das hat mich angesprochen. Dass sie sich dagegen aufgelehnt hat, wie Frauen gesehen und behandelt werden – und trotzdem als Frau gekämpft hat.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Nach den Gedichten habe ich dann angefangen, ihre Prosa zu lesen, den Roman „Malina“ oder die Erzählung „Das dreißigste Jahr“. Die Probleme der Autorin schienen mir aber eher weit weg. Das lag zum einen daran, dass ich noch zu jung war, um erwachsene Beziehungen zu verstehen. Und zu anderen daran, dass wir geglaubt haben, eh schon voll emanzipiert zu sein und nicht mehr von Männern abhängig werden zu können. Das war vielleicht ein Irrtum, aber trotzdem war das Geschlechterverhältnis damals – den 1968ern sei gedankt – bereits ein anderes als jenes der Welt von Ingeborg Bachmann, die vierzig Jahre vor mir geboren wurde.
Auch ihr Pathos erschien damals schon ein bisschen antiquiert. Als ich Ingeborg Bachmann zum ersten Mal lesen gehört oder gesehen habe – wahrscheinlich im Fernsehen –, bin ich richtig erschrocken, weil sie plötzlich ganz weit weg schien. Genauso wie Thomas Mann, der seinen „Tonio Kröger“ so theatralisch und altvaterisch vorgelesen hat, dass ich mich posthum für ihn geniert habe. Auch Ingeborg Bachmanns Pathos, ihr Leidenspathos, hat auf uns Jugendliche, die cool sein wollten, eher abschreckend gewirkt. Gleichzeitig war man in den 1980er- und 1990er-Jahren immer noch an der existenzialistisch angehauchten Nachkriegsliteratur geschult – und hat nicht wie heute erwartet, von einem Buch unterhalten zu werden. Günter Anders, Max Frisch, Thomas Bernhard – sie alle waren, so wie Ingeborg Bachmann, gesellschaftskritisch. Natürlich aus männlicher Perspektive.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Wenn man sich die Welt von heute, zu Beginn des Jahres 2026 ansieht, kann man Zweifel daran hegen, ob es überhaupt Sinn macht, „zerstörerische“ Kräfte zu kritisieren. Kriege gibt es seit Menschengedenken. Und alle, die geglaubt haben, die Katastrophe der letzten beiden Weltkriege sei ein abschreckendes Beispiel für zukünftige Konflikte, haben nicht mit der Zeit gerechnet. Damit, dass die Generation ausstirbt, die Kriege erlebt hat und es deswegen als ihre Lebensaufgabe sieht, einen weiteren zu verhindern. Und damit, dass Menschen immer gleich „dumm“ auf die Welt kommen und sowieso Teufel tun, auf ältere Generationen zu hören.
Unter anderem deswegen glaube ich auch nicht, dass Ingeborg Bachmanns Werk Antworten auf Fragen der Jetztzeit bieten kann. Ihre politische und persönliche Situation ist zu anders, zu weit weg. Ihr Vermächtnis besteht eher darin, dass sie es gewagt hat, ihre Stimme zu erheben. Auch gegen die gesellschaftliche Mehrheit ihrer Zeit – und etwa den Nationalsozialismus als eine der Ersten schonungslos kritisiert hat. Sich gegen die Mehrheit zu stellen erfordert auch heute noch einen starken Charakter. Ingeborg Bachmann hat Generationen von Frauen beigebracht, dass man nicht warten muss, bis man gefragt wird, sondern dass Frauen etwas zu sagen haben. Manche von ihren Gedichten lösen bei mir auch heute noch Gänsehaut aus, etwa „Freies Geleit“ von 1957 mit Versen wie folgenden: „(…) Die Erde will keinen Rauchpilz tragen, / kein Geschöpf ausspeien vorm Himmel, / mit Regen und Zornesblitzen abschaffen / die unerhörten Stimmen des Verderbens. // Mit uns will sie die bunten Brüder / und grauen Schwestern erwachen sehn, / den König Fisch, die Hoheit Nachtigall / und den Feuerfürsten Salamander. // Für uns pflanzt sie Korallen ins Meer. / Wäldern befiehlt sie, Ruhe zu halten, / dem Marmor, die schöne Ader zu schwellen, / noch einmal dem Tau, über die Asche zu gehn. (…)“

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Wie oben erwähnt, hat der Pathos von Ingeborg Bachmann bereits zehn Jahre nach ihrem Tod antiquiert gewirkt. Genauso die Vorstellung, dass Dichterinnen und Dichter leiden müssen. Ingeborg Bachmann war ein gefeierter Star ihrer Zeit, sie hat vermutlich mehr Bewunderung erfahren und Gedichtbände verkauft als jede lebende Autorin heute. Insofern wird sie von vielen von uns Heutigen wohl eher beneidet. Lyrik galt damals als der Gipfel der Kunst. Während heute Menschen, die „nur“ Gedichte schreiben, eher belächelt werden. In der Nachkriegszeit passierte genau dasselbe mit Prosaautoren – Marlen Haushofer etwa wurde nicht annähernd so ernst genommen und verehrt wie Ingeborg Bachmann, weil sie „nur“ Romane geschrieben hat (nachzulesen in Daniela Strigls formidabler Haushofer-Biografie aus dem Jahr 2000). Das zeigt uns aber auch, dass Moden kommen und gehen. Derzeit erfährt die Lyrik jedenfalls wieder einen kleinen Aufschwung …
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ingeborg Bachmann hat auf mich immer sehr unnahbar gewirkt. Deswegen konnte ich mir nie vorstellen, sie etwas zu fragen. Auch heute nicht.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich überarbeite gerade meinen Roman über ein Frauenschicksal der Kriegs- und Nachkriegszeit, meine Protagonistin ist etwa zehn Jahre jünger als Ingeborg Bachmann – und keine Künstlerin. Deswegen sind ihre Lebenswege kaum vergleichbar.
Herzlichen Dank für das Interview!

Walter Pobaschnig 12/25
Aktueller Roman von Kirstin Breitenfellner: „Maria malt“ Picus Verlag, 2022 _ dabei steht Leben&Werk der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig (1919 – 2014) im Mittelpunkt. https://literaturoutdoors.com/2022/08/29/maria-malt-kirstin-breitenfellner-picus-verlag/
Foto: Ingeborg Bachmann: am Presseggersee/Gailtal, um 1939 _ Familienarchiv Bachmann,
Fotos: Kirstin Breitenfellner: Walter Pobaschnig _ Station bei Ernst Jandl _ Wien 12/25
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